 Die drei S in Deutschland.
Liquido wirbt für das Ü-Ei. Günther Jauch für Deutschland. Dirk von Lowtzow gegen Deutschland.
Spannung, Spaß und Schokolade. Tim Eiermann wollte diese Worte nicht mehr hören. Weil er sie heute schon zehntausendmal gehört hatte. Gebrüllt, geflüstert, gesungen, ironisch gebrochen. Spaß, Spaß, Spaß. Er saß mit seinen Bandkollegen von Liquido in einer Studiokulisse, der falsche Asphalt bröckelte als Pappe zu ihren Füßen. Gerade wiederholten sie die witzigste Szene für das Werbevideo: Ihr Sänger hatte anstatt Benzin Ü-Eier von der Tankstelle mitgebracht. Jetzt musste er noch mal los. Keiner lachte mehr. In der zwanzigsten Wiederholung verlor jede noch so gelungene Pointe ihren Witz. Tim spuckte die Schokolade ungekaut in ein Tempotaschentuch. Der süßliche Geschmack ekelte ihn mittlerweile an.
Es war eine große Überraschung gewesen. Ferrero hatte Liquido angerufen. Für einen Werbespot. Für Geld. Für die Augen Millionen Fernzuschauer. Tim Eiermann hätte sich gewünscht, er hätte die Verantwortlichen nach dem Warum gefragt. Warum Liquido? Warum zu diesem Zeitpunkt? Warum das Ü-Ei? Wahrscheinlich konnte es keine einzige Antwort darauf geben. Vielleicht Mitleid. Vielleicht hatte sich einer der kreativen Köpfe damals zu den Worten Now you have shaped the liquid wax / fit it out with crater cracks zum ersten Mal verliebt. Tim Eiermann fragte besser nicht nach. Er hielt den Mund, auch als der Regisseur in die Hände klatschte und um eine Wiederholung bat, „ein letztes Mal, dann ist das im Kasten, volle Konzentration bitte.“
Tim Eiermann erinnerte sich an die schlimmsten Tage seines Lebens. Damals, als Narcotic die Hitparaden und die Herzen einer ganzen Generation stürmte. Alle schlugen auf ihre Schultern. Menschen, die später das Wort „Flashmob“ erfanden, erklärten diese Musik augenzwinkernd zum Pollunderpop. Augen zwinkern auch, wenn keine Tränenflüssigkeit mehr vorhanden ist. Damals waren Liquido nur ein Nebenprojekt gewesen. Die eigentliche, die gute Band hieß Pyogenesis. Pyogenesis hatten mit Unpop ein stilles Stück Musikgeschichte geschrieben. Tim Eiermann war klar, dass Stücke wie Love Nation Sugarhead und Blue Smiley's Plan das beste war, das er jemals machen würde. Doch die Band musste eine Entscheidung treffen. Explosiv, die Morgenmagazine, alle klopften an ihre Tür, wollten mehr mehr mehr. Und der Band war klar: Liquido würden immer Narcotic bleiben. Pollunderpop war wie ein Flashmob: Nur für einen Sommer gemacht. Die musikalische Revolution, Keyboardkindermelodien zu verzerrten Gitarrenklängen zu spielen, würde in naher Zukunft schon ihre Kinder fressen. Mit Pyogenesis hingegen hätte die Möglichkeit bestanden, vielleicht auf Dauer… Liquido entschieden sich. Beraubten Pyogenesis ihrer Kraft, zerstörten die Band. Nahmen einen Nachfolger von Nacotic auf, einen Nachfolger vom Nachfolger. Und saßen heute auf dem Set, hielten Überraschungseier in den Händen. Es war die schlimmste Zeit seines Lebens, weil Tim Eiermann eine Entscheidung getroffen hatte, die ebenso tragisch wie falsch gewesen war. Die unwiderruflich den Lauf seines Lebens geprägt hatte.
Am Set nebenan klirrte Sektglaskristall. Eben stieß Dirk von Lowtzow mit Günther Jauch auf den erfolgreichen letzten Take an. Das Licht verlosch, der Tonmeister packte die Angel ein, die Maskenbildnerin wartete geduldig darauf, Jauch abzuschminken. Jauch hatte seinen Spruch aufgesagt. Für eine gute Sache, wie er fand. „Du bist Deutschland.“ Natürlich war Jauch das. Wer auch sonst? Im Hintergrund flirrte Jochen Distelmeyer mit Kati Witt, Knarf Rellöm scherzte mit Kool Savas, Bernadette La Hengst fachsimpelte mit Patrick Lindner über Musik.
Die sympathischsten Promis der Republik gaben sich die Klinke in die Hand, um für Deutschland die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Ein kleines Mädchen brüllte „Geh endlich von der Bremse“ in die Kamera und das war niedlich und irgendwie ergreifend und natürlich erwartete niemand, dass Siemens plötzlich sagen würde, „Hey, cooler Spot, statt 6000 Arbeitsplätze zu streichen, bauen wir drei Werke, ja genau, in MeckPom, die haben es dort echt nötig.“ Das erwartete niemand. Es ging um Zeichen, um Signale, subtil sollten sie sein, unaufdringlich, aber eine optimistische Grundhaltung war eben auch Bürgerpflicht. Harald Schmidt zum Beispiel sah das genauso, und Gerald Asamoah auch und gemeinsam gingen sie an diesem Tag für Deutschland ins Licht.
Was die Promis nicht wussten: Sie waren nur Figuren im diabolischen Spiel einer abgekarteten Sache, dessen einziger Zweck Verdienst war. Im Dunkeln, wenn niemand so genau hinsah, wuchsen Lowtzow, Distelmeyer und all den anderen kleine rote Teufelshörner aus den Schläfen und sie rieben sich zufrieden die Hände. Alles, wirklich alles lief genau nach Plan. Klar war: Niemand konnte diese Kampagne ernst nehmen. Viel zu deutlich war der Leitspruch an „Wir sind Papst“ angelehnt, viel zu geklaut das ästhetische Konzept vom 92er Olympia-Logo und inhaltlich war nichts, worüber sich länger nachzudenken lohnte.
Soviel war klar. Klar war auch: In Kürze erschien ein Album, ein Buch, würde es eine Tour geben. „I can't relax in Deutschland.“ Deshalb schrie Lowtzow seit einiger Zeit auf den Konzerten seiner Band „Deutschland, Halts Maul“, was jedoch fälschlicherweise als Protestbekundung aufgefasst wurde, obwohl es doch als Werbeslogan gedacht war. Deshalb der neue Name. „I can't relax in Deutschland.“ Eine ebenso gute Sache wie „Wir sind Deutschland“, vom jeweiligen Standpunkt aus. Nun galt es, den Markt für die neuen Produkte zu sensibilisieren. Und das funktionierte optimal, indem der Markt in Rage gebracht wurde. Denn nichts ist einfach zu kalkulieren als die Reaktion einer Zielgruppe.
Damals bei Mia. hatten sie das Konzept erfolgreich getestet. Arne Zank hatte sich eine Deutschlandfahne um den schmalen Körper geschlungen und sich Mieze genannt, Kante hatten sich die Haare ins Gesicht gekämmt und als Berliner verkleidete Jungs elektronischalternative Musik gespielt. Die kontrovers geführten Diskussion hatten bewiesen: Die Reflexe funktionierten immer noch. Gerade eben. Die Eberswalder Virginia Jetzt! waren unbeabsichtigt Nutznießer der Situation gewesen. Die Debatte hatte eine angenehm, sachliche Eigendynamik entwickelt. Leider hatte es damals noch eine keine Möglichkeit gegeben, die Situation auch ökonomisch zu nutzen.
Doch nun sollten sich die damals gewonnenen Erkenntnis in barer Münze auszahlen. Ins Licht gehen. Und all die, die das dünne Konzept der „Wir sind Deutschland“ — Kampagne durchschauten, würden sich mit Entsetzen abwenden. Sie würden schimpfen, diskutieren, argumentieren, parodieren. Und den Gegenentwurf kaufen. Würden „I can't relax in Deutschland“ kaufen und „Deutschland Halts Maul“ auf ihre Stirn tätowieren. Und in ganz Deutschland würde Deutschland stehen und es würde den Anschein haben, als könnte es eine einzige Antwort auf all diese Fragen geben.
Tim Eiermann hielt sich die Ohren zu. Er mochte nichts mehr hören von Deutschland, von Spannung, Spaß. Von Schokolade. Das Ü-Ei zerschmolz im heißen Scheinwerferlicht und kleine Tropfen Schokolade tropften auf seine Hose. Aber immerhin Scheinwerferlicht. Das hatte es ja die letzten Jahre nicht mehr gegeben. Tim hörte Jauch lachen. Eines Tages, dass wusste er, eines Tages, würde Dirk von Lowtzow die Mauer zwischen den beiden Aufnahmestudios niederreißen und er würde ihn, Tim Eiermann, früher Pyogenesis, heute Liquido, zum Sekt mit Schmidt und Witt und Asamoah bitten und dann würde Tim Eiermann wissen, dass die Entscheidung, die er für solange Zeit für so falsch empfunden hatte, dass diese Entscheidung die richtige war.
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Stefan Petermann
Kommentare
| Silke schrieb am 09.12.2005 um 12:24 Uhr: |
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Dieser Artikel muss wohl von einem Journalisten stammen, dessen Karriere kurz vorm aus ist… aber keine Sorge… der wirds auch nicht mehr retten. (Wäre ich Chef, gäbe es jetzt einen Arbeitslsoen mehr in Deutschland). So einen Mist habe ich schon lange nicht mehr gelesen… besser gesagt noch nie… Was man nachts träumt sollte man wohl eher in seinem Tagebuch notieren und nicht als Artikel im Internet veröffentlichen.
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