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Feridun Zaimoglu - Leyla

Die Träumerin.

Autor Feridun Zaimoglu
Titel Leyla
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Seiten 525
Bewertung 7 von 9 Punkten

„Meine Sippe besteht aus lauter Verrückten, denke ich, sie machen mir weis, daß sie nach dem Gesetz handeln, doch in Wirklichkeit leben sie nach ihren eigenen Regeln. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens verschlafen, das ist die Wahrheit. Ich bin nichts weiter als ein dummes, sentimentales Mädchen, eine junge linkische Person, die Großtante hat recht.“

Wie der Buchtitel schon verrät ist es Leyla, die hier ihre Geschichte erzählt. Leyla lebt in der Türkei der fünfziger Jahre, ihr Vater ist ein Taugenichts, ein krimineller Schläger und Haustyrann, die Familie lebt in großer Armut. Sie selbst ist als jüngstes Mitglied der Familie eine echte Träumerin. Und so geschieht das Leben, ohne dass Leyla das große Ganze verstehen will oder kann. Sie wächst auf, versucht ihrem Schicksal zu entkommen, wird zurückgestoßen, erlebt Höhen und Tiefen und landet schließlich am einzigen Ort, der ihr Hoffnung bieten kann: nämlich mehr und mehr bei sich selbst.

Feridun Zaimoglu hat eine unglaubliche Gabe, eine zeitlich und räumlich ferne Welt in bildhafte Sprache zu packen. Einer Entführung ins Anatolien zwischen gestern und heute kann man sich kaum erwehren. Es ist eine fremde Welt, die er dem Leser nahe bringt, aber sie birgt alles, was man sich darunter vorstellt. Vielleicht sogar ein wenig mehr. Zaimoglu lässt Wildheit und Rauheit des Landes, welche in den Städten bereits degeneriert, auf gewaltige Art und Weise erstehen. Leider erinnert das streckenweise stark an manches Wildwestmärchen vom brutalen und zugleich edlen Wilden. Und an alte Kolonialphantasien von 1001 Nacht.

Leyla entführt in eine Welt der Frauen. Dass Frauen in dieser Welt beim Epilieren vor Schmerzen in Ohnmacht fallen und ihnen danach in der Achselhöhle Eiterbeulen wachsen, so dass sie den Arm nicht mehr anlegen können, mag männliche Unwissenheit genannt werden. Und dass das Vokabular von Leylas Vaters hauptsächlich aus Beschimpfung mit der Vorsilbe Huren- besteht, ist eine Eigenart die man dem Buch wohl verzeihen muss.

Überhaupt herrscht über große Strecken eine beklemmende und unheimliche Stimmung vor. Das reicht vom völkischen Aberglauben: „Man darf die Kehrrute nicht hinter die Tür stellen. Ein Unterteufel aus der Höllengrotte setzt sich sofort auf die Schultern der Putzfrau und reitet sie ins Unglück“ bis hin zur Flucht nach vorne: ein Gastarbeiterdasein im fernen, fremden und grauen Deutschland.

Bis dahin bleibt Leyla nichts erspart: Sie heiratet zwar den Mann, den sie liebt, aber selbst das bringt ihr nicht das Glück, welches sie sich erhofft hat. Trauriger Höhepunkt ist hierbei sicherlich die detailliert beschriebene Abtreibung ihres zweiten Kindes: „Es ist unmöglich zu schlafen, in mir ist ein Mord passiert, und Gott läßt das verstümmelte Restfleisch in meinem Unterleib wie ein großes Herz schlagen und pumpen, pumpen und schlagen.“

Einzig Leylas Schulausflug in ein Dorf eines „wilden“ kurdischen Stammes löst das Gefühl der Beklemmung. Jeder, der selbst einmal das unglaubliche Freiheitsgefühl nomadischer Stämme angetestet hat, wird sich hier wiederfinden. Aber der große Teil der Leserschaft, welcher auf diese Erfahrung nicht zurückgreifen kann, ist bei Zaimoglu ebenfalls bestens aufgehoben. Denn fremde Gefühle vermitteln kann er wie kein zweiter.

Fazit: Es ist ein Wunder, wie Zaimoglu entführen und erzählen kann. Mal witzig, mal traurig, meist blutig kreiert er ein bizarres Gefühl der Schönheit. Das ist das Leben — schrecklich, aber zugleich unbeschreiblich intensiv.

Jasamin Ulfat


Kommentare



Andrea Sattler schrieb am 26.05.2006 um 14:57 Uhr:

Ein ganz großartiger wuchtiger Epos, der einen mitreisst. Wie stolz können wir auf Herrn Zaimoglu sein, dessen Mannigfaltigkeit keine Grenzen gesetzt sind. Auch gefallen seine Kolmmnen, Theaterstücke, Zeitungsartikel etc. genauso; diesen Mann muß man unterstützen!!!!


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