 Lern etwas Anständiges.
Sicheres Geld gegen Leidenschaft im Job.
Pro
Neulich fiel mir mein altes Alle meine Schulfreunde-Buch aus der Grundschulzeit in die Hände. In diesem Buch haben sich all meine Freundinnen verewigt und mir ihre Lieblingsfarbe („Lila, Pink!“) , das blödeste Schulfach („Mathe bei Frau Gerhardy“) und die coolsten Bands („Blümchen“, „The Kelly Family“) verraten. Natürlich durfte der Berufswunsch da nicht fehlen. Aber Maria ist heute keine Modedesignerin und auch Kristina hat den Sprung zur Sängerin nur knapp verfehlt. Dafür wird Maria eine absolut stilsichere Lehrerin, die sich ihre Taschen selbst näht und die Bankkauffrau Kristina singt auf Singstar-Abenden alle nieder.
Das Leben ist teuer. Teuer und unberechenbar. Natürlich kann jeder seinen eigenen Weg gehen und versuchen, seine Träume zu verwirklichen. Wenn der Traum darin besteht, etwas „Halbseidenes“ zu machen, das nichts mit dem soliden Schreibtischjob zu tun hat, kann er das tun. Andere träumen aber einen anderen Traum, den der Sicherheit und des Komforts. Ein eigenes Haus ist eine prima Sache, mehrmals im Jahr Urlaub an exotischen Sandstränden auch. Wenn der Feierabend und die Wochenenden sich mit Geld angenehm gestalten lassen, schmecken Kompromisse im Berufsleben längst nicht mehr so bitter. Wenn der Job kaputt macht, ist das eine andere Sache. Aber ist es so schlimm, wenn der Alltag dank des Jobs nicht ständig so spannend und prickelnd ist, wie man es sich als Schüler vorgestellt hat? Muss es ein Unglück sein, wenn finanzielle Unabhängigkeit winkt, man das Arbeitsamt nur aus Beschreibungen kennt und Kinder ernährt werden können?
Wenn vermeintliche Träume wahr werden, heißt das nicht, dass sich die Wirklichkeit dann genauso anfühlt wie in der Phantasie erdacht. Leidenschaften können schnell verglühen, wenn man damit seine Stromrechnung bezahlen muss. Was passiert, wenn die Zuschüsse für den Kulturbetrieb kaum für mein Gehalt ausreichen oder es mit dem selbst eröffneten Plattenladen nicht mehr so läuft? Druck baut sich auf, Ängste entstehen. Irgendwie hat sich alles besser angefühlt, als der Beruf noch Hobby war und es ohne schlimme Konsequenzen blieb, wenn man scheiterte.
Der Schlüssel zum Glück ist vielleicht: Zeit haben. Zeit haben für die finanzielle Absicherung, die einem ruhige Nächte beschert und vor Magengeschwüren bewahrt. Zeit haben, um seine Hobbys auszuleben, seine Leidenschaften zu pflegen und zu bewahren. Pflicht und Kür.
Contra
Kann ein Postbote seine Briefe ohne Leidenschaft austragen? Ja. Er funktioniert dann wie eine Maschine, die morgens um 6 Uhr anspringt und ihre einprogrammierte Route abläuft. Tut sie das nicht, wird sie ausgewechselt. Sie funktioniert aber, weil sie Miete zu bezahlen, einen Kühlschrank aufzufüllen und den Kindern neue Kleider zu kaufen hat. Kann eine Rechtsanwältin ihre Mandanten ohne Leidenschaft verteidigen? Ja. Sie funktioniert dann wie ein Gesetzesbuch, das an der richtigen Stelle aufgeschlagen wurde und auf den neuesten Stand ist. Ist es das nicht, wird es aussortiert. Beide haben ein festes Einkommen. Der Postbote kann seine Miete, den vollen Kühlschrank und die Kleider bezahlen. Für mehr wird es nie reichen. Wird ihm das für die restlichen 40 Jahre seines Berufslebens reichen? Die Anwältin wird sich mit 30 ein Haus bauen können und nie Miete bezahlen müssen. Von vielen Problemen wird sie sich freikaufen können. Sie kommt aber genauso wenig weiter wie der Postbote und über ein Rechtsanwälte-Mittelmaß nie hinaus. Wie sollte sie auch, wenn sie keine Lust, Motivation und Energie hat, sich mit ihrer Arbeit zu beschäftigen; wie sollte sie, wenn sie sich nach Feierabend vor Gesetzesbüchern ekelt, denn sie hat sich ja schon den ganzen Tag damit befasst.
Das zweite Standbein, der sichere Job und das sichere Geld, können für den Anfang helfen und Stützräder sein. Wer aber das Fahrradfahren gelernt hat, der sollte sie ablegen, denn dann sind sie ein Klotz am Bein. Spaß macht das Fahrradfahren erst freihändig und ohne Stützräder. Ein Jahr hat 52 Wochen in denen wir 5 Tage oder zirka 40 Stunden arbeiten, zirka 40 Jahre lang. Das sind 10400 Tage oder 83200 Stunden in einem Arbeitsleben. Davon können wir durchschnittlich 29 Urlaubstage pro Jahr abziehen, das entspricht 223 Arbeitsstunden. Wir arbeiten also 9240 Tage oder 73920 Stunden während eines Arbeitslebens. Da sollte die Arbeit mehr sein, als Geldverdienen und Sicherheit; sie sollte auch erfüllen und einen Menschen weiterbringen und -entwickeln.
Kerstin Petermann / Linda Wilken
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