 Ob Ballack wohl bleibt?
Zuhause im Altenheim.
Mit gütigem Blick schaut er von der Wand herab. Sein dichter buschiger Bart scheint sich in dem schweren Holzrahmen zu verfangen. Er ist in gedeckten Farben gehalten: dunkles Braun für die wirren Haare, die nicht mal ganz auf das Bild passen. Dunkel und lederfarben auch die Haut. Er ist alt. Und er ist es schon seit Jahrzehnten. Er ist das Portrait eines Mannes, eines Freundes. Er ist ein Gesprächspartner.
Frau Tannert* spricht mit ihm, seit sie ein Kind ist und das Bild im Lernzimmer ihres Vaters sah. Heute ist sie 73 Jahre alt und der vertraute Freund hängt an der Wand ihres Zimmers im Altenheim. Er ist eines der wenigen Dinge, die sie aus ihrer alten Wohnung mit hinüber gerettet hat. Hinüber in ein Leben, in dem Krankheit überall präsent ist; Verfall und Vergänglichkeit überall zu spüren sind: An den mit weißer Raufasertapete vergleiteten Wänden entlang ziehen sich Griffe. Die meisten Bewohner tun sich schwer mit Laufen. Sie können sich daran festhalten beim Gehen. Die Lichtschalter und Türklinken sind tiefer angebracht. Für die Rollstuhlfahrer. An den Toilettentüren hängen handgeschriebene Zettel: KLO steht da. Zwar steht auf dem Plasteschild neben der Tür auch WC, aber einige Bewohner können mit den zwei Buchstaben nicht viel anfangen. Für sie ist eine Toilette eben ein Klo und kein Wasserklosett. Außerdem ist es zu klein geschrieben. Es ist schwer zu lesen für sie.
Noch andere Zettel hängen an den Wänden: Eigener Herd… steht da oder Wer rastet…. …ist Goldes wert oder …der rostet liest man aber nicht. Das sollen sich die Bewohner selber denken. Die meisten sind dement und müssen üben. Sie müssen üben, sich zu erinnern. Sie müssen üben, zu wissen, wo sie sind. Wenn sie die Fortsetzung der Sprichwörter kennen, dann ist das ein Erfolgserlebnis für sie. Sie haben noch nicht alles verlernt und ein Rest der Welt ist da noch in ihnen.
All das braucht Frau Tannert nicht. Sie weiß sehr wohl, was ein WC ist und auch wer und wo sie ist. Das einzige, was sie von den Hilfen braucht, sind die Griffe entlang der Wand. Seit 15 Jahren leidet sie an Multipler Sklerose. Sie kann nicht mehr richtig laufen und ist halbseitig gelähmt. Ihr Verstand ist es aber nicht. Und wenn es nach ihm ginge, wäre sie nicht hier. Sie möchte reisen. Möchte Einladungen annehmen, die sie immer noch zahlreich bekommt. Möchte endlich die Länder und Menschen sehen, zu denen sie als Lektorin bei Edition Leipzig zu DDR-Zeiten nur durch den Eisernen Vorhang Kontakt hatte. Sie spricht von dem Blick durch eben jenen Vorhang, den ihr der Beruf gewährt hat; spricht von dem aufregenden Leben mit ihrem Mann, der Schauspieler war. Frau Tannert nennt es eine tragische Wiederholung im Leben, dass sie zu DDR-Zeiten nicht reisen durfte und nach der Wende nicht mehr konnte. Die Krankheit kam ihr dazwischen. Sie hat einige Zeit gebraucht, um sie zu akzeptieren. Jetzt ist es ihr wichtig, dieses Schicksal mit Anstand und Würde anzunehmen. Nichts in dieser Welt sei selbstverständlich — außer der Geburt und dem Tod. Und deswegen geht es eben nicht nur nach ihrem Verstand. Das Telefon klingelt — eine Freundin ist dran. „Ist es eine andere Heimbewohnerin?“ „Nein, die Pfarrersfrau. Die lebt in Freiheit.“ Freiheit also draußen und gefangen hier drin?
Frau Tannert ist nicht in dem Heim gefangen sondern in ihrem Körper. Er ist es, der ihr die Dinge versagt, die sie früher so gerne machte. Reisen. Arbeiten. Sie könne ja nicht einmal mehr ihre alten Möbel selber pflegen, erzählt sie. Deswegen hat sie die auch der Nachbarsfamilie geschenkt, als sie hier ins Heim zog. Besitz könne auch zur Last werden, sagt Frau Tannert. Es war eine bewusste Entscheidung, die Möbel aus der alten Wohnung („groß und schön“) nicht mit zu nehmen. Bevor sie ins Jenseits gehe, wolle sie sich einmal von allem Besitz lossagen. Denn da habe man ja auch nichts. Der Umzug ins Heim war dafür ein guter Zeitpunkt. Sie spricht von dem Bruch mit ihrem früheren aufregenden Leben, der das Leben jetzt im Heim bedeutete. Wie kann sie sich da hier zu Hause fühlen?
Dazu sollten wir vielleicht noch einmal auf die Zettel an der Wand schauen: Wer rastet, der rostet — Vielleicht ist der Zettel auch für Frau Tannert eine Gedächtnisstütze. Er sagt: Rosten ist das, was Du nicht willst. Auch nicht hier im Heim. Und die Pfleger helfen ihr. Sie bekommt Russisch-Lehrbücher. Denn sie möchte auch hier nicht die Verbindung zur Sprache verlieren. Jahrelang war sie Lektorin. Sie hat Russisch gelernt und Englisch. Sie spricht Französisch und hat das große Latinum. Die Sprache war nicht nur ihr Beruf, sie ist eng mit ihrem Leben verbunden; mit dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Als er vorbei war, musste sie Russisch lernen, weil sie im Ostteil des besetzten Deutschlands wohnte. Die Sprache begleitet sie nun bis hierher. Sie wird sie auch hier nicht aufgeben. Das würden die Pfleger vermutlich auch gar nicht zulassen. Einige von ihnen sind Wolgadeutsche und sie freuen sich über jedes russische Wort, das Frau Tannert neu gelernt hat. Die Pfleger ermutigen sie natürlich eher, als dass sie Frau Tannert zum Russisch sprechen zwingen und eine Vernachlässigung der Sprache nicht zulassen. Denn zulassen tun die Pfleger sehr viel. Zum Beispiel, dass die Mittagsruhe auch mal bis 17:00 geht, wenn man müde ist. Da gibt es auch schon um 6:00 Frühstück, wenn man nicht mehr schlafen kann. Die Pfleger unterstützen die Bewohner nur bei dem, was sie machen wollen. Sie sagen ihnen nicht, was sie machen sollen.
„Wenn Ihnen der Sessel von draußen bequemer ist, dann holen Sie ihn sich einfach ins Zimmer. Das machen Sie doch zu Hause auch, oder?“, sagt die Pflegerin lächelnd zu einer Bewohnerin, die noch nicht sehr lange hier ist. „Fühlen Sie sich einfach wie zu Hause“. Fühlen Sie sich wie zu Hause. Das versucht auch Frau Tannert. Und vielleicht ist es ja auch einfacher hier zu Hause zu sein, als in der Wohnung, in der sie Jahrzehnte lang gewohnt hat. Dort hätte sie zwar die vertrauten Möbel noch und die vertrauten Ecken, von denen sie jede kennt. Aber sie könnte sie nicht mehr selbst pflegen. Von der alten Wohnung aus könnte sie auch nicht verreisen oder sich mit Freundinnen treffen, nur weil sie ihr vertraut ist. Hier im Heim bekommt sie Kaffee und Kuchen ins Zimmer, wenn Besuch da ist. Das Telefon steht griffbereit auf dem Tischchen neben dem Bett, die Fernbedienung für den Fernseher gleich daneben. Da kann sie sich die Nachrichten anschauen oder Fußball. Dortmund hat sie vor langer Zeit mal gemocht. Mittlerweile nicht mehr so, aber der VfB Stuttgart ist immer noch gut. Sie verfolgt die Bundesliga und man müsse ja abwarten, ob uns Ballack erhalten bleibe. Den Fernseher also für den Fußball und zum Mitreden können. Das Telefon zum mit-jemanden-reden. Sie hat noch viele Freunde „da draußen“. Zum Beispiel die Freundin, deren Tochter gerade erst geheiratet hat. Das Hochzeitsbild steht gleich neben Telefon und Fernbedienung. Sie freut sich, dass das junge Paar so schmuck aussieht und, dass der Mann eine gute Stelle hat. Sie weiß, wie wichtig das heute ist. Und so nimmt sie von hier aus Anteil am Leben der jungen Leute und am Leben der Älteren. Das könnte sie von ihrer alten Wohnung aus wahrscheinlich nicht besser.
Sie muss vielleicht gar nicht umher laufen und Hunderte von Kilometern weit fahren um dem alten Herrn im Holzrahmen etwas erzählen zu können. Sie findet das Leben auch hier im Heim. Sie sucht es aber auch und lässt es dann gerne hinein in ihr 16 Quadratmeter großes, neues zu Hause. Dass sie hier die Möglichkeit dazu hat, macht es vielleicht am ehesten zu einem Zuhause. Es sind die neuen und veränderten Umstände, an die sie sich angepasst hat und der alte Freund, der ihr immer noch genauso zuhört, wie er das in ihrer Kindheit gemacht hat. Beides zusammen ergibt das zu Hause. Er ist die Erinnerung an das Frühere, das Erlebte, auch an den Vater, der zumindest den Maler des Bildes kannte. Sie hat vor einiger Zeit einen Kanadier getroffen, der das gleiche grau-braune, wirre Haare hatte, die gleichen gütigen Augen. Und so begleitet der alte Herr Frau Tannert durch alle Lebensabschnitte. Vielleicht liegt das zu Hause von Frau Tannert in einem 60 mal 40 Zentimeter großen schweren Holzrahmen, das von dort aus auf ein gemütliches Zimmer in einem Altenpflegeheim strahlt, in dem Frau Tannert heute ihr früheres Leben lebt.
*Name von der Redaktion geändert
Kerstin Petermann
Kommentare
| Artkan schrieb am 01.12.2005 um 14:02 Uhr: |
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Sehr schöner Artikel. Auch total passend, da wir gerade über das Thema Tod und Hospiz diskutieren.
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