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Interview mit Emiliana Torrini

„Musiklehrerin werden, das ist es.“

Fischerman's Woman ist sicherlich eines der beeindruckensten Alben dieses Jahres. Grund genug, auf dem Haldern Pop Festival den Schlamm Schlamm sein zu lassen und mit Emiliana Torrini ins Gespräch zu kommen. Bevor sie am Abend im überfüllten Spiegelzelt ein bezauberndes Konzert gab, sprach Jörg Dietrich mit Frau Torrini über Haie, Tom Waits und die persönliche Hölle.

Zwischen Love in the time of science (1999) und Fisherman's Woman (2005) hast du einen schweren Verlust erfahren. Ist des Fischers Frau die offensichtliche Metapher für den Verlust deines Freundes und glaubst du an eine Art Leben nach dem Tod und wenn ja, wie würde es aussehen?

Wenn du stirbst, stirbst du. Ich habe meine Sicht auf Religionen und ich respektiere sie sehr. Ich denke nur, dass sie für mich nicht sehr gut funktioniert haben. Die Annahme von Religionen, dass du ein besseres Leben nach dem Tod verdienst, wenn du etwas dafür getan hast, ist eine schlechte Art von Denken. Ich glaube, der einzige Weg für diese Welt und dieses Leben, besser zu sein, ist, wenn die Menschen tatsächlich denken: Das Hier ist, was man bekommt und man sollte es gut nutzen, eine gute Person sein und mit einem Lächeln auf dem Gesicht sterben. Denn ich glaube, die eigene persönliche Hölle ist der Moment, wenn man stirbt und dann ist da nichts weiter.

Und das Bild vom Fischer und seiner Frau?

Wie man das verstehen soll? Nun, es ist eine Metapher. Der Vater einer guter Freundin war den größten Teil des Jahres auf See. Seine Frau sah ihn also vielleicht zwei Wochen im Jahr. Du musst schon eine verdammt harte Person sein, dass mitzumachen. Drei Kinder haben, eine ziemlich außergewöhnliche Beziehung mit Deinem Partner und als ihr Mann dann mit der Arbeit aufhören wollte, da sagte er: „Ich habe genug gearbeitet, aber irgendwie brauche ich es doch.“ Sie wollten also wegziehen und aufhören zu arbeiten, früh in den Ruhestand gehen und dann starb er. Da dachte ich nur, „Puh, das ist so Hardcore.“ Mir ging es um diese zwei Dinge. Zum einen schaute ich zu ihr auf, als ich meine Schwierigkeiten hatte. Ich bin eine so viel egoistischere Person. Aber sie konnte das, wie es viele Fischerfrauen müssen, oder Frauen von Piloten, was weiß ich wer. Es ist diese Art von Stärke der Person, die zurückgelassen wird. Davon hätte ich damals auch gern etwas gehabt.

Wie kamst du schon mit 16 Mitte der Neunziger dazu, professionell Musik zu machen?

Das war reiner Zufall. Von sieben bis 13 war ich im Chor und dann ging ich bis 15 zur Opernschule. Da fragte mich eine Band, ob ich im Hintergrund singen könnte, denn sie malten sich aus, dass ich singen könnte, weil ich eine Gesangsausbildung machte. Sie hatten mich allerdings nie gehört. Trotzdem sang ich am Ende vier Songs auf ihrer Platte. Dann hatte ich einen Ferienjob in der Fischfabrik, während ich abends ins Theater ging und einen Song in Hair sang. Dort fragte ich den Musikdirektor, ob er von mir fünf Songs für meines Vaters Geburtstag aufnehmen würde. Daraus wurde dann meine erste Platte (Croucie d'ou lá). Danach machte ich eine Platte mit Gus Gus. Also bin ich da mehr so hinein gestolpert. Ich glaube, ich sagte damals zu allem Ja, weil ich so aufgeregt war. Ich dachte: Wow. Ich liebte das Singen und wollte Musik entdecken und erfahren, den Blues, den Jazz und all die Dinge, die ich noch nie gehört hatte. Dann machte ich eine weitere Platte, das waren zur Hälfte Coversongs und zur Hälfte neu geschriebene Stücke. Da war ich auf einer Art Tom Waits Trip. Ich wollte ihn heiraten und danach mit der Musik aufhören. Ich sagte mir, ich kann nicht für immer Songs covern und den Rest meines Lebens eine Karaoke-Queen sein. Also blieben mir noch zwei Jahre in der Opernschule und danach wollte ich durch die Welt reisen, Bulgarien, Indien, die ganze östliche Welt. Ich wollte Folkmusik sammeln und nach Hause zurückkommen und schließlich Musiklehrerin werden. Das war meine Ambition. Und sie ist es noch, glaube ich.

Also kannst du vom Musik machen leben?

Ja.

Kürzlich habe ich das Video zu Heartstopper, deiner neuen Single, gesehen und mich in dieses Video verliebt. Wer ist dafür verantwortlich, wie kamt ihr auf diese Idee? War es deine Idee, die Geschichte mit Puppen zu erzählen, oder kanntest du einfach die richtigen Leute?

David Lee machte das Video. Ich liebe seine Videos und es schien, als lese er meine Gedanken. Das ist schon sehr selten und passiert nicht jederzeit, wenn man einen anderen Künstler trifft und nichts erklären muss. Alles schien einfach perfekt. Als ich die Idee das erste Mal hörte, dachte ich Wow, dass ist brillant. Ich dachte, er würde eine Socke über die Hand ziehen, zwei Augen drauf kleben und dann BlaBlaBla. Wir hatten ja kein Geld, doch er brachte die Zeichnungen an und machte unglaubliche Sketches. Dann kamen die Leute für die Puppen, schnitzten sie und es wurde sooo groß und alles war echt und ich dachte: Das ist Wahnsinn! Es ist einfach erfrischend, wenn man Menschen trifft, die so viel mit wenig Mitteln machen können. Mir ist es das Liebste, Menschen bei der Arbeit zuzusehen, wenn sie leidenschaftlich dabei sind und es tun, weil sie die Musik lieben. Es ist erfrischend und aufregend und sie tun etwas ziemlich Spektakuläres, einfach so. Es ist wie Magie. Ach ja, und er war es, der die Idee hatte.

Wer hat das Plattencover für die neue Platte (Fisherman's Woman) entworfen? Es scheint dem vorigen sehr ähnlich zu sein. Und gab es dazu einen Wettbewerb im Internet? Du scheinst ja eine sehr starke Fangemeinde zu haben.

Nein, da gab es eine Remix-Serie zur letzten Platte. Wir erlaubten den Fans, Remixe zu machen. Das lief über Fat Cat England. Die Fans konnten die Mixe ins Netz stellen und ihre eigenen Cover machen. Also gestalteten sie Cover, nutzen dafür Sandpapier, machten es zu Hause und schickten uns die Mixe. Wir spielten sie im Internet und ich fand es brillant. Ich würde davon gern mehr machen, einfach meine Stimme ins Netz stellen und die Leute die Remixe machen lassen. Doch dann denke ich, die Plattenfirmen sind wohl nicht so glücklich mit solchen Aktionen, also trickst man wohl manchmal ein bisschen.

Trotzdem, das Plattencover ist schon deutlich anders als das vorherige. Dieses war sehr handgemacht, wie alles an der Platte, genauso wie die Songs sind. Das vorherige Album war eher elektronisch und auf diesem sollte alles so organisch wie möglich sein. Ich habe alles handgeschrieben. Das war so eine Idee, die ich hatte. Wir verwandten getrocknete Blumen, wir präparierten sie zu Hause, wir waren ziemlich durchgeknallt. Es kostete viele Überstunden und eine Menge Arbeit und ich bezweifle, dass ich so etwas noch mal machen würde. Aber es war wirklich gut. Es machte Spaß, etwas sehr Persönliches zu schaffen. Es ist doch ziemlich erstaunlich, wenn die Menschen heute eine Platte kaufen, wo sie die doch einfach aus dem Internet kriegen könnten. Da gibt es ein sehr starkes Wohlwollen im Sinne des Künstlers. Die Leute wollen, dass du weitermachst. Man muss eben etwas mehr als nur die Musik geben. Man sollte etwas Schönes schaffen. Ja, es kostet viel Geld, dieses Papier und das und jenes zu verwenden, aber man weiß ja die Leute müssen es wirklich nicht kaufen und sie tun es trotzdem. Also muss man zeigen, dass man mehr Arbeit hineinsteckt. Einfach um auch Danke zu sagen. Man denkt eben. Es war richtig cool und es hat Spaß gemacht.

Es gibt diese verrückte Geschichte aus einer deiner Antworten vor langer Zeit. Eine Großmutter deiner Familie stürzte sich aus Eifersucht zu den Haien ins Meer. Das ist kaum zu glauben. Warum sollte sie das getan haben und woher kannst du das wissen? Die Geschichte ist aus dem 13. Jahrhundert.

[lacht] Ich habe keine Ahnung. Ich hörte die Geschichte und war glücklich, dass es sie gibt. Aber ich habe nie gesagt, dass sie mit mir zu tun hat. Sie war ausgedacht. Jede Menge Interviews sind ausgedacht.

Du hast viele Songs über Beziehungen, die keine sind geschrieben. In Sunny Road heißt es: „I loved too many, now heaven's closed its gate“. Ist es schwerer eine Beziehung zu führen, wenn man eine bekannte Sängerin ist?

Nein, ich glaube nicht, dass es in meinem Leben darum geht, eine bekannte Sängerin zu sein. Meistens weiß ich das gar nicht und fühle es auch nicht.

Und auch die Leute in Deiner Umgebung bemerken es nicht?

Nein, ich werde nicht auf der Straße erkannt. Hallelujah, ich könnte sterben, wenn ich auf der Strasse erkannt oder angesprochen werden würde. Ich fühle mich auch nicht so. Ich finde es immer witzig, wenn die Leute sagen: „Jetzt bist du bekannt“ oder „Jetzt bist du ein Star“. Dann denke ich: Bin ich das? Wirklich? Und dann habe ich ein Konzert und da sind vielleicht 1000 Menschen und ich denke: Was tun die alle hier? Das ist schon immer etwas seltsam. Aber ich bin glücklich, dass es mir so geht. Dass sich Leute für die Musik interessieren, dass sie zu den Konzerten kommen und dass sie nicht etwas anderes interessiert. Das macht mich wirklich glücklich.

Jörg Dietrich


Kommentare



lady-vinyl schrieb am 18.08.2005 um 16:45 Uhr:

Emiliana ist sowas von grossartig, schön dass Ihr gerade Sie im Interview habt.
Auf dem Boden gebliebene Elfe.

eMail: stopforacoffee@hotmail.com


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