 Ein Schritt zu spät.
Der zweite Mann auf dem Mond.
Edwin „Buzz“ Aldrin ist der erste Mann auf dem Mond. Jedenfalls bis März 1969. Zu diesem Zeitpunkt testet die Crew der Apollo11 zum ersten Mal den Ausstieg aus der neu konstruierten Landefähre, die wie eine gigantische Spinne aussieht. Aldrin ist der erfahrenste Astronaut im Team und hat im Gegensatz zu Neil Amstrong schon Erfahrungen mit Aufenthalten außerhalb von Raumkapseln gemacht. Aldrin ist der Pilot der Landefähre Eagle und sitzt als solcher rechts von der Ausstiegsluke. Beim Test muss er über Neil Armstrong klettern, um die Eagle verlassen und damit als erster Mensch den Mond betreten zu können. Dabei werden Teile der Inneneinrichtung zerstört. Die NASA beschließt, Neil Armstrong den ersten Schritt zu überlassen.
Bekanntermaßen war der Wettlauf zum Mond ein Duell zwischen den USA und Russland. Russland hatte bis zur Mondlandung alle prestigeträchtigen Etappen gewonnen: der erste Satellit, das erste Lebewesen im All, der erste Mann, die erste Frau im All, der erste Weltraumspaziergang. Die Mondlandung ist die letzte Chance der Amerikaner, die Russen auf den zweiten Platz zu verweisen. Schrittweise nähert sich die NASA dem großen Ziel; das Mercury-Programm transportiert Astronauten in den Orbit, mit dem Gemini-Programm sammeln die Amerikaner Erfahrungen mit Weltraumspaziergängen und die Apollo-Missionen schließlich bringt die ersten Menschen zum und später auf den Mond. Insgesamt kostet das Programm über 15 Mrd. Dollar und beschäftigt 400 000 Menschen.
Der Weg Aldrins zum Mond ist von vielen Zufälligkeiten geprägt. Nachdem er als Kampfpilot im Koreakrieg geflogen ist, schreibt er seine Doktorarbeit über „Navigationstechniken für bemannte Rendezvous im Orbit“, um 1963 zum Gemini-Programm der NASA dazuzustoßen. 1966 sterben zwei seiner Kollegen bei einem Flugzeugabsturz. Dadurch rückt er in die Ersatzmannschaft der Gemini 9 nach, was ihm in einer späteren Mission einen Weltraumspaziergang ermöglicht. Ein Jahr später verbrennen bei einem Bodentest alle drei Insassen der ersten Apollomission, wodurch Aldrin in die entscheidende Mondlandecrew aufrückt — der Apollo 11.
Die ersten Tage des Mondflugs verlaufen ohne besondere Vorkommnisse. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Um den Mond kreist die sowjetische Sonde Lunar 15. Es war nicht klar, was sie dort macht: Fotografiert sie die Mondoberfläche oder soll sie den Landeversuch der Apollo 11 stören? Die sowjetische Raumfahrtbehörde reagiert nicht auf entsprechende amerikanischen Anfragen. Währenddessen steigen Aldrin und Armstrong in die Landfähre um. Der Landeplatz ist genau berechnet. Doch es ergeben sich Komplikationen. Der Bordrechner liefert ungenaue Höhendaten, zeitweise bricht der Funkkontakt zur Erde ab und schließlich neigt sich der Treibstoffvorrat dem Ende entgegen. Buchstäblich in letzter Sekunde finden Aldrin und Armstrong einen geeigneten Ladeplatz, direkt neben einem Krater. Kurz darauf stürzt Lunar 15 nur wenige Kilometer entfernt auf die Mondoberfläche.
Nach dem Ausstieg sagt Armstrong den berühmten Satz, welchen vermutlich der Schriftsteller Norman Mailer für diese Gelegenheit erdacht hat. Eigentlich soll Armstrong „That's one small step for a man …“ sagen, doch in der Aufregung verschluckt er das „a“. Aus „ein kleiner Schritt für einen Menschen“ wird „ein kleiner Schritt für den Menschen“. Etwa zwanzig Minuten nach Armstrong verlässt Aldrin die Eagle. Er ist nun offiziell der zweite Mensch auf dem Mond. Als Mitglied der Freimaurerloge von New Jersey deponiert er eine Urkunde seines Großmeisters unter einem Steinhaufen. Armstrong fotografiert Aldrin. Fälschlicherweise werden später diese Fotos oft mit Armstrongs Namen untertitelt.
Nach über zwei Stunden fliegt die Landefähre mit 22 kg Mondgestein im Gepäck zurück zur Raumkapsel, von wo aus Michael Collins die Mondlandung aus der Ferne verfolgt hat. Am 24. Juli 1969 kehren die drei Astronauten zurück zur Erde. Für die nächsten Tage werden sie in Quarantäne gesteckt.
600 Millionen Menschen haben die Landung gesehen. 28 Stunden haben ARD und ZDF live übertragen. Präsident Nixon zeichnet die Heimkehrer mit Orden aus. Augrund der erfolgreichen Mission muss er den sicherheitshalber vorbereiteten Nachruf nicht verlesen. „Das Schicksal hat es gefügt, dass die Männer, die zum Mond gingen, um ihn in Frieden zu erforschen, nun auch in Frieden auf dem Mond ruhen werden“ hätte es dort gehießen.
Nach seinem Ausscheiden aus der NASA verfällt Aldrin in Depressionen und versucht diese mit Medikamenten und Alkohol zu betäuben. Erst viele Jahre später wird er davon loskommen. Er schreibt Bücher, wird Namensgeber eines Computerspiels, welches den Wettkampf im Weltraum zwischen den USA und der UdSSR zum Thema hat und gründet 1996 eine Stifung, welche sich um die Förderung des Weltraumtourismus' bemüht.
Später sagt Aldrin, dass er den Flug nicht als überwältigend, sondern als „ehrfurchtgebietend und ein bisschen surreal“ bezeichnen würde. Weiter meint er: „Wenn man unter die Leute geht und herumgereicht wird. Wenn man plötzlich derjenige ist, der auf dem Mond war. Damit fertig zu werden, ist eine größere Herausforderung, als alles, was man während des Fluges erlebt oder gedacht hat.“
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Stefan Petermann
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