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Interview mit Sebastian Horndasch

„Im zweiten Semester ging es steil bergauf.“

Das Studium ist die schönste Zeit des Lebens — denken sich viele, bevor das Studium losgeht. Dann aber folgt häufig die Ernüchterung, vor allem mit den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen, die einem weniger Freiheit lassen und nicht selten auch weniger Zeit. Sebastian Horndasch hat selbst einen Master-Abschluss gemacht und danach die Bücher Bachelor nach Plan und Master nach Plan geschrieben. JUSTmag-Redakteur Sebastian Dalkowski hat mit ihm gesprochen.

Erklär doch mal die Grundzüge des BA/MA-Studiums. Ist das wirklich so kompliziert?

Ich empfinde das neue System eher als Vereinfachung. Der wichtigste Punkt ist, dass Studenten nun bereits nach drei Jahren einen berufsqualifizierenden Abschluss haben — ein Vorteil, wenn das lange Studium schreckt. Auch ist das Studium in der Anfangszeit verschulter geworden. Das empfinden Einige als Vorteil, Andere als Nachteil — in jedem Fall macht es die Sache weniger kompliziert. Und der wichtigste Punkt: Man kann leicht die Hochschule und sogar das Land wechseln, da nun die Studienstruktur in ganz Europa angeglichen wurde. Bachelor in Deutschland, Master in Irland oder Frankreich? Das ist nun kein Problem mehr.

Ist die Ernüchterung, wenn man das BA/MA-Studium beginnt, größer, als bei anderen Abschlüssen wie Magister und Diplom?

Ich würde grundsätzlich sagen: nein. Die Anfangseuphorie sowie der Kater danach sind ähnlich. An den Hochschulen, die den Bolognaprozess gut umgesetzt haben, haben Studenten heute eine bessere Betreuung als früher. Das kann Orientierungslosigkeit und das Gefühl von Überforderung mindern. Andererseits geht es im Bachelor früher „zur Sache“ als im Diplom/Magister System, was den Stress wiederum etwas erhöht. Unterm Strich sind die Unterschiede qualitativ aber nicht sehr groß. Nach meiner Erfahrung kämpfen alle mit den selben Problemen: Kompliziertheit, Unsicherheit, Druck und Anpassungsschwierigkeiten.

Hat das MA/BA-Studium auch Vorteile?

Sehr viele! Heute kann man ohne große Hürden einfach die Hochschule wechseln — in ganz Europa. Außerdem hat die Auswahl extrem zugenommen — die Anzahl an Studiengängen hat sich in Deutschland fast verdreifacht. Man hat nun bereits ganz zu Beginn die Möglichkeit, sich extrem zu spezialisieren oder stattdessen ein generelles Studium zu absolvieren. Water Science, Molekulare Biomedizin, Flugzeugbau — all diese Studiengänge wären nach dem alten System nur schwer denkbar gewesen.

Wie hast du den Anfang deines Studiums selbst erlebt?

Anfangs war ich sehr begeistert. Da ich mich gut über Stadt und Studium informiert hatte, war ich von den Herausforderungen des Studiums nicht überrascht. Mein Kater war eher ein persönlicher: Wenn man zum ersten Mal an einen neuen Ort geht, an dem man zunächst niemanden kennt, braucht man mitunter etwas, um seine eigene Identität zu finden. Dies fiel mir zunächst etwas schwer. Aber nach einem grauen Winter des Haderns ging es dann im zweiten Semester steil bergauf.

Was sind die häufigen Zeitpunkte für den Kater?

Der größte Kater kommt bei den meisten Studenten etwa einen Monat nach Studienbeginn. So ging es mir auch. Der Staub legt sich und die erste Anfangseuphorie ist vorbei. Dafür sitzt man nun in Lehrveranstaltungen und die Sprache mancher Professoren klingt eher nach Griechisch als nach Deutsch. Unsicherheit, Einsamkeit und Versagensängste kommen da mitunter zusammen.

Wie sollten Studenten mit der Ernüchterung umgehen?

Meist geht die Ernüchterung schnell vorbei. Wenn sie das nicht tut und sich die Probleme auftürmen, rate ich immer dazu, sie zu dekonstruieren. Viele kleine Probleme sind eher lösbar als ein einziges riesiges. Einige Beispiele: Man ist einsam und findet niemanden in der großen Stadt? Warum nicht Mitglied im Sportverein, im Chor oder bei der lokalen Amnesty International-Gruppe werden? Die Anderen wirken alle so schlau und belesen? Falsch, sie sind nur gut darin, so zu tun. Wenn man allerdings feststellt, dass das gewählte Studium nicht zu einem passt, sollte man es wechseln.

Was kann man schon vor Studiumsbeginn gegen die mögliche Ernüchterung machen?

Das, was man sowieso tun sollte: sich gut vorbereiten. Das beginnt schon bei der Auswahl des richtigen Studiums. Wer die Hochschule und das Programm mit Bedacht wählt, wird nicht so leicht enttäuscht. Dazu gehört auch, vorher hinzufahren. Wenn man sich mit Stadt und Hochschule gut fühlt, sind die größten möglichen Hürden schon genommen. Man sollte auch einige Zeit für die Suche nach einer netten Wohnung oder WG einplanen. Vom Studiensystem wird man daneben weniger überrascht, wenn man sich vorher einliest, sei es durch Bücher oder durch Internetquellen.

Welche Fehler sollte man tunlichst vermeiden?

Es gibt zwei Kardinalfehler: Nicht auf die eigene innere Stimme hören sowie schlecht planen. Aus Vernunftgründen oder seiner Eltern wegen etwas Langweiliges zu studieren, ist das Rezept für Enttäuschung und Frust. Wenn sich die eigene Stimme einfach nicht rührt, muss man sie mit Informationen füttern. Wenn man andererseits völlig ungeplant einfach irgendwas macht,
wird das in den meisten Fällen aber nach hinten losgehen.

Welche weiteren Motivationslöcher lauern im MA/BA-Studium?

Gerade am Anfang ist man nicht daran gewöhnt, autonom zu arbeiten. Auch wenn BA und MA etwas stärker verschult sind, muss man hier alleine arbeiten, ohne dass der Lehrer beziehungsweise der Professor einen korrigiert. Darüber hinaus ist das Hochschulleben sehr spannend: Man trifft hunderte neuer Leute und ist zum ersten Mal im Leben völlig frei. Da bleibt oft wenig Zeit zum Lernen. Dagegen hilft vor allem Struktur. Jeden Tag zu einer bestimmten Zeit in die Bibliothek gehen zum Beispiel. Das funktioniert aber nur, wenn man die Zeit dann nicht komplett in der Cafeteria verbringt.

Es gibt noch einen anderen Kater danach. Die Zeit nach dem Ende des Studiums. Wie hast du das hingekriegt?

Ich habe nur vier Jahre studiert und wollte den Berufsstart noch ein wenig hinauszögern. Deshalb ging ich nach meinem Abschluss erst einmal für ein Jahr nach Paris, wo ich einen Sprachkurs gemacht und meine beiden Bücher geschrieben habe. Das war ein guter Ausklang meiner Studienzeit. Aber natürlich ist es schade, diese Zeit zu verlassen. Grundsätzlich rate ich zu Neugierde. Wenn man gespannt auf die neuen Dinge ist, ist es nicht so schlimm, die guten alten Zeiten hinter sich zu lassen.

Sebastian Dalkowski


Kommentare



martina schrieb am 22.04.2008 um 19:31 Uhr:

hab morgen meine erste abiklausur und freue mich auch schon sehr auf das studium — hoffentlich dann im oktober. ein sehr anregendes gespräch mit tips, die ich auf jeden fall beherzigen werde! :) danke.

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