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Nine to Five.

Nine to Five.

Was ist wichtiger: Geld oder Würde?

Die Kindheit ist eine öde Wartehalle, die es erst mal abzusitzen gilt — bis endlich was passiert. Das hat jemand mal gesagt, und irgendwie stimmt es auch; die ersten fünfzehn Jahre als Probezeit auf das Leben danach. Natürlich gilt das auch für die ersten Jobs. Und sieht man sich diese Verkettung glücklicher Umstände näher an, wird grundsätzlich klar: Man nimmt, was man kriegt. Wie später.

Etwa den einen, auf den viele reingefallen sind. Niemand hat damals behauptet, es würde Spaß machen, und auch versprach ich mir davon keine finanzielle Unabhängigkeit (ich wusste nicht einmal, was das überhaupt sein soll). Dass Zeitungen austragen nicht mehr als einer schlechten Kosten-Nutzen Rechnung entsprach, war mir damals leider auch nicht klar. Von Haus zu Haus (die günstigeren weil dicht gepackten Hochhaussiedlungen bekam immer ein anderer), bei schlechtem Wetter, für mickrige 5 Cent pro Kasten. Am Ende lief es darauf hinaus, dass der paper boy entweder mutig genug war, den ganzen Mist an Werbeprospekten und Dorfzeitungen gleich im Altpapiercontainer zu entsorgen, vielleicht 20 Briefkästen damit zu verstopfen und sich sonst nicht weiter einen Kopf zu machen, oder er war es eben nicht und hatte somit so einige Touren durch die Nachbarschaft an der Backe. Für viele war das die erste Erfahrung, Geld zu verdienen. Und Zeit zu verbrennen. Kein Wunder, man war jung, dumm und noch nicht reif für die Erkenntnis, dass Arbeit scheiße ist. Meine Eltern waren auch mal wieder keine Hilfe, im Gegenteil ermutigten sie mich noch. Der Nutzen für meine Entwicklung hielt sich in Grenzen. Wäre ich damals doch nur zu Hause geblieben.

Pädagogischen Wert hatte da — man mag es nicht so recht glauben — das Regaleeinräumen im örtlichen Minimal schon eher. Unter einem despotischen Vorgesetzten war unsere Einräumer-Kaste, einem bunten Haufen aus angehenden Abiturienten und Menschen fortgeschrittenen Alters, schnell klar: Werden wir schon wie Dreck behandelt, dann halten wir wenigstens zusammen. Die Witze über den stets schlecht gelaunten Chef erfüllten ihre Funktion, das kollektive Seufzen über das Gemaule des kleinen Königs über Wust und Kasse, Schnaps und Haushaltswaren klang verschwörerisch. Wir wurden zwar gescheucht, aber die Bezahlung war okay. Und jedes Mal, wenn ich beim täglichen Einkauf die Aushilfen beobachte, weiß ich heute: das konnte ich sehr viel besser und schneller. Denn ich war Profi — und meine Kollegen auch.

Der Arbeit im Gulag der kleinen Preise folgt ein kleines Intermezzo als Nachhilfelehrer. Je nachdem läuft das im optimalen Fall nach kurzer Eingewöhnungsphase ja so: der Schüler hat mit seinen miserablen Leistungen in Englisch / Mathe / Deutsch längst seinen Frieden gemacht und der Lehrer selbst hegt keine Ambitionen, daran etwas zu ändern. Friedliche Co-Existenz eben. Und am Ende jeder Stunde gibt's Geld. Als ich selbst noch ein Instrument spielte und Woche für Woche in die Musikschule trottete, war das bei mir als Schüler (und bei vielen, die ich kenne) genau so. Wenn ich mit meinem Mathe-Schwachen an einem Tisch saß, gaben wir uns wenigstens etwas Mühe. Gebracht hat es nie was.

Ich hatte nichts besseres zu tun, also wurde ich irgendwann Student. Mit dem passenden Studentenjob klappte es dann auch schon bald. Ein klassischer EDV-Muli, der zweimal die Woche kam, seine mal mehr, mal weniger hirnlosen Aufgaben erledigte, und nach ein paar Stunden wieder ging. Ich war die Studentenkraft, die ins Lager rüber muss, den Computer mit Daten füttert oder einfach mal stundenlang Briefe öffnet, Korb für Korb. Einigermaßen stupide. Ohne Frage war ich mit meinem Job sehr zufrieden. Welches Produkt die Firma genau anbot, war wie bei Studentenjobs üblich, nebensächlich. Wir aber stellten armen Studenten preisgünstige Abos bereit, die von Men's Health bis zum Spiegel und Bild der Wissenschaft reichten. Ein gutes Werk, und ich war Teil davon.

Neue Stadt, neues Glück. Wenn ich jetzt schon am Medienstandort Nummer eins zu Hause war, warum nicht auch „was mit Medien“ machen? Ein blödes Klischee, das mich mit offenen Armen empfang. Ich sagte nicht nein. Denn der Mini-Job als Sichter klang doch ganz interessant. In diesem Berufsprofil trafen sich zwei Dinge, die ich ohnehin viel zu oft tat: Fernsehen und vor dem PC sitzen. Hier wurde (und werde) ich dafür aber wenigstens bezahlt. Sichten, das bedeutet: Tippen. Und das Video zurück spulen. Immer wieder, jedes Mal nur wenige Sekunden, um das mitzuschreiben, was einem die Menschen auf Band da erzählen. Interviews auf endlosen Bändern, oft voller Stammelsätze und hohler Phrasen. Zuweilen ist das trotzdem faszinierend, denn langsam erschließt sich mir der Reiz hinter Reality-Formaten und Doku-Soaps. Genau, die Menschen, ihre Gedanken, ihr Leiden, und, hach, ihr Hoffen. Zum Beispiel eine WG aus jungen Menschen, die alle nicht so recht wissen, wie sie den Sprung in ihr Wunschleben schaffen sollen. Ob zukünftiges Model, Dachdecker oder Journalistin — wenn junge Egos aufeinander prallen, kann es unterhaltsam werden. Oder erbaulich, wenigstens für mich. Und Alltägliches ist irgendwann nicht mehr öde, sondern beruhigend.

Ich hatte bis heute so ungefähr alles mitgenommen, was es an Mini-Jobs mitzunehmen gab. Vielleicht bis auf in Heimarbeit Kugelschreiber zusammen stecken. Der heimliche Bodensatz erster Verdienstmöglichkeiten, die dritte Welt in der ersten. Was bleibt? Erfahrungen. Aber im Zweifelsfall war der Verdienst wichtiger. In der Nachbarschaft. Im Gang, wo der Kaffee steht. Zuhause. Und dann war da noch die Erkenntnis: Junge, du musst nicht alles mitmachen. Muss wohl jeder selber lernen. Es sagt einem ja auch niemand.

Sven Job



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