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Das Leben. Ein Provisorium.

Das Leben. Ein Provisorium.

Still und heimlich schleichen sich die schlechten Gewohnheiten ein.

„Nichts hält länger als ein Provisorium“ ist ein Leitsatz gleicher Kategorie wie „Die Wahrheit ist ein Aderlass am Herzen“. Man sollte sich solche Sprüche auf die Stirn tätowieren lassen. Damit jeder Bescheid weiß. Gerade über ein Provisorium. Ein solches ist das Leben. Man richtet sich ein, nach dem besten Wissen und Gewissen, weiß um die vielen Fehler, die andere schon begangen haben und aus denen man lernen könnte, entwickelt Vorstellungen und Ideale, weicht mal mehr, mal weniger elegant zahlreichen Fettnäpfchen aus, arrangiert sich temporär, bevor man die nächste Etappe in Angriff nimmt. Und plötzlich ist man mittendrin. Die Gegenwart scheint nicht vollkommen das Gegenteil von dem zu sein, was man für sich in Anspruch genommen hatte zu werden, doch auch nicht vollends die Erfüllung aller Hoffnungen.

Und wenn man dann die Kraft findet, eine persönliche Qualitätskontrolle einzuberufen, ein „What went good and what went wrong“-Meeting, dann wird man möglicherweise keinen absoluten Grund dafür finden, warum sich ideal von real unterscheidet. Sondern vielleicht all die Zugeständnisse, die man im Laufe der Jahre gemacht hat, als Ursache ausmachen. Das Leben als Summe der kleinen Kompromisse, die man eingeht und sich damit beruhigt, dass sie nur vorübergehend sind. Dass man momentan mit ihnen paktiert, aber es eigentlich ganz anders im Sinn hat. Bei Kleinigkeiten genauso wie im Großen. Nach dem Einzug in eine Wohnung der Vorsatz, einmal die Woche zu putzen, saugen, wischen, wenigstens so grob, dass sich der Staub nur auf dem CD Regal ansammelt. Natürlich finden sich bald Haare im Ausguss, flockt Dreck zu kleinen Haufen zusammen, wird aus einer Woche 10 Tage wird die Notwendigkeit erst zu säubern, wenn ein Fruchtfliegenschwarm über dem Biomüll kreist. Und das liegt nicht unbedingt an mangelnder Disziplin oder falsch verstandener Hygienevorstellung.

Oder Freunde, die weggehen. Die man zweimal die Woche getroffen hat, zufällig, mit Absicht, egal, man sprach mit ihnen und war genauso Teil ihres Leben wie sie Teil des eigenen Lebens waren. Dann verlassen sie die Stadt und anders als bei den anderen Freunden, die gegangen sind, will man diesmal Kontakt halten. Telefonieren, immer auf dem neusten Stand sein, locker schwätzen und da sein, wenn schwerwiegende Probleme anstehen. Plötzlich ist ein halbes Jahr vergangen und nach einem Anruf im weit entfernten Mannheim hat der Freund eine neue Freundin, ist in eine andere Wohnung gezogen, hat den Job gewechselt und wohnt gar nicht mehr in Mannheim. Die Themen, über die man reden könnte, schwinden, sie beschränken sich auf Erinnerungen oder Fragen über die Steuererklärung. Man schreibt Postkarten, man weiß, man sollte nichts übers Wetter oder Essen schreiben, sondern macht stattdessen eine popkulturelle Anspielung, die aber das Wetter, das Essen dieser Generation ist. Schließlich wird man auf eine Hochzeit eingeladen, den Partner/die Partnerin kennt man besser vom yahoo-Fotoalbum als von persönlichen Treffen. Man umarmt sich, posiert für Fotos und verlässt die Feier doch schon kurz nach eins, weil man die Rituale der Feier seltsam findet, die Witze in der Hochzeitszeitung fad und nicht versteht, warum der Freund/die Freundin die Menschen als Freunde eingeladen hat, die er/sie eingeladen hat.

Kompromisse sind das Schmiermittel der Liebe. Ohne gegenseitige Übereinkünfte ist ein friedliches Zusammenleben nicht möglich. Und doch funktionieren auf Dauer nur solche Zugeständnisse, die nicht schwer fallen. Keine, die man sich an jedem Tag wieder ins Gedächtnis rufen muss, keine, die einen in regelmäßigen Abständen an dieser, aus freien Stücken getätigten Partnerwahl zweifeln lassen. Diese einfachen Kompromisse stoßen die Tür sperrangelweit auf für Gewohnheiten, gute wie schlechte. Die eigenen Eltern reden sich mit „Vati“ und „Mutti“ an. Das kann man das Ende der Liebe nennen und sich trotzdem Schmusenamen geben, die Seifenoperautoren nicht in ihren schlimmsten Alpträumen einfallen würden. Man rümpft die Nase über die Jogginghose als prolliges Accessoires der sogenannten Unterschicht und kauft dennoch die Boxershorts im Dreierpack bei Tchibo. Anstatt des dreimonatigen Trips durch Südamerika doch lieber der Skiurlaub mit dem befreundeten Pärchen, mit dem man die letzten Jahre schon so gut klar gekommen ist. Statt Küssen Küsschen, statt selbstgemachter Vinaigrette ein chemisches Salatkräuterdressing von Knorr. Man richtet sich ein. Hat sich im Laufe der Beziehung auf einen gemeinsamen Musikgeschmack geeinigt (Jack Johnson? Amy Winehouse? Depeche Mode?). Dem bleibt man treu. Natürlich fährt man noch zu Konzerten, aber nur zu den gemeinsamen Bands, nur zu Konzerten, wo der Eintritt 50 Euro und mehr kostet. Filme schaut man lieber auf DVD an. Man findet sich miteinander ab. So gut, dass immer weniger Freunde und Pärchen in das gemeinsam aufgestellte Raster passen. Sie verschwinden, selten gehen sie nach einem offenen Bruch, sind bald tote Megabyte auf der Partyschnappschussfestplatte.

Am Ende sitzt man Montag Abend bei belegten Broten und einer Flasche Rotwein, bekleidet mit Boxershorts von Tchibo und dem abgetragenen Depeche Mode-Konzertshirt und schaut Wer wird Millionär? an. Das ist nett, das hat in diesen Momenten nichts mehr mit Sexualität oder Leidenschaft zu tun. Aber muss es das? Nur begrenzt kann man Neues ertragen. Abwechslung zu minimieren, die Routine still und heimlich ins Leben zu lassen, hat bei genauer Überprüfung, mehr Vor- als Nachteile. Aus dem Provisorium ist ein Dauerzustand geworden, nicht mal ein schlechter. Und an den Tagen, an denen die Vorstellung unerträglich wird, dass sich in den Kompromissen, die wir eingehen, unser wahrer Charakter zeigt, an diesen Tagen besuchen wir die Vorstellung eines aus Funk- und Internet bekannten Comedian, der unsere kleinen Marotten und Schrulle augenzwinkernd aufs Korn nimmt, nicht allzu böse, nicht allzu zynisch, sondern genauso nett und normal, wie wir es im Grunde unserer Herzen eigentlich sind.

Bert Lüders


Kommentare



Jörg schrieb am 12.11.2007 um 18:52 Uhr:

Liest sich schön und voller Weisheiten und Nachdenkmomente. Auch ohne das man anfängt es mit dem eigenen Leben zu vergleichen.


Rick schrieb am 12.11.2007 um 14:11 Uhr:

Scheiße, wieso fühle ich mich vom letzten Drittel so angesprochen?

eMail: rick.peskowa@koeln.de

Rick schrieb am 12.11.2007 um 14:11 Uhr:

Scheiße, wieso fühle ich mich vom letzten Drittel so angesprochen?

eMail: ric.peskowa@koeln.de

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