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Turbostaat / Abenteuer Auftauen  (03.10.2007)

Staatsfeiertag.

Band Turbostaat / Abenteuer Auftauen
Ort Rosenkeller (Jena)
Datum 03.10.2007

Phil Collins ist klar im Vorteil: Wenn er auf seinem Konzert eine ausgelassene Stimmung erzeugen will, spielt er You Can't Hurry Love, wenn es nachdenklicher klingen soll Another Day In Paradise und bei In The Air Tonight kann er als Schlagzeuger glänzen. Bei Punkkonzerten geht das nicht. Da gibt es nur die schnellen Songs, und, mit etwas Glück, die etwas weniger schnellen Songs. Deshalb ist Anfang gleich Ende gleich Mittelteil und kann leicht dazu führen, dass alles eins wird und verschwimmt und man Ende in der Nacht steht und gar nicht mal sagen kann, was jetzt eigentlich der Höhepunkt des Abends war.

Zuerst aber freuen. Über den Rosenkeller. Der Veranstaltungsort wurde erweitert und die Zuschauerkapazität mindestens verzehnfacht, so dass jetzt gute 150 Menschen vor die Bühnen passen können. Sehr schön. Anfangs spielen Abenteuer Auftauen Punk in der Tradition der Schiffenbands. Aber aus Meißen. Und längst jenseits stumpfer 4/4 Punkklischees, ach, gäbe es nur eine Schublade dafür, wenn Musiker schwitzen und wild auf ihre Instrumente einschlagen und in den Texten Parolen vermutlich nicht abgeneigt sind, wenn man die nur verstehen würde.

Dann aber kommen Turbostaat. Und plötzlich klingen Schlagzeug und Gitarre noch mal drei Stufen nachdrücklicher, greifen die Instrumente wie Zahnräder ineinander und beginnt die Maschine zu arbeiten. Erstaunliche viele Riffs sind im Unterbewusstsein gespeichert. Dabei ist das neue Album Vormann Leiss kaum zwei Monate alt. Und nahezu 1:1 übertragen Turbostaat das präzise aufeinander abgestimmte Arrangement von Platte auf die Bühne. Eine deutliche Bühnenpräsenz, jeder weiß, wo er wie steht und das mit beiden Beinen auf den Bühnen, außer wenn der Bass zu Boden geht.

Wobei: Was irritiert (erst später zu einer liebenswerte Marotte verklärt werden kann), sind Mimik und Gestik von Sänger Jan Windmeier. Der hat ja keine Gitarre in der Hand, sondern eine Hand am Mikro und die andere meist in der Luft. Und mit dieser erklärt er die Worte, die er soeben gesungen hat. Also bei Herz zeichnet er die Umrisse eines Herzens, bei einem wütenden Satz ballt er die Faust und nach einer rhetorischen Frage zuckt er die Schultern. Überhaupt zeichnen sich seine Texte im Gesicht nach, vorzugsweise in den Augen. In denen liegt anfangs auch eine Form eigentümlicher Verwunderung, denn…

…die Jenaer sind reserviert. Liegt vielleicht daran, dass tags zuvor Robocop Kraus hier waren, am Samstag Kommando Sonne-Nmilch kommen und Kräfte bereits verloren gingen oder noch aufgespart werden. Denn was dauerhaft ausbleibt, sind die Erschütterungen des Moshpits, die man auch noch in der zehnten Reihe spürt. Also wenn Menschen plötzlich zwei, drei Schritte zurückweichen, weil vorne jemand in Ekstase ausfallend wird. Der Applaus ist sehr wohlwollend, auch all die zuckenden Beine und nickenden Köpfe, doch pure Hingabe sieht anders aus. Macht aber nichts, trotzdem Zugaben und nach einer Publikumskeilerei, ob RW Erfurt oder CZ Jena der bessere Fußballverein ist, ein versöhnlicher Abschuss, weil: lieber eine auf einem Level stagnierende Dramaturgie aus hervorragenden Liedern als einmal Both Sides Of The Story.

Stefan Petermann


Kommentare



a schrieb am 07.09.2008 um 00:01 Uhr:

nur mal so, also ich finde, jans mimik und gestik müssen nicht zu einer liebenswerten marotte werden… ich fand das von anfang an toll (auch mal was anderes -turbostaat halt!) und deshalb gehört zum mitsingen auch das mitgestikulieren, da kann ich gar nix gegen machen :-P


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