JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Das Ende von Zuhause. Zuhause

Das Ende von Zuhause.

Wenn Orte der Kindheit verschwinden.

Die Zeit bis zum Abendessen (Sebastian)

Eigentlich war es nur eine holprige Wiese, die fast nie gemäht wurde. An den Enden standen zwei Tore, eines aus Holz, das andere aus alten Laternen zusammengeschweißt und 50 Zentimeter höher. Das war unser Bolzplatz. Dort wurden aus André, Thomas und Mark Maradonna, Klinsi und Baggio. Und im Tor stand der dicke Bernd, sollte er doch froh sein, wenn er überhaupt mitmachen durfte. Das Spiel endete nicht nach 90 Minuten, sondern wenn irgendeine Mutter zum Abendessen rief. Ergebnisse in der Größenordnung wie 14:12 waren normal. Über Foul oder nicht Foul stimmten wir per Faustrecht ab und zum Mann wurden wir, als uns zum ersten Mal ein Lederball in den Unterleib donnerte.
„Voll in die Eier/Nüsse/Klöten.“

Es gibt diesen Bolzplatz schon lange nicht mehr. Vor Jahren zog dort ein seelenloser Bauunternehmer eine Neubausiedlung hoch. Die Kinder, die dort wohnen, heißen Kevin, Marvin und Sören. Sie spielen Playstation und kennen Fußball nur aus dem Fernsehen.


Das Häuschen (Linda)

„Geh bloß nie ins Häuschen!“ Das war der Spruch, den jeder vor uns kurz vor Erreichen der Frühpubertät zu hören bekam. Das Häuschen gehörte zum Ort des Verderbens, der einzigen Bushaltestelle unseres Dorfes. Wir soffen dort, knutschten, rauchten unsere erste Zigarette. Im Häuschen standen mit Edding gekritzelte Namen längst vergangener Landjugend-Generationen : „Mario + Christina“ oder „Thomas ist ein doofer Penner.“ Letztendlich hat Mario doch lieber die Karin geheiratet und Thomas ist kein Penner mehr, sondern Heizungsmonteur.
Im Winter war es eisig kalt und unsere einzige Lichtquelle waren die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos. Aber es gehörte dazu. Das sah unser Oberbürgermeister Herbert anders. Um beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ zu punkten, beschloss er auf einmal etwas für die Jugend zu tun. Er richtete einen Jugendraum für uns ein. Sofas, Kicker, Getränkeautomat. Der Raum genoss bei uns kein hohes Ansehen. Die hierher kamen, das waren die Weicheier, die sich vom dem Krach, dem Schmutz und dem Staub des Erwachsenwerdens drücken wollten. Und die Gruppenleiter, die uns betreuen sollten, das waren immer die, die sonst nichts hatten.
Doch im Laufe der Zeit ahnten wir, dass die nächste Generation nicht mehr unseren Platz im Häuschen einnehmen würde. Es wurde von Woche zu Woche leerer an der Haltestelle.
Bis alle im Warmen saßen.


Leberwurst hinter Gittern (Kerstin)

„Ohh, ist der süß. Den will ich haben“. Solche Gefühlsausbrüche kennt man ja von Kindern, wenn ein Tier in Sichtweite ist. Auch ich konnte mich immer schon für Tiere begeistern. Deswegen bin ich auch schon im Kindergarten immer zu spät gekommen. Denn der Weg führte an einem Käfig mit Ziegen und an einer Voliere vorbei. Da war ich natürlich nicht weg zu kriegen und erfand die abenteuerlichsten Geräusche, um die süßen Tierchen auf mich aufmerksam zu machen. Wenn es klappte, wurde ich mein Frühstücksbrot los. Wenn es nicht klappte, dann schmiss ich es auch einfach rein, aber das ist eine andere Sache. Heute gibt es zwar den Käfig und auch die Voliere noch. Aber es werden nur noch Holzstämme und Baumaterial darin gelagert. Die Wellensittiche sind ausgeflogen und die Ziegen wahrscheinlich in irgendeinem Zoo. Das hoffe ich zumindest — dass sich wenigstens noch ein Pfleger ab und zu um sie kümmert und sie noch irgendwo ihr regelmäßiges Futter bekommen. Wenn es auch kein Leberwurstbrot mehr ist.


Betongarten (Stefan)

Es gab einen großen Garten. Und es gab uns. Wir waren fünf und dieser Garten war die Welt. Er war Nottingham Forest und er war Robinsons Insel, war Amerika, bevor die Engländer kamen und war afrikanischer Dschungel. Zwischen die Äste der Bäume nagelten wir Bretter, in einem Holunderstrauch richteten wir unsere Zentrale ein. Wir hatten Beete, auf denen wir Erdbeeren anpflanzten, um sie im Juni zu essen. Im Juli wurde uns von den vielen Kirschen schlecht.
Neben dem Garten floss ein Fluss. Aus dem Schilf bastelten wir uns Schwerter, wir bauten Höhlen, wir wollten einen Brunnen graben, zehn Meter tief sollte er werden, zwei schafften wir. Eines Tages kamen zwei ältere Menschen in Anzügen in unseren Garten. Sie sprachen und malten mit den Fingern Kreise in die Luft und nickten geschäftig. Sie kamen immer wieder und wir versteckten uns in den Bäumen und im Schilf und beobachteten sie. Wir schmiedeten Pläne, diskutierten stundenlang Verschwörungstheorien.

Dann kamen die Bagger. Sie fällten die Bäume, sie rissen das Schilf aus, sie schütten Erde auf und gossen Beton über das Gras. Sie bauten eine Tankstelle. Am Fluss roch es nicht mehr nach Erdbeeren, sondern nach Benzin. Abends trafen sich tiefergelegte Golfs und kahlgeschorene Bomberjacken in unserem Garten und warfen Sternquell-Bierdosen in den Fluss.

Redaktion



XML (RSS/RDF)