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Die Zwangsalternative. Die Alternative

Die Zwangsalternative.

Ich werbe, also bin ich.

Ein Sommernachmittag im Garten. Eine Schar kleiner Mädchen tobt herum und man kann Gesprächsfetzen wie die folgenden auffangen:
„Wir spielen jetzt Prinzessin. Also ich wär Prinzessin Calla von den Gummibären.“
„Ich wär Dornröschen.“
„Ich wär Cinderella…“
„Aber…“ — Betretenes Schweigen der beiden ersten Mädchen. Dass das dritte Mädchen Cinderella spielt geht doch nicht! Nicht, dass sie es ihr nicht gönnen würden, aber Mädchen Nummer drei sieht nun mal überhaupt nicht aus wie Cinderella. Schwarze Haare, dunkle Haut — das geht beim besten Willen nicht.
„Du siehst doch gar nicht aus wie Cinderella! Du… du wärst jemand anderes.“ Aber leider finden die drei Mädchen keine optisch passende Prinzessin. Und so muss sich die Kleine selbst eine Prinzessin ausdenken. Oder die böse schwarzhaarige Stiefmutter spielen.

Diese Geschichte, so banal sie auch klingt, sagt vieles über unsere Gesellschaft aus. Wie zu erwarten geht es hier um das schöne Thema „Integration“. Zwei Dinge lassen sich guten Gewissens über den Menschen sagen: Erstens ist er ein Herdentier, das heißt er braucht in fast allem Vorbilder. Zweitens ist er stark visuell geprägt und das Vorbildersuchen funktioniert über das Auge.
So schaut man sich im Laufe seiner Kindheit eine Menge Verhaltensmuster ab: Von der Mutter, der Kindergärtnerin, der Grundschullehrerin, der Prinzessin aus dem Märchen, dem frechen Mädchen aus der Fernsehserie. Bei mir war das immer schwierig. Ich bin ein Kind der Interkulturalität. Mein Vater kommt aus dem fernen Orient, quasi direkt von der Seidenstraße, wohingegen meine Mutter so deutsch ist wie man es nur sein kann. Äußerlich sieht man mir die Seidenstraße stark an, innerlich ist die Zuordnung um einiges schwieriger. Und das hängt — so blöd es klingen mag — auch ganz stark mit der fehlenden Identifikation zusammen.

Um „zur Gesellschaft“ dazuzugehören, muss man sich in ihrem Alltag wiederfinden. Und der Alltag sieht so aus: Von Werbeplakaten grinsen einem seit jeher Durchschnittsmenschen entgegen. Die Werbung sucht sich keine markanten Gesichter aus, sie will die durchschnittliche Schönheit. Damit jeder, der an den Plakaten vorbeispaziert sich mit der abgebildeten Person und somit mit der abgebildeten Ware identifizieren kann. „Ah, was für ein schönes Telefon! Wie nett das Wasserbett! Was für eine tolle Zahncreme!“ Menschen, die so sind wie wir, machen uns vor was es heißt, ein „normales“ Leben zu führen.
Aber ich habe mich seit frühester Kindheit nie angesprochen gefühlt. Die Menschen auf den Plakaten sahen nie so aus wie ich. Ergo brauchte ich auch die angepriesene Ware nicht. Ergo gehörte ich nicht zum „normalen“ Leben dazu.

Barbie zeigte uns, wie man als fesches und selbstbewusstes Party-Girl auszusehen hatte — so konnte ich nie werden. Die Schminktipps aus Modemagazinen habe ich nur einmal ausprobiert: heller Lidschatten lässt mich eben nicht frisch sondern krank aussehen. Wo auch immer ich in die Gesellschaft blickte und nach Handlungsmustern suchte, gab es keinen Widerhall. Ich sah nicht so aus wie diese Frau — nicht im Geringsten — also brauchte ich auch kein Trampolin, keine Waschmaschine, keinen Apfelsaft.
Und schaute man sich in der Märchenwelt um, war es keinen Deut besser. Schneewittchen zum Beispiel — die schwarzen Haare waren schon nicht schlecht, aber die Haut so weiß wie Schnee? „Weiß wie Schnee“ ist das deutliche Gegenteil von „Cremefarben wie Milchkaffee“. Lady Morgana mit den dunklen Augen und dem dunklen Haar war die böse Hexe, die liebreizende Königin Guinevere hingegen war blond. Musste ich denn immer die Böse oder die Sklavin spielen?

Man verstehe mich nicht falsch: Es ist nicht so, dass ich meinen Lebtag weinend im stillen Kämmerlein verbrachte, nur weil Chinesinnen nicht für Tampons, und Inderinnen nicht für pro-biotische Abführjoghurts warben. All diese Beeinflussung passierte unterbewusst, und ich wurde quasi gratis zur Individualität gezwungen — das hatte enorme Vorteile und ich weiß es sehr zu schätzen.

Interessant sind für mich bloß die Mechanismen, die ich erst heute erkannt habe. Schaut man sich nämlich in der medialen Welt um, so bemerkt man einige Veränderungen. Seien es nervige türkische Viva-Moderatorinnen, Kopftuchmädchen in Toten-Hosen-Video-Clips, indische Barbies oder der Ikea-Katalog mit der durchschnittlichen Sonntag-Morgen-Familie auf afrikanisch. Auf einmal wird mir gezeigt, dass man als dunklerer Mensch nicht nur als Hintergrund oder exotische Ausnahme fungieren muss. Man kann auch Alltag sein. Und trotzdem wichtig.
Erstaunlich bloß, dass diese Entwicklung nicht von der Politik herbeigeführt wurde. Vielleicht könnten die kleinen Mädchen sich viel eher mit ihren Grundschullehrerinnen identifizieren, wenn es darunter auch mal eine mit Sari oder mit Kopftuch gäbe. So hat das eben die Industrie übernommen. Denn wie sehen die Kinderspiele im 21. Jahrhundert aus?
„Wir spielen jetzt Prinzessin. Also ich wär Calla von den Gummibären.“
„Ich wär Dornröschen!“
„Ich wär Pocahontas!“
„Und ich wär Jasmin von Aladdin!“

Integration durch Walt Disney. Es lebe die Flexibilität der Wirtschaft! Übrigens trifft das nicht nur auf Migranten zu. Auch kleine Jungs mit Brille und beleibtere Renovierfrauen haben es mittlerweile in die Gesellschaft geschafft.

So Ihr Lieben, und ich geh mir jetzt erst mal eine Waschmaschine kaufen…

Jasamin Ulfat


Kommentare



Daniel Link schrieb am 10.10.2006 um 02:22 Uhr:

Ich bin froh, dass du so bist.

Homepage: www.konsistent.de

katrin schrieb am 04.04.2006 um 19:35 Uhr:

auch ein dickes dankeschön!

ich bin noch so n bisschen dabei das alles zu verstehen..warum ich jetzt ausgerechnet so sein muss..aber gut tut son artikel schon**


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