JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Zuhause der Antiquitätenläden. Zuhause

Zuhause der Antiquitätenläden.

Vom Bahnhof aus durch den Heimatort.

Mein Heimatort (17.000 Einwohner, einige Hügel, keine direkte Autobahnanbindung) hat einen frisch renovierten Bahnhof. Dieser Bahnhof besitzt vier Bahnsteige, von denen mindestens zwei mehrmals täglich benutzt werden. Zuerst gab es dort ein Zeitungsgeschäft. Als dieses schloss, versuchte es ein Imbissstand. Die Wiener Wurst für einen Euro, Cordon Bleu drei Euro. Ein halbes Jahr. Dann hing in den ungeputzten Fenstern das Schild „Vorübergehend geschlossen.“ Es kommen nicht viele Menschen hier an.

Vom Bahnhof führt eine Straße hinab ins Zentrum. Es ist die Geschäftstraße meines Heimatorts. Hauptsächlich gibt es dort Antiquitätenläden. Sie heißen „Preisbombe“, „Trendartikel“, „RatzBatz“, „Ramschkiste“. In ihren Schaufenstern liegen Kommoden, Lampenschirme, Babypuppen, Postkarten, Radkappen, Nägel oder Schallplatten von Boney M. Auf den Heckfenstern der leeren Busse klebt ein Spruch des örtlichen Einzelhandelsverbands: „Fahr nicht fort / Kauf im Ort.“ Manchmal denke ich, dass neben den „1 Euro Läden“ die Antiquitätengeschäfte die einzigen Händler meiner Heimatstadt sind. Vielleicht verkaufen sie sich ihre Antiquitäten gegenseitig.

Irgendwann mündet die Geschäftsstraße in einen Marktplatz. Meistens läuft dann Mayonaise von den Smashing Pumpkins in meinen Kopfhörern: „Old enough to always feel this“ singt Billy Corgan und er sang so schon vor über zehn Jahren. Als ich zum Bahnhof ging, um wegzufahren. Nicht, um wiederzukommen. Es sind andere Augen, mit denen ich heute auf das Graffiti an den Wänden schaue, über das die Lokalzeitung wütende Artikel schreibt. Auch das Graffiti schaut mich anders an. Es weiß nicht so genau, wo es mich einzuordnen hat. In diesen Ort? Wie alle in meinem Heimatort kenne ich die Straßenkreuzung, auf der ein Baukran in ein Auto raste und ein kleines Mädchen tötete. Ich sehe die ausgebrannten Fenster der alten Brauerei und wie alle kenne ich die Mutmaßungen darüber, wer damals das Feuer gelegt hat. Ich beobachte den alten Mann mit dem Feuermal im Gesicht, dem die Kinder nachlachen. Vor vielen Jahren ist er auch schon mit seinem seltsamen humpelnden Gang durch die Straßen gehinkt und damals haben wir mit dem Finger auf ihn gezeigt.

Es ist nicht mal Sentimentalität, die mich flutet. Vielleicht Interesse, was wird. Ich kann die alten Leute verstehen, die erzählen, dass 1941 an der Stelle, an der der Supermarkt heute steht, ein Fleischer war. Ich könnte den Erstbesten ansprechen und obwohl wir uns nicht kennen würden, könnten wir zwei Stunden über meinen Heimatort sprechen. Und nach zwei Stunden wäre ihm immer noch klar, dass ich nicht mehr von hier bin, nicht durch meine Sprache oder mein Wissen oder meine Kleidung. Mein Wesen ist nicht hier. War es mal gewesen. Versteckt sich irgendwo hier, es zu entdecken, darauf hoffe ich jedesmal wieder.

In meinem Heimatort liegt die offizielle Arbeitslosenzahl über zwanzig Prozent. Wahrscheinlich sind es tatsächlich um die dreißig Prozent. Es gibt Stellen, da sieht man diese Zahlen. Fabrikhallen mit den alten VEB-Zeichen, durch deren eingeschlagene Fenster moosiger Atem zieht, wenn man an ihnen vorbeiläuft. Das vergilbte Schild, das seit zehn Jahren eine Gewerbefläche verspricht, wo heute Disteln wachsen. Die Plattenbauten auf dem grünen Hügel der Stadt, wo man abends nicht unbedingt hingeht, wenn man die Haare länger trägt. Doch an mehr und mehr Stellen sieht man diese Zahlen nicht. Dann erscheint mein Heimatort wie eines dieser sauberen, bayrischen Dörfer, in die wir 1990 staunend einfuhren. Auch unser Marktplatz ist jetzt gepflastert, auch wir werden in überregionalen Fremdenführern erwähnt, auch wir haben mit unserer Vergangenheit Frieden geschlossen und versuchen den alten Zeiten in Chroniken nachzuspüren. Dann staune ich.

Denn meine Stadt wird schöner. Immer schöner. Jeden Tag schöner. Jeder Abriss macht sie schöner. Sie wird weniger. Grünflächen entstehen, wo Gebäude des öffentlichen Lebens standen. Niemand muss dort mehr Schilder „Gewerbefläche“ zur Tarnung anbringen. Eine Parkbank und eine Handvoll Langzeitarbeitsloser genügen. Sie fegen das Laub von der Grünfläche, das von der Eiche stammt, die die Arbeitslosen im Auftrag der Stadt gepflanzt hatten. Die Stadt ist ein geschlossener Kreislauf, das Neue darf nur sorgsam geprüft hinein, würde das leidenschaftslose Gleichgewicht sonst zerstören und ich ahne, dass einzig diese Langsamkeit diesem Ort eine Überlebenschance verspricht. Die sorgsame Verzögerung ist das Wesen meiner Heimatstadt.

Staunen ist immer besser als bedauern. Natürlich muss man seinen Heimatort hassen. In einem bestimmen Alter, aus keinem bestimmten Grund. Der länderübergreifende Konsens ist, sich über Enge zu beklagen, über das fehlende Kino, über das geschlossene Jugendzentrum, über die Bands, die hier nicht spielen. Und es ist okay wegzugehen, wenn man kann, und später nicht mehr wiederzukommen. Doch wenn man wiederkommt, sollte man kein Mitleid empfinden. Nicht amüsiert die Augenbrauen lupfen und über das Modegeschäft lästern, über Corinna Hoffmann, deren Lesung der kulturelle Jahreshöhepunkt in der Stadthalle ist. Meine Heimatstadt hat eine Stadthalle. Dort findet Kultur statt. Das ist der Punkt. Das bringt mich zum Staunen.

Zuhause ist ein Ort, zu dem man wegen Menschen kommt. Und auch, wenn viele dieser Menschen nicht mehr da sind, die Orte sind es noch. Es ist keine Sinnsuche, dieser Weg vorbei an den Plätzen, die getränkt sind mit vergangenen Gerüchen und Ängsten und Sehnsüchten. Zuhause ist ein Ort mit verschiedenen Zeiten. Es ist immer gestern und auch deshalb kommt man zurück. Und mit jedem Wiederkommen wächst der Ort, unsichtbar, nur für mich selbst, aber er wächst, unaufhörlich und von mir so gewünscht.

Noch immer singt Billy Corgan: „When I can I will / Try to understand“. Vielleicht nehme ich diesmal meine Kopfhörer ab.

Stefan Petermann


Kommentare



Jörg schrieb am 16.12.2005 um 17:02 Uhr:

Hi Stefan, tut Dir das eigentlich gut, jedesmal vom Bahnhof nach hause zu laufen? Is doch ne ganz schöne Strecke… Na gut in … (ich spiel mal mit und erwähne den Ort nicht) gibt es auf jeden fall, man staune, 20.000 Einwohner. Die Eingemeindungen machen's möglich. Und die Einkaufsstarsse, wenn Du an der bahnhofstrasse beginnst und bis zum markt läufst ist schon ne ganz schöne stracke. So eine lange Einkaufsstrasse findet man nich oft. Aber was soll's, ich erinnere mich gerade an eine Freundin die letztens durch … mit dem zug durchgefahren ist und sich erinnerte das ich davon sprach. Ist nämlich ein recht wichtiger Eisenbahnknoten. Auf jeden Fall meinte sie, ist ja ganz schön klein und kommt doch selber aus Oschatz. Und da ging mir auf, Natürlich ! Wenn man vom Zug aus ins Tal schaut sieht man ja nur den Stadtkern und die freien Wiesen rings herum auf denen früher Fabrikanlagen waren („welche den kleinen Fluß des Städtchens immer wieder in andere Farben tauchten“ :)) Man sieht garnicht wie weit sich die Stadt noch in über die Hügel rechts und links hinaufzieht. Ist schon erstaunlich wie kompakt man in … den Schrumpfungsprozess sieht… Gibt's übrigens zur Zeit ne Ausstellung zu in halle und in Leipzig in zwei teilen. grüße, Jörg.

eMail: october.symphony@gmx.de

XML (RSS/RDF)