 Gitarren wie Ausrufezeichen.
| Band |
Scraps of Tape |
| Ort |
Cafe Panam, Leipzig |
| Datum |
20.05.2008 |
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Bevor das beste Konzert, was diese Band je gespielt hat, beginnt, läuft Narrow Stairs. Von Death Cab for Cutie. Im Café „Panam“ in Leipzig. Das ist eine Art altes 20-Jahre-Cabaret mit vielen verwunschenen Ecken, verschlissenen Lichtern, einem riesigen Schaufenster hinter der Bühne und einer Bühne, die gefühlte zehn Quadratzentimeter groß ist. Vor der Bühne noch mal zehn Quadratzentimeter Platz für die Zuhörer in der ersten Reihe. Nach der ersten Reihe eine Treppe und dahinter beginnt der eigentliche Zuhörerraum. Es macht Spaß, das Cafe an diesem warmen Spätfrühlingsabend zu erkunden, manche Gäste lösen vorsorglich schon vor dem Konzert Scraps of Tape-Plakate von der Wand.
Narrow Stairs läuft einmal durch, dann spielen Iona aus Leipzig. Postrockprogessiveambientlautleise natürlich, mit all den Sachen, die man im gerne im Genre gut findet. Am besten dann, wenn sie laut und energisch spielen. In der Umbaupause wird Narrow Stairs auf Anfang gefahren und startet von vorn. Im Vorhof trinken Musikerfreunde, DLL-Studenten und Zugereiste Bier, drinnen quetschen sich vier Schweden in die Ecke auf die Bühne. Vom ersten Ton an wird klar: Ungerechter hat das Schicksal einer Band noch nie mitgespielt. Mindestens fünf von sechs Milliarden Menschen sollten diese Wahnsinnigen kennen. Wie selbstsicher sie ihre Gitarren wie Ausrufezeichen in die Luft recken. Wie schüchtern und gleichzeitig so überschwänglich ihre Ansagen auch ohne Verstärkung im Cafe ankommen. Wie souverän sie innerhalb von Sekunden Stimmung, Tonart und Rhythmus wechseln. Das ist so, als hätten sie aus dem Postrock der letzten Jahre all die langweilen weil langwierigen Stellen entfernt und nur das Gute mitgenommen und daraus eine Reise ins Herz der Finsternis gestartet. Wer jemals Since all the birds are moving, shouldn't we gehört hat, weiß wovon die Rede ist.
Es passiert einiges innerhalb der nächsten Stunde. Papiertaschentücher wechseln den Besitzer. Jemand wird im ruhigen Teil eines Liedes auf dem Handy angerufen, geht in die Knie um zu antworten, während Scraps of Tape genau in diesem Moment zum lautesten aller Gitarrenriffs ansetzen. Sänger und Schlagzeuger wechseln mehrmals die Position, es fällt schwer zu sagen, wer wo unglaublicher spielt. Eine Ansage über den am Tag zuvor stattgefunden Auftritt in Belgien — acht Gäste in einer 500er Halle. Heute 500 Gäste auf den bekannten zehn Quadratzentimetern. In jeder Sekunde ist zu merken, wie unerwartet die Begeisterungsbekundungen für die Schweden sind.
Sie spielen einige neue Lieder. Die sind hauptsächlich sehr eindringlich, das dazugehörige Album soll im August aufgenommen werden, es kann nur bestätigen, was alle an diesem Abend fühlen: Scraps of Tape sind nicht irgendwas, schon gar nicht noch eine LautLeise Postband, sie sind Gegenwart und Zukunft. Selbst wenn man alle Gitarreneffektgeräte der Welt gleichzeitig treten würde, käme man ihrem Geheimnis keinen Schritt näher.
Nach dem Konzert sind kaum Fotos gemacht, dafür unzählige wertvolle Augenblicke im Langzeitgedächtnis gespeichert. Ein schüchterner, immer noch überwältigter Johan Gustavsson (mit Bart! mit Empathie!) signiert die (in Großbuchstaben: DIE) CD und sagt, die letzten sechzig Minuten wären das beste Konzert gewesen, das sie jemals gespielt hätten. Es klingt wie ein Versprechen, dessen Einlösung möglicherweise das richtungsweisende Großereignis in diesem Jahr sein wird.
Stefan Petermann
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