 Rebellionseinmaleins für Kleinkinder.
| Autor |
Matias Faldbakken |
| Titel |
Macht und Rebel |
| Verlag |
Heyne (Tb) |
| Seiten |
348 |
| Bewertung |
 |
|
2003 erschien Faldbakkens erster Roman The Cocka Hola Company, in dem es um Porno und coole Jungs geht. In Macht und Rebel geht es darum, die Möglichkeiten von Rebellion auszuloten — und wieder um coole Jungs.
Der Grundgedanke ist der: Widerstand funktioniert nicht mehr. Wir leben in einer durchliberalisierten Zeit, in der Gegnerschaften mit einkalkuliert und eingespeist werden und so ihren subversiven Charakter verlieren. Dieser Zustand deprimiert Faldbakkens Figuren. Er schickt sie durch den Roman auf der Suche nach dem Kick, nach Abgrenzung und Hass, weil alles egal ist, wenn man sich an nichts reiben kann, sie aber Reibung brauchen, um sich zu profilieren und dem eigenen Frust gerecht zu werden. Der prototypische Gegner ist die Linke, die all ihren Appeal als Gegenkultur verloren hat, weil das Kapital längst so funktioniert, dass es jegliche Subversion inkorporiert. Die Folgerung: Um etwas zu reißen, müssen die Menschen etwas finden, das noch nicht unter die Räder der Liberalismus gekommen ist. Faldbakken lotet an dieser Stelle die Grenzen des guten Geschmacks aus. Seine Helden ficken Zwölfjährige, drehen mit ihnen Pornos, die sie als Werbefilme verwenden, sie tätowieren sich Hakenkreuze, diffamieren Juden, sind gewalttätig und wischen sich den Arsch nach dem Kacken nicht ab.
Was Faldbakken hier wohl versucht, ist ein Zeitzeugentum. Sido und Konsorten geben ihm Recht. Wenn man anecken möchte, braucht man schon mehr als zerrissene Hosen, denn die gibt's schon fertig bei H&M. Die Linke, die sanften Rebellen, die Protestler, alles das hat seinen Platz im Mainstream und somit seine Kraft verloren. Um Aufmerksamkeit zu erregen, braucht es schwerere Geschütze: Pädophilie und Judenhass.
Als der Autor gefragt wurde, ob der Roman nicht zur Fibel der Rechten werden könne, antwortete dieser: Dafür sei das Buch zu lang. Natürlich hat er Recht, geht es hier doch mehr um Punkattitüde, als um ideologischen Fundamentalismus. Das ist einigermaßen offensichtlich. Was jedoch aufstößt, ist die völlige moralische Enthaltsamkeit dieser Schilderungen. Wo Houellebecq noch einen Klagecharakter einsetzt, werden hier die Ekelhaftigkeit, der Zynismus und die Gleichgültigkeit nicht relativiert, sondern gefeiert, so dass der moralisch gedrillte Humanist sofort einen Ekel hat.
In einem Interview sagte Faldbakken, dass es seine Absicht war, „jede auch nur denkbare Art von scheinbar fortschrittlichem oder konstruktivem Denken aufzulösen. Das ganze Gedankengebäude, auf dem unsere Gesellschaft beruht, wird auf diese Weise zum Einsturz gebracht.“ Unser ganzes Denkgebäude ist also insbesondere fortschrittlich und konstruktiv, aha. Genauso flach, wie solche Gegenwartsanalysen, fällt dann auch deren Zerstörung aus. Radikale Skeptiker, die sämtliche Werte leugnen, gab es nämlich schon immer. Durch sie wird nichts zu Fall gebracht, man vertraut normalerweise darauf, dass sie sich selbst zu Fall bringen. Dieses Projekt ist also gescheitert.
Mitunter habe ich das alles nicht geschnallt. Vielleicht geht es tatsächlich und einzig darum, harte Grenzübertretungen zu inszenieren und dabei möglichst cool auszuschauen, der alte Avantgarde-Hut. Und irgendwie schafft der Faldbakkern es nicht, seinem Text die Faszination eines brennenden Kindergartens zu verleihen, sondern diese supergelangweilte Suche nach Grenzwertigkeiten bleibt vornehmlich öde und nervt. Hinzu kommt, dass in diesem Projekt die Figuren ungeheuer eindimensional bleiben, dass der Humor, den es in Macht und Rebel geben soll, nicht meiner ist und dass ich so ein Selbstzweck-Rebellentum für eine der lächerlichsten Kindereien halte, die es gibt.
Fazit: Fundamentalistisch inspirierte Theorien werden nicht widerlegt, sondern nach einer gewissen Zeit nicht mehr ernst genommen.
Susanne Krüger
Kommentare
| Ezra Junicks schrieb am 10.03.2009 um 12:40 Uhr: |
|
|
„Mitunter habe ich das alles nicht geschnallt.“
Das erklärt diese „Besprechung“ wohl am besten. Als würde man einen Film ansehen und sich nur anhand der Bilder ein Urteil machen.
|
| Christian Scheisse schrieb am 08.08.2007 um 01:10 Uhr: |
|
|
Sehr geehrte Frau Krüger,
zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass Sie leider Ihren Beruf verfehlt haben.
Die Einzige, die nicht mehr ernst genommen wird, sind Sie.
Lesen Sie bitte in Zukunft Bücher, die Ihrem Wesen angemessen sind und wo Elke Heidenreich schon ihren Senf zu abgegeben hat. Die Nachwelt wird es Ihnen danken.
Hochachtungsvoll,
C.Sch.
|
|