 Zärtlichkeit und Chimären.
| Band |
Tocotronic |
| Album |
Schall und Wahn |
| Plattenfirma |
Universal |
| Bewertung |
Keine Bewertung |
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Es ist fatal, nach nur zweimaligem Hören über Musik urteilen zu wollen. Aber es ist auch sehr schön. Weil unmittelbar. Das aktuelle Werk in das Gesamtwerk einzuordnen kann man auch in einigen Jahren noch. Jetzt, am Tag nach dem Kauf, zählt nur der erste Eindruck, der ebenso sehr lügt wie er doch Wahrheiten enthüllen kann. Noch sind Sätze keine Slogans, Irritationen nicht liebgewonnen und trotz aller bekannter Versatzstücke ist die Musik mitsamt des Text neu und damit hauptsächlich fremd, fühlt sich noch nicht als Teil des eigenen Lebens an. Noch ist die Phrase „Bitte Oszillieren Sie“ kein „Der da drüben ist jetzt DJ in Berlin“. So gesehen ist dieser erste Eindruck die einzige Option, zumindestens ansatzweise objektiv einer Band gegenüber zu sein, die einen mittlerweile im 15. Jahr begleitet.
Um es auf den Punkt zu bringen: „Schall und Wahn“ ist die schematisierte Zeichnung eines Berges. Der tief im Tal beginnt, sich in ungeahnte Höhen reckt und später abflacht. Denn erstaunlicherweise packt die Band die jeweils schwächsten Stücke an Anfang und Ende, besonders an den Anfang. Da mäandern sie musikalisch wie auch textlich uninspiriert und unaufregend um den gleichen diffusen Kern, der „Pure Vernunft darf niemals siegen“ schon zu einem nur matt strahlenden Stern inmitten vieler Sonnen macht. Überhaupt kreist dieses Album wie auch die beiden vorherigen um ähnliche Themen, was den Begriff „Berliner Trilogie“ durchaus einen Sinn geben könnte. Wenn nicht der Verdacht aufkommen könnte, diese im Nachhinein so benannte Struktur wäre ebenso wie die Zeile „Ich bin der Graf von Monte Shizo und singe diesen Hit so“ (wie auch ein Dutzend andere) der Versuch herauszufinden, wie weit man sich textlich aus dem Fenster lehnen kann und dennoch vom Feuilleton mit heiligem Ernst interpretiert zu werden.
Da überwiegen, beim ersten Hören, die Irritationen. Reim um Reim und brechende Lanzen, das ist wie ein Bandfoto einer Rockband, auf dem sich die Mitglieder fürsorglich an den Händen fassen, weshalb Fernsehzeitschriften erstaunt fragen, ob diese Männer nicht doch Mädchen wären. Aber Irritationen und Abgrenzung war ja von Beginn an das Alleinstellungsmerkmal der Band. Erst Trainingsjacken und Tigerenten, nun Zärtlichkeit und Chimären. Und dann tritt man aus dem Tal, weil „Das Blut An Meinen Händen“ alles anders macht, was Tocotronic je zuvor getan haben. Selbst der Gesang verliert jede Zufälligkeit, sondern ist punktgenau gesetzt und meilenweit von DIY von damals bis gerade eben entfernt. DIY auch in der ersten Single „When The Saints Go Marching In“, die hier „Macht Es Nicht Selbst“ heißt.
Was gut ist. Denn seit dem weißen Album war man schon froh über jedes Lied, welches das Tempo etwas anzog. Auf „Schall und Wahn“ passiert das so häufig wie seit „Es ist egal, aber“ nicht mehr. Wobei zwischen diesen Platten und Phasen glücklicherweise Jahrhunderte liegen. Was auch gut ist. Trotz und gerade wegen des Verzichts des Konkreten zugunsten von abstrakten Überlegungen. Nach Spaß („Bitte Oszillieren Sie“) und Wahn („Schall und Wahn“) ist da die Bergspitze. Die heißt „Im Zweifel für den Zweifel“. Und diese fasst die Aussage der „Berliner Trilogie“ (die ich vermutlich für alle Zeiten nur in Anführungszeichen schreiben kann) zusammen. Ist so sicher in der eigenen Unsicherheit, dass man hierin sowohl Trost als auch Ansporn entdecken kann. Wer hier keine Bestätigung findet, wird sich weiterhin bei Standupcomedians in die erste Reihe setzen und hoffen, irgendwann mal von Mirjam Boes angesprochen zu werden, um überhaupt mal von etwas angesprochen zu sein.
Kurz danach dann mit „Stürmt das Schloss“ die Hymne, die alle im nächsten Jahr singen werden, wenn nach dem erneuten Zusammenbruch des Bankensystems mit von Bonis finanzierte Villen und Yachst gestürmt werden. SDS statt DSDS. Wie ernst es der Band damit ist, kann man darin sehen, dass dieser Slogan der Special Edition als Button beigelegt ist.
Das Album geht lang und ausschweifend mit „Gift“ zu Ende. Zweimal gehört und froh darüber, es nicht als Special Edition gekauft zu haben, sehr froh aber, es gekauft zu haben. Und das Bedürfnis, sofort davon schreiben zu wollen, auch wenn es nur unzureichend sein kann.
Fazit: So bleibt — und das klingt im Kontext von „2x gehört“ genauso irritierend — erstmal nichts außer dem Bedürfnis, „Schall und Wahn“ gern noch mehrmals hören zu wollen, um irgendwann einmal die richtigen Worte dafür finden zu können.
Stefan Petermann
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