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Als ich einmal was alleine durchgezogen habe. Allein (Foto: Christian Meesters)

Als ich einmal was alleine durchgezogen habe.

Manche Dinge kann nicht jeder.

Wie die Zecken (Claudia)

Ich hatte sie alle so satt, diese postpubertären Gestalten mit ihrem unbändigen Drang, sich in eine andere, vermeintlich bessere Welt zu saufen, die Realität zuzuschütten mit einer stinkenden Flut aus Bier, Wodka, Rotwein und Schnaps, ihre Probleme untergehen zu lassen in diesem dumpf rauschenden Meer der Verdrängung und des Vergessens. Wo waren ihre Ideale, ihre Träume und der einst so hoch gehaltene Mut, diese Ziele zu verwirklichen oder ihnen zumindest ein Stück näher kommen zu wollen? Statt dessen fielen sie lieber viel zu oft von den Flaschen und Gläsern ab wie vollgesogene Zecken. Und so ließ ich sie eines Abends allesamt stehen, entzog mich ihrem schädlichen Dunst, ignorierte ihre beleidigten Proteste und verließ eilenden Schrittes das Lokal. Die frische Lust erschlug mich förmlich wie eine Welle der Reinheit und nahm mich dann in ihrer Klarheit auf. Ich wollte nur flüchten, weg von diesen Menschen und ihrem schädlichen Gedankengut, weg von dieser falschen, sinnlosen Welt, deren Teil ich nie sein würde. So lief ich alleine durch die Straßen, blind vor Einsamkeit und Wut. Doch plötzlich stand sie vor mir, diese Sängerin mit der überirdisch schönen Stimme, welche die vom Regen beträufelten Gassen mit Melancholie aber auch Hoffnung erfüllte. Da wurde mir schlagartig klar, dass ich zwar ein paar so genannte Freunde verloren, jedoch mich selbst wieder gefunden hatte.


Once upon a time in the Referatsgruppe (Jasamin)

Morgens um 8 im Politikseminar: Den vorzubereitenden Text für die Sitzung haben gefühlte 0,5 Prozent des Kurses gelesen, zu denen — natürlich — ich gehöre.
Ein ausnahmsweise fulminant gut gelaunter Dozent will den Text heute aber mal nicht abfragen. Nein, lacht er, heute steht Gruppenarbeit auf dem Plan. Und ehe ich mich versehe, sitze ich mit neun deutlich textunkundigen Mitstudenten in einer Gruppe. 15 Minuten Bearbeitungszeit und schon zwölf davon mit Unmutsbekundungen ob der fatal frühen Uhrzeit vertan.
Es kommt, wie es immer kommt: Zwar stellen sich im Endeffekt alle zehn Mann zur Präsentation brav nach vorne, aber den Redner muss ich alleine spielen. Und so plappre ich mich um Kopf und Kragen, ohne dass meine Referatskollegen auch nur ein Wort beisteuern. Selbst bei der anschließenden Fragerunde des Dozenten verhalten sie sich so still wie ein verschüchterter Schulmädchenchor und blicken hinter meinen (offenbar goliathbreiten) Schultern nur sittsam zu Boden, ihre Notizzettel schützend an den Unterleib gepresst.
Halten wir also fest: Auf die Rolle des Frontdeppen habe ich eindeutig ein Abo. Gut nur, dass ich a) kein Mann und b) nicht bei der US Army bin. Denn meine dortige Position kann ich mir irgendwie ziemlich gut vorstellen.


Weltrekord und Bratwürste (Sebastian)

Ich war mal in einem Jugendverein, der traf sich in einem Sommer mit anderen Jugendvereinen zu einem Zeltlager. Tagsüber mussten wir in verschiedenen Gruppen an einer Rallye (zu Fuß) mit verschiedenen Stationen teilnehmen, wo unmotivierte Erwachsene uns so tolle Sachen machen ließen wie Fahrräder flicken, Slalom mit einem Kettcar fahren und Äpfel mit dem Mund aus einer Wanne fischen. An der letzten Station war ich dann gefordert. Aus einer Zeitungsseite sollte ich einen möglichst langen Streifen reißen. Bisher hatte da keiner allzu großen Ehrgeiz gezeigt und auch meine Gruppe wollte nach zehn Stunden Gegurke durch die Natur eigentlich nur noch zum Zeltplatz zurück und Bratwürste essen. Ich aber fand Gefallen an der Aufgabe, riss Meter um Meter (bestimmt bluteten auch irgendwann meine Hände) und ahnte, dass hier ein historisches Ereignis bevorstand — sonst allerdings keiner. Meine Gruppe fing an zu murren, nach einer halben Stunde verließen die ersten den Tatort. Eine halbe Stunde später stand nur noch der Gruppenleiter neben mir, der aber lieber mit seiner hässlichen Ollen im Zelt geknutscht hätte. Nach zwei Stunden hatte ich aus der Zeitung einen 14 Meter langen Streifen gerissen, so circa unangefochtener Weltrekord. Euphorisch lief ich mit dem Wunderwerk auf den Zeltplatz, in der Erwartung, dass sich mir jeder vor die Füße werfen würde. Doch niemand bemerkte mich. Wurstgeruch zog über den Platz. Nur Idioten grillen.


Was im Kino verschwiegen wird (Stefan)

Als ich noch im Kino am Einlass arbeitete, meinte ein Besucher eines Tages zu mir, ich solle doch mal in der Männertoilette vorschauen. Damals war die Zeit von Herr der Ringe. Die Männertoilette war soweit okay, nur im Urinal schwamm mittig etwas, was dort nicht hineingehörte. Die Hommage an Mr. Hanky warf jede Menge Fragen auf. Immerhin hängt so ein Urinal in entsprechender, fast schon unkomfortabler Höhe. Wer also hatte sich Gedanken gemacht, Mühe gegeben und Energie investiert, um das entsprechende Ergebnis zu produzieren?
In der Kürze der Zeit blieb keine Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Der Filmvorführer meinte gelangweilt „Mach mal“, die Chefin „In einer halben Stunde ist die Pause von Herr der Ringe, bis dahin ist das geregelt.“ Meine beiden Mitarbeiterinnen, beides Abiturientinnen von graziler Gestalt, die ihre Hände sonst nur in Popcorn tauchten, flehten mit kornblumenblauen Augen, bevor sie erschüttert von der Männertoilette flüchteten. Also nahm ich eine blaue Mülltüte, umwickelte meine Hand, meinen Arm, nahm eine zweite, eine dritte, eine zehnte Tüte und tat dann etwas, was niemals, unter keinen Umständen, im Kino thematisiert werden würde. Als Frodo schließlich Bruchtal verließ und 500 Gäste aus Saal 3 strömten, glänzten die Toiletten so unschuldig, wie zahlende Kinobesucher das zu Recht erwarten. Und ich hatte etwas durchgezogen, was ich niemals wieder in meinen Leben durchziehen sollte.

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Kommentare



Jonas Völker schrieb am 29.11.2005 um 22:47 Uhr:

an meiner alten schule hat das auch mal wer gerissen. die toilette war 2 wochen lang unbenutzbar


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