 Scheibe gegen das Vergessen.
Was bleibt nach dem Digitalisierungswahn?
Im Juli 1799 machte Pierre-François Bouchard eine unglaubliche Entdeckung, die auf den ersten Blick wie Bauschutt aussah. Er leitete im Namen Napoleons den Bau eines Forts im ägyptischen Nildelta, nahe der Hafenstadt Rosetta. Die umstehenden Bauhelfer mussten sogleich verstanden haben, dass dieser Stein ein besonderer war, als Pierre-François Bouchard einen 1,14 Meter mal 0,72 Meter großen Stein freilegte. Denn sie standen erst starr vor Staunen und fielen sich dann in die Arme.
Heute ist dieser Stein der Stein von Rosetta und erinnert uns daran, dass unser Wissen und unsere Informationen vergänglich sind. Auf dem Stein ist derselbe Text, ein Dekret des Rates der ägyptischen Priester, in drei Sprachen: Hieroglyphen, Demotisch und Altgriechisch. Im alten Ägypten bot dieser Stein die Möglichkeit, Gesetze so zu veröffentlichen, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen sie verstehen konnten.
In der Neuzeit bietet er die Möglichkeit, alte Sprachen zu entziffern. Mit Hilfe des Steins von Rosetta gelang es dem französischen Schriftgelehrten Jean-François Champollion 1822 erstmals, die alten Schriften zu entziffern. Er musste nur eine der Sprachen (Griechisch) sprechen und eine gewisse Kenntnis der ägyptischen Sprache haben. So konnte er erst den griechischen Text entziffern. Um die ägyptischen Schriftzeichen zu entziffern, reichte es, dass er nun die Bedeutung des Textes kannte und eine ägyptische Sprache, Koptisch, sprach. Champollion benötigte also in erster Linie Fleiß und Logik. Die Zeichen selbst waren sichtbar.
Heute hätte Champollion weit mehr Hürden zu bewältigen, wollte er unsere Sprache und Informationen entschlüsseln. Zukünftige Forscher und Entdecker werden vor CD-ROMs und Magnetbändern sitzen, sie werden einen Haufen Nullen und Einsen zu entschlüsseln haben. Und sie werden nicht die notwendigen Geräte dazu haben. Wenn wir die CD mit den Urlaubsbildern in den passenden Computer schieben, zeigt er uns die Bilder. Ohne diesen Computer jedoch sind sie nur Zahlen und Codes.
Trotzdem stürzen wir uns mit Eifer in den Zahlensalat und digitalisieren, wo es nur geht. Anstatt wenige Bilder in ein Album zu kleben, speichern wir tausende Bilder in Ordnern auf dem Computer. Unsere Enkel werden sie vielleicht schon nicht mehr ohne Probleme anschauen können, weil sie ganz andere Software und Datenformate haben. Wir haben kaum noch Vinylplatten, die Musik analog speichern und mit einfachen akustischen Mitteln abgehört werden können — auch in hundert Jahren noch.
Stattdessen sammeln wir unsere Lieblingsplatten digital auf CDs oder sogar nur auf dem Computer. CDs halten ungefähr 15 bis 20 Jahre, das heißt, die ersten verkauften CDs können jetzt schon kaum noch abgespielt werden. Die Lieder auf dem Computer sind zwar relativ sicher, sofern nicht die Festplatte zerstört wird, aber sie werden auch nicht mehr zugänglich sein. In der Zukunft werden sie in dem kleinen Kasten der Festplatte eingeschlossen sein und wir können nichts damit anfangen, weil unser moderner Computer das Dateiformat nicht erkennt und die Codes nicht entschlüsseln kann.
Das erste Mal wurde dieses Problem nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion deutlich: Dutzende Computer und Magnetbandmaschinen wurden sichergestellt und archiviert. In der BRD konnte jedoch niemand die Daten auf den Magnetbändern lesen, weil es keine entsprechenden Maschinen gab. Noch heute liegen etliche Rollen und Meter Magnetband in Kölner Archiven.
Immer schneller überholen sich Technologien und veralten Maschinen, so dass sie nutzlos werden. Die Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft erfuhr auch der ehemalige Roxy Music-Sänger Brian Eno. Er kam nach New York und musste feststellen, dass „hier und jetzt“ in den USA „dieser Raum und die nächsten 5 Minuten“ bedeutete und nicht wie in England einen weiteren Ort und eine größere Zeitspanne. Er ersann daher mit dem Computerwissenschaftler Daniel Hills ein Projekt, in dem eine Uhr nicht im Sekundentakt tickt, sondern einmal im Jahr und einmal aller hundert Jahre schlägt. Der Kuckuck dieser Uhr erscheint einmal aller Million Jahre. Das Projekt heißt Long Now Foundation und hat sich nicht nur der Langsamkeit verschrieben, sondern vor allem der Nachhaltigkeit.
Und es schaute sich das ab, was die alten Ägypter mit dem Stein von Rosetta vorgemacht hatten: Unbekannte Sprachen sollten mithilfe von Vergleichstexten und mit ein bisschen Logik entschlüsselt werden können, ohne dass technische Hilfsmittel notwendig sind. Mit der Rosetta Disk sollen Informationen wieder unabhängig von Maschinen und Technik gespeichert werden und damit für kommende Generationen erhalten werden. Deshalb hat die Rosetta Disk wie ihr Vorbild, der Stein, denselben Text (der Anfang der Schöpfungsgeschichte aus der Bibel) in verschiedenen Sprachen eingraviert. Dazu muss sie aber nicht ein so unhandlicher Brocken sein, wie der Stein von Rosetta; auf einer Scheibe mit einem Durchmesser von 7,62 cm sind auf beiden Seiten jeweils 15 000 A4 Seiten mit Texten in allen bekannten Sprachen eingraviert. Um sie zu lesen, benötigt der Leser aus der Zukunft lediglich ein starkes Mikroskop, das die Schrift 1000 Mal vergrößert. Das ist mit einfachen Kenntnissen der Optik leicht herzustellen und nicht an digitale Codes gebunden.
Noch mehr Eigenschaften sollen es dem Leser einfacher machen: Die Schrift verkleinert sich, je näher sie dem Zentrum der Scheibe kommt; am Rande kann sie noch mit dem bloßen Auge gelesen werden. Das zeigt dem Leser erst mal: Hier ist etwas zu lesen und wenn Du die Schrift vergrößert, findest Du noch mehr. Gleichzeitig zeigt die Verkleinerung der Schrift die Richtung an, in der der Text gelesen werden muss. Die Rosetta Disk geht davon aus, dass der Leser die Sprachen nicht kennt und beinhaltet deshalb neben dem Bibelausschnitt auch Originaltexte aus dem Sprachraum, also Gedichte und Erzählungen, außerdem eine Grammatik der Sprache und Vokabellisten. Damit erzählt die Rosetta Disk kommenden Generationen fast alles über das 21. Jahrhundert. Sie gibt einen Überblick die Kultur und die Menschen unserer heutigen Zeit. So wie wir heute noch von alten Briefen und brüchigen Tontafeln lernen, werden künftige Forscher von der Rosetta Disk lernen.
Gleichzeitig friert sie einen Teil unseres heutigen Wissens ein. Viele der Sprachen, die auf ihr gebannt sind, wird es schon in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben. Von einigen gibt es kaum Texte oder andere Dokumente. Ohne die Rosetta Disk wären sie mit dem Tod des letzten Sprechers endgültig verloren.
Ähnlich verloren könnten unsere digitalen Fotoalben sein, wenn unsere Enkel auf dem Speicher einmal nur einen Stapel CD-Roms finden, die von Feuchte oder Schimmel schon halb zerfressen sind.
Weitere Links zum Thema Rosetta Disk
Kerstin Petermann
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