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Margit Schreiner - Buch der Enttäuschungen

Der Tod beginnt mit der Geburt.

Autor Margit Schreiner
Titel Buch der Enttäuschungen
Verlag Schöffling & Co.
Seiten 174
Bewertung 7 von 9 Punkten

Was sollte man seinen Kindern im Alter, kurz bevor man stirbt auf keinen Fall antun? „Wir dürfen sie nicht anstecken mit unserer Verwesung.“

Schreiners Buch der Enttäuschungen gibt sich schon im Titel ganz ehrlich. Das Cover ist grau in grau, und trotz seiner Trostlosigkeit irgendwie schön. Eigentlich ist das Cover eine gute Beschreibung der Geschichte selbst. Eine namenlose Protagonistin resümiert. Sie lässt ihr Leben an sich vorbei ziehen, genau zum richtigen Zeitpunkt, denn sie ist soeben gestorben. Zum Tod führte sie weder ein Licht am Ende des Tunnels, noch offenbart sich ihr eine neue Welt. Der Tod ist einfach nur eine Zwischenstation.

Bücher, die sich mit dem Thema Tod befassen, haben oft zwei Merkmale: Sie sind traurig und zudem durchzogen von esoterischem Wortgewürm. Selbstverständlich ruft auch das Buch der Enttäuschungen keine hemmungslosen Lachkrämpfe hervor. Aber von Esoterik und weihwassergetränktem Mir-geht's-so-schlecht ist es meilenweit entfernt. Margit Schreiner beschreibt melancholisch ein Leben, welches nicht besonders traurig, aber auch nicht besonders glücklich war. Man lässt sich von ihr hinabziehen in eine Depression, aber noch bevor man anfängt zu weinen, schlägt sie einem die Tür vor der Nase zu und rettet einen vor der totalen Traurigkeit. Niemand tut sich hier selbst leid. Es gibt keinen Weltschmerz, keinen moralischen Zeigefinger. Aber auch die Schockmomente halten sich angenehm in Grenzen. Alte Menschen, die Weihnachtskekse kotzen, müssen da als verstörendes Limit herhalten. Man merkt, dass die Autorin weiter gehen könnte, aber das hat sie nicht nötig. Sie drängt sich dem Leser nicht auf. Das macht sie sympathisch.

Trotzdem hüllt sie ihre Leser in einen traurigen Schleier. Man fragt sich, was sie damit bezwecken will — ob es ihr Freude macht, Menschen unglücklich zu sehen?

Fast geht man ihr auf den Leim und glaubt, dass das Leben so aussichtslos ist wie sie es darstellt. Voller Enttäuschungen. Aber dann denkt man zurück an eigene glückliche Momente und begreift, dass das Leben nur voller Enttäuschungen ist, wenn man diese zulässt. Man klopft sich auf die Schulter und ist stolz, der Autorin ein Schnippchen geschlagen zu haben. Aber schon im nächsten Moment zweifelt man, ob es nicht doch die Autorin ist, die einem ein Schnippchen schlägt, weil sie eben genau diese Erkenntnis hervorrufen wollte.

„Die Erinnerungen müssen sehr alt werden, abgelegen, damit sie nicht mehr schmerzen. Und damit auch die Erinnerung an den Schmerz schön wird.“

Fazit: Das Buch der Enttäuschungen ist eine Radikalkur für die Sinne. Eine Art mentales Peeling für die eigene Sensibilität. Man muss durch eine dicke Staubschicht, um sich selbst wiederzufinden. Das tut ganz schön weh, aber am Ende fühlt man sich reiner und — ja, vielleicht auch ein klein wenig schöner.

Jasamin Ulfat


Kommentare



Daniel Link schrieb am 10.10.2006 um 01:40 Uhr:

Das Erlebte muss jung sein, taufrisch, dass es noch nicht schmerzt. Im tiefsten Fall liegt der Grund für einen Neubeginn. Dann wird die Erinnerung. Und die tut weh. Was wird eigentlich aus Wein nach Essig?

Homepage: www.konsistent.de

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