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Geh auf dein Zimmer! Allein (Foto: Christian Meesters)

Geh auf dein Zimmer!

Auf der Suche nach den Seiten des Allein.

Der Duden liegt in einem Tresor und niemand kennt die Zahlenkombination. Google ist für die nächsten 1300 Wörter gesperrt und Wikipedia bietet nur Beiträge zu Kevin allein zu Haus an. Fang mich doch, fang mich doch, sagt das Wort allein und ist davon überzeugt, dass niemand es heute erwischt. Denk nach, denk nach, es muss doch eine Möglichkeit geben…

Jeder Film über amerikanische Teenager: Vielleicht ist das die bitterste Erfahrung, die ein Mensch in jungen Jahren machen kann. Eine, die er rückblickend als Identität stiftenden Eckpunkt seiner Biografie begreifen wird: Das Gefühl auf einer Party, dass alle einen Haufen Spaß haben, nur für einen selbst ist ein mit Salzstangen gefülltes Ex-Senfglas der Mittelpunkt des Abends.
Wir leben in einer Welt, in der wir in jedem Kleinstadtsupermarkt zwischen achtunddreißig Cola-Sorten wählen können, aber für das Gefühl, allein zu sein, stehen uns nur zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Entweder wir zerbrechen daran oder wir nehmen es als Ausgangspunkt, unsere Situation als heldenhaft zu idealisieren. „Sitting in the dark without you, how am I supposed to make it through the night“, trällert Mariah Carey. „How to fight loneliness, smile all the time“, grantelt Wilco.

Sie sitzt in einem Kleiderschrank. Er betritt das Zimmer. Sie unterdrückt ihre Schreie. Er reißt die Tür ein und will sie mit einem Messer erstechen. Sie formt aus einem Kleiderbügel einen Draht, sticht ihm ins Auge und entkommt. Die Schauspielerin heißt Jamie Lee Curtis, der Film Halloween und durch diesen Auftritt wird sie zur Scream Queen.
Alleine, das heißt hilflos in Gefahr zu sein. Mit dieser Situation spielt jeder Horrorfilm. Mit dieser 1:1-Situation. Immer hat ein Einzelner eine Autopanne. Immer ist niemand anderes in der muffigen Bibliothek. Auch wir fürchten diese Situationen. Wenn wir alleine in den Keller gehen. Durch den Park. In den Wald. Alleinsein bedeutet den Verlust von Sicherheit und Schutz. Wir fangen an zu singen oder schalten das Radio an, um unser Alleinsein zu vergessen.

Er blickt sich um, er beschleunigt. Er lässt seine Mitstreiter hinter sich. 147 Kilometer fährt er ohne Begleitung auf dem Fahrrad. Am Ende hat er noch drei Minuten Vorsprung und erobert das gelbe Trikot. Er heißt Cédric Vasseur und er wird 1997 zum Nationalhelden, obwohl er das gelbe Trikot fünf Tage später an einen Deutschen abgeben muss.
Alleine etwas durchzuziehen ist eine riskante Angelegenheit. Nicht nur, weil sie scheitern kann, sondern vor allem weil niemand die Schuld auf andere schieben kann. Wir sind für alles verantwortlich, was wir alleine machen, weil sonst niemand beteiligt ist. Allerdings hat die Technik uns einiges erleichtert. Heute kann jeder ein Album aufnehmen, wenn er nur einen Laptop und ein paar Programme besitzt. Heute kann jeder ein Online-Magazin führen, das heißt einen Blog, und braucht dafür nur einen Computer mit Internetanschluss.

Er spielt in dieser 08/15-Pop-Punk-Band und die Gruppe gibt eines dieser Konzerte in einer mittelgroßen amerikanischen Stadt vor Mittelstandkids in Vans. Er steht vorne und die Mädchen finden ihn süß. Dann singt er die Zeilen seiner Jugend: „It feels like the first time that I'm standing on my own.“ Die Band heißt Count The Stars, er Chris Kasarjian und mit dieser Tour kommen sie sicher durch.
Zu keiner anderen Zeit wird das Alleinsein positiver begriffen als während der Pubertät. Es meint: Auf eigenen Füßen stehen. Die Eltern doof finden. Mädchen gut finden. Alleine in den Urlaub fahren. Vermutlich ist die Pubertät auch die einzige Zeit, in der alle glauben, alleine bestehen zu können. Doch den Platz der Eltern nehmen Freunde und Partner ein. Wir tauschen nicht den Zustand, sondern lediglich das Personal.

Es ist eine Erinnerung an einen Song auf Kassette von einem Niederländer namens Robert Long, der von der ersten Liebe erzählt. Sie schenkt ihm einen Ring, die beiden vergessen alles um sich herum, dann verkündet der Junge: „Es ist jetzt aus. Hier ist Dein Ring, was soll ich mit dem blöden Ding?“
Eine Trennung bedeutet wieder alleine zu sein, ganz gleich, wer wen verlassen hat. Es bedeutet, dass da plötzlich eine Hälfte fehlt, dass das Puzzle nicht mehr vollständig ist. Es bedeutet Dinge wieder alleine zu machen, die zu zweit mehr Spaß gemacht haben. Kakao trinken, Zähne putzen, Zimmer aufräumen. Es bedeutet auch, Dinge wieder alleine zu machen, die zu zweit unerträglich geworden sind. Kakao trinken…

So ein Jürgen aus Hamburg sagt in der Zeit: „Als ich fünf war, fragte mich meine Mutter, ob ich nicht mit dem Nachbarsjungen spielen möchte. Meine Antwort war schlicht: “Nö.„ Das sagt viel über mich aus. Sozialisation ist mir fremd. Es ist nicht so, dass ich mich nicht eingliedern kann — ich mag es nicht. Dieses Rumplänkeln strengt mich an.“
Es gibt Menschen, die kommen alleine besser zurecht. Sie wollen sich nicht öffnen. Sie ertragen die Anwesenheit anderer Menschen nicht. Sie haben keine Lust, sich anderen anzupassen, weil sie die Geschwindigkeit selbst bestimmen wollen. Manche Menschen sehen sie seltsam an, aber das stört sie nicht, weil sie keinen Wert auf die Meinung anderer legen. Ihre Freiheit ist ihnen wichtiger als eine Aufgabe in der Gesellschaft.

Der junge Mann kann den Tod seiner Mutter nicht überwinden. Er wird schizophren und schlüpft beizeiten in ihre Rolle. Das Hotel, das er führt, liegt abgeschieden. Es kommen wenige Gäste. Manche von ihnen bringt er um, wenn es seine Mutter befiehlt. Der Schriftsteller Robert Bloch setzt Norman Bates 1959 in seinem Roman Psycho in die Welt.
Im Allgemeinen wollen die wenigsten Menschen dauerhaft alleine sein, selbst wenn sie alleine wohnen. Sie brauchen Umgang mit anderen Menschen. Sie müssen wissen, wo sie stehen. Sie brauchen Liebe und Hilfe und Ablenkung. Sie sind selbständig, aber sie brauchen einen Rahmen, in dem sie sich bewegen können. Sie sind nicht stark genug, aus sich selbst heraus zufrieden zu sein. Die Strafe heißt: „Geh auf dein Zimmer.“ Und nicht: „Geh mit deinen Freunden spielen.“

Es war uns ja immer ein Rätsel. Warum Mädchen zusammen aufs Klo gingen. Ging dann tatsächlich nur eine und die andere sah zu? Oder ging erst die eine und dann die andere? Sammelten sie vielleicht lesbische Erfahrungen? Wir taten das nicht, weil es einfach peinlich war. Es gab Dinge, die erledigte man alleine.
Jeder ist gelegentlich alleine. Aus Schamgefühl gehen wir nicht zusammen auf die Toilette. Aus Diskretion gehen wir alleine zum Arzt. Aus Platzgründen fahren wir alleine auf unserem Fahrrad. Aus Sicherheitsgründen ziehen wir alleine Geld am Automaten. Und weil wir Auszeiten brauchen, gehen wir alleine ins Kino oder durch den Wald und freuen uns am Ende wieder, bekannte Gesichter zu sehen.

Knorr Snack Bar Kartoffelpüree mit Käse & Croûtons:
Portionen: 1; Füllmenge: 41 g; Zubereitung: 1. Beutelinhalt in einen großen Becher geben; 2. Mit 150 ml kochendem Wasser (ca. ein halber Becher) übergießen und sofort kräftig umrühren; 3. 3 Minuten ziehen lassen, nochmals durchrühren — fertig!
Die Möglichkeiten alleine zu bestehen sind so groß wie nie: Es gibt Wohnungen und Reisen für Singles, es gibt Fertiggerichte für eine Person. Es gibt Heimvideosysteme, Computerspiele, Stereo-Anlagen, Internet und Ratgeber. Die Anzahl der Dinge, die wir nicht alleine machen können, schrumpft. Hilfe brauchen wir noch beim Umzug und wenn wir uns den Arm gebrochen haben, oder das Bein.

Ein junger Mann im Film Garden State verabschiedet sich im Flughafen von seiner Freundin. Er brauche erstmal Zeit für sich selbst, hat er gesagt. Sie geht in eine Telefonzelle und fängt an zu heulen. Jemand reißt die Tür auf. Es ist der junge Mann. Er sagt, er brauche sie.
Der Wille alleine zu sein, hat nicht zugenommen. Wenn ein Liebesfilm nicht mit einem Happy-End schließt, hat er schon einen Haufen Kritikerpreise sicher. Dass die Scheidungsraten steigen, meint ja nicht, dass die Menschen alleine sein wollen, sondern nur, dass sie vermeiden wollen, mit einer anderen Person alleine zu sein. Menschen möchten zwar nicht unbedingt in der klassischen Familie leben, aber in WGs, Lebensgemeinschaften und so weiter. Gruppentickets belohnen gemeinsame Unternehmungen. Die verbreitetsten Sportarten der Welt werden in einer Mannschaft betrieben.

Ah, da ist es… der Griff nach dem allein, das Licht geht aus. Verdammt! Ist es schon wieder entwischt?

Sebastian Dalkowski



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