Amazon, du hast meine Vorfreude geklaut.
Schade, dass Du nicht mehr da bist: das geheime Geschenk.
„So viel Heimlichkeit in der Weihnachtszeit…“ haben wir immer gesungen kurz vor dem 24. Dezember. Und sie war wirklich da, die Heimlichkeit. Nie wussten wir, was wir bekamen: ein geflügeltes Pony, eine goldene Puppenstube? Und am Ende haben wir uns doch immer auch über die Puppe oder das Bummi-Heft gefreut. Darauf hätten wir aber auch immer im Laden gezeigt und gesagt: „Mama, kann ich das haben?“ Das war unabhängig von Weihnachten. Wir hatten viele Wünsche, kleine Wünsche, das ganze Jahr über: Süßigkeiten, kleine Spielsachen, große Spielsachen. Wir wussten noch nicht, dass sich einige der Wünsche sehr leicht erfüllen ließen und andere überhaupt nicht. Wir unterschieden eben nicht zwischen teuren Geschenken und billigen Geschenken. Hauptsache wir konnten damit spielen oder es naschen. Deshalb freuten wir uns auch über die Puppe und das Bummi-Heft.
Phase 1: Vergessen
Dann fing es an, dass wir mit unseren Eltern Anziehsachen einkaufen gingen: „Die Hose kriegst Du dann gleich zum Geburtstag. Dann ist es zwar keine Überraschung mehr, aber Du musst sie ja vorher anprobieren.“ Bei diesem Spruch fingen wir an zu rechnen: „Wenn eines der zu erwarteten sieben Geschenke für die Hose drauf geht, bleiben noch sechs. Genug für das Pony und die Puppenstube.“ Der Geburtstag war noch nicht verloren. Erst später lernten wir, Anziehsachen auch als Geschenke zu akzeptieren und zu schätzen. Dann hieß es: „Ja, ok. Dann kannst du den Rock haben, aber den bekommst du zum Geburtstag. Vergiss ihn gleich mal wieder.“ Manchmal haben wir ihn auch vergessen, aber dann war er auch nicht so toll. Da hat auch die Überraschung nichts genutzt, die wir dann hatten: Der Rock war hässlich und gefreut haben wir uns nicht. Nur die Sachen, die wir unbedingt wollten und erst zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekamen, die haben wir nie vergessen.
Phase 2: Rechnen
Mit den Jahren haben wir vor Weihnachten nicht mehr gerätselt, was wir bekommen, sondern gerechnet: „Entweder das Buch und den neuen Ranzen oder das Fahrrad. Oder, wenn die Großeltern was mit dazugeben, die Ferienreise…“ So sind die geflügelten Ponys mit den Jahren einem wohlkalkulierten Realismus gewichen. Wir haben gelernt, dass Geld eine Rolle beim Schenken spielt und dass die Eltern leider keine 4 Fantastilliardentausendtrillionen Mark haben. Immer häufiger mussten wir hören: „Dann spar doch dein Taschengeld, wenn du die teure Stereoanlage haben möchtest.“ Wir fingen an, uns Geld schenken zu lassen und das zu sparen.
Phase 3: Erwarten
Je mehr wir sparten, desto genauer wussten wir auch, was wir uns wünschten und was wir wollten. Einige der Wünsche verlegten wir dann auf Weihnachten und Geburtstag. Wir wählten die Wünsche so aus, dass wir davon ausgehen konnten, dass sie erfüllt würden. Wenn wir uns eine Playstation wünschten, würden uns die Eltern schon sagen, wenn das nicht drin war. Taten sie das nicht, konnten wir davon ausgehen, dass wir eine Playstation zu Weihnachten bekommen würden, denn warum sollten sich die Eltern die Mühe machen, nach einem anderen Geschenk zu suchen, wenn sie einen akzeptablen Vorschlag hatten? Und so wich das Rechnen einem Erwarten: „Mann, wann ist denn endlich Weihnachten. Ich will endlich mit der neuen Playstation spielen.“ Wer weiß, dass er eine Playstation zu Weihnachten bekommt, der weiß auch, dass da nicht mehr viel kommen kann. Das heißt, wir erwarten zwar, aber nur das, was wir uns gewünscht haben und sonst ist nicht mehr viel drin.
Phase 4: Priorität: Würde mich freuen
Mit amazon können wir jetzt hoffen, unseren Wunsch erfüllt zu bekommen, obwohl nicht Weihnachten ist oder Geburtstag. Vielleicht sieht jemand großzügiges in der Amazon-Community unseren Wunschzettel. Vielleicht bestellt er dann die Stereoanlage, einfach, weil er mal etwas Nettes machen möchte für jemanden, den er nicht kennt. Naja, die Wahrscheinlich dafür geht gegen null, mit einem Buch ist das einem Freund aber schon passiert. Normalerweise schauen aber Bekannte vor dem Geburtstag oder Weihnachten auf den Wunschzettel, suchen sich etwas aus, dass wir mit „Priorität: Muss ich haben“ oder mindestens „Würde mich freuen“ angegeben haben und das sie sich leisten können. Früher gab es solche Listen nur für Hochzeiten bei WMF. Mittlerweile auch bei WMF online, Buch.de… Und wer da nichts findet, schenkt einen Gutschein: Den bekommt man in noch mehr Geschäften und Online-Warenhäusern als die Wunschzettel. Natürlich verhindert das relativ zuverlässig, dass wir das neue Buch von Frank Schätzing bekommen oder die neue CD von Toploader. Aber daran haben wir doch auch immer erkannt, wer uns kannte und mochte. Früher haben wir uns noch Gedanken gemacht, was wir verschenken wollten, was unseren Freunden gefallen könnte. Haben sie die CD schon? Finden sie Clever und Smart auch so witzig wie wir? Es hat Zeit gekostet, war nicht immer schön und Erfolg hatte es auch nicht immer, zum Beispiel, wenn sie Clever und Smart doch nicht so witzig fanden. Aber ich hatte immer das Gefühl, ich schenke etwas und suche nicht nur etwas aus. Und ich hatte das Gefühl, die Freunde haben einen Tag für mich geopfert, um sich etwas Nettes zu überlegen und zu besorgen, und nicht einfach nur die Listen abgegrast. Schenken nach Listen kann jeder. Sich Geschenke überlegen, können nur Freunde.
Kerstin Petermann
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