 „Ich will eine unerhörte Geschichte.“
Musiker, Autor, Kabarettist, Fotograf… Jess Jochimsen hat viele Talente, und ständig mehrere Projekte zugleich am Laufen: Bühnenprogramme, Lesungen, TV-Shows, Kolumnen, immer mal was Neues. (siehe www.jesses.de) Eben ist sein erster Roman, Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer, erschienen. Katharina traf den Autor zum Interview und stellte fest, dass er auch außerhalb seiner Bühnenprogramme unterhaltsam, witzig, und wortgewandt ist.
Ich treffe Jess Jochimsen nach seinem gelungenen Auftritt mit dem Programm „Das Dosenmilchtrauma“ in Schneverdingen. Die Bahn hatte gestreikt, und so war Jess mit dem Mietwagen gekommen, obwohl er Autofahren in der Nacht gar nicht mag. Wir beschließen, das Interview auf dem Weg nach Hamburg zu machen. Nach einem Abstecher in die Musik-Kneipe Blue-Bird, die genau so ist, wie man sich das jetzt vorstellt, verlassen wir gegen Mitternacht Schneverdingen und die bereits bedenklich alkoholisierte Landbevölkerung. Als wir das Ortsgebiet verlassen, schalte ich mein Aufnahmegerät ein, Jess zündet sich eine Zigarette an und wir fangen an.
Wenn wir jetzt das Autoradio eingeschalten hätten, was dürfte auf keinen Fall laufen?
Gewinnspiele im Verkehrsdudelkommerzdrecksradio mit den größten Hits der 70er, 80er…
…und dem besten von heute…
Genau.
Du hast als Musiker angefangen… Wolltest Du Rockstar werden?
Wie alle halt… Die Gitarre umgeschnallt haben und angehimmelt werden. Hat halt nicht so funktioniert.
Was war das für ein Stil, den Deine Band gespielt hatte?
Ich glaub wir waren so was wie Liedermacher, ohne sich zu schämen. Ich fand das eigentlich geil, Geschichten erzählen mit Liedern. Ich hab das aber leider nicht gelernt. Ich hab Klarinette gelernt, und da kann man jetzt nicht dazu singen; dann hab ich Gitarre durchgesetzt, hab aber ganz lausig gesungen, und irgendwann gemerkt, dass die Ansagen eigentlich die Leute viel mehr interessiert haben als die Lieder. Und hab dann die Lieder deutlich zurückgeschraubt und mehr Geschichten erzählt, und so bin ich eigentlich zum Bühnenprogramm gekommen. Bei jedem der Bühnenprogramme waren immer auch Lieder dabei. Zum Teil waren die auch ganz schön und wenn man das viel macht und will, dann stimmt auch irgendwann die Tonhöhe. In Gitarre bin ich ganz gut, ich habe früher auch Rockmusik gemacht. Ich hatte mal so ne Hillbilly-Band, ne Punkband, ich hatte ne Band mit deutschen Texten, eigentlich von ganz schlimm bis ziemlich schön.
Meine Programme haben sich wieder zur Musik zurückentwickelt, dadurch, dass ich den Sascha Bendiks kennen gelernt habe. Da habe ich für ne Präsentation eine Band gesucht, mit der ich viel mal gemacht habe früher. Das waren Tele. Mit dem Francesco Wilking, dem Sänger von Tele hatte ich fünf Jahre lang eine Lese-Show in Freiburg. Aber dann waren sie blöderweise schon in Berlin und so berühmt, dass ich jetzt nicht sagen konnte „kommt zu uns in den kleinen Club“…und dann kannte irgendjemand die Halbe Wahrheit, und ich fand das super, und dann haben wir das zusammengebaut. Weil wir alle noch in Produktionen waren, hab ich dann gesagt, das Jahr, wo ich noch solo unterwegs bin, da übe ich einfach noch mal. Und mittlerweile kann sich das, was wir machen, ganz gut sehen lassen. Es kommt sehr viel Musik-Publikum. Und die Platte von Sascha kommt jetzt auch raus und die wird gut. …Müssen wir rechts raus?
Hamburg/Hannover, das passt auf jeden Fall.
Okay.
Wir nehmen die nächste Ausfahrt und Jess zündet sich eine neue Zigarette an.
Wen bewunderst Du als Musiker?
Die Eels sind gerade ne Band wo ich ziemlich fast alles hören kann, dann mag ich, muss ich zugeben, auch diese ganze Countryfication-Welle, also vor allem The Twang, dann Magnetic Fields, eigentlich querbeet.
Aber immer eher Gitarren-lastig, oder?
Fast immer echte Musik; als ich angefangen habe, Musik zu machen, stand auf den Platten immer drauf „No keyboards, no overdive“.
Du hast einmal in einem Interview gesagt, du liest fünf Bücher im Monat-
Das habe ich gesagt? Das klingt immer so aufschneiderisch… Ich glaube es sind sogar mehr.
Und was liest Du?
Wahnsinnig viel Belletristik, ich hab immer so Phasen, also jetzt lese ich gerade das neue Buch von Kirsten Fuchs, den ersten Roman, der ist großartig, super geil, dann hab ich jetzt zwei Jahre lang so eine finnische Phase gehabt, und alles, was ich an finnischen Autoren bekommen habe, weggelesen. Sehr viel Zeitung und sehr viel Bücher. Ich hab das halt auch mal studiert. Ich bin schon ein brutal manischer Leser.
Was ist die ideale Lesesituation?
Das kann ich gar nicht sagen, fast immer. Ich lese auf Tour brutal viel, im Zug, im Cafe, vor der Bühne, in der Pause, im Urlaub, vorm Ins-Bett gehen. Ich hab immer ein Buch dabei.
Dann erübrigt sich ja fast die Frage, wie es dazu kam, dass du einen Roman schreiben wolltest.
Das war immer ein totaler Traum von mir. Weil die ersten Sachen, das waren ja so Unfälle. Irgendjemand hat mal gesagt „willst Du nicht mal ne Kolumne schreiben?“. Und dann kam diese ganze Popliteraturwelle. Und da war so ne kleine Klitsche in Berlin, die für dtv Sachen gemacht haben. Das waren die einzigen, die wußten, dass ich neben meinen Bühnentexten Kolumnen schreibe. Und die haben gesagt „machen wir doch ein Buch draus“. Dass das dann so einschlägt, damit hat ja keiner gerechnet. Das war ohne jede Werbung, und dann wurde das ein Bestseller, und noch mehr, und Abitursthema, und da sind ja fast 60 000 Stück verkauft; das ist ja abartig, also wahnsinnig viel. Als das zweite dann draußen war, hab ich gesagt, jetzt bin ich bei meinem Kindheitstraum Roman.
Hast Du beim Schreiben dran gedacht, dass das jetzt auch wieder ein vorlesetauglicher Text wird?
Also ich finde ja prinzipiell Vorlesen super, auch auf der Bühne. Das ist eine total klasse Form der Abendunterhaltung: Lesen, Musik, Dia. Ich habe Lese-Slams gemacht, hab auch eine eigene Lesebühne in Freiburg und beim WDR eine Sendung, die heißt „Die Vorleser“, wo ich Leute einlade, die komische Texte vorlesen. Und ich habe auch, als ich das Buch geschrieben habe, einmal im Monat vorgelesen, die fertigen Kapitel.
Erwarten die Leute von Dir wenn Du ein Buch schreibst, dass das dann nur lustig ist?
Man kann sich schon total weglachen. Aber ich finde, wenn man einen Roman schreibt, muss der eine gute Handlung haben, da muss was passieren. Das hat mich bei der ganzen Popliteratur immer so angekäst, dass die keinen Beruf haben. Wovon bezahlen die ihr teures Leben? Und dann passiert auch immer nix. Die schreiben immer nur. Ich will eine unerhörte Geschichte.
Wie bist Du auf all die Zutaten gekommen?
Ich wollte unbedingt was machen über Demenz, weil das natürlich eine sehr tragische Krankheit ist, aber auch eine sehr komische, mit dem vielen Vergessen. Ich hab da viel recherchiert, war auch in so Heimen. Es war ganz bitter, aber es gab auch unglaublich komische Momente. Das war so meine Grundidee, mir jemanden zu suchen, der sich gerne erinnern würde, aber es nicht schafft… …Fahren wir eigentlich noch in der richtigen Richtung?
Ja, wir fahren Richtung Hamburg, ne?
Ich hoffs!
Wir lachen. Und ich hoffe, dass ich nicht irgendeine Ausfahrt übersehen habe. Doch nach ein paar Metern beruhigt mich das nächste blaue Schild: Hamburg, da steht's doch.
Einer, der sich erinnern möchte aber nicht kann, und einer, der gerne alles vergessen will, aber es nicht schafft, das fand ich einfach ne super Grundsituation. Und dann brauchte der einen Beruf und ich hab ja nix gelernt; ich hab ja nur studiert, ich hab ja nur Jobs gehabt. Ich wollte aber, dass die Hauptfigur nicht NUR einen Job hat, also schon einen Job, aber einen, wo man auch in Würde bleiben kann.
Wie wichtig waren dir die vielen Kommentare zum Zeitgeschehen?
Ja, ich finde wenn man ein Buch spielen lässt in ner Zeit, die gar nicht lang her ist, dann kann man nicht so tun, als wäre da nichts gewesen, zumal das ja mit den Leuten was macht. Also ich finde, so ein Irakkrieg lässt niemanden kalt. Ich finde, da muss man das ernst nehmen, und da spiegelt sich auch die Haltung dieser Zyniker wieder. Irgendwie gegen den Krieg zu sein und gegen die Friedensbewegung, einfach eine Haltung zu entwickeln. Und das ganze Buch geht darum „übernimmt die Hauptfigur jetzt Verantwortung oder nicht?“
Ist das schon mal vorgekommen, dass Bekannte oder Feinde sich wiedererkennen in deinen Figuren?
Das ist tatsächlich noch nie vorgekommen. Das ist gar nicht meine Art. Eine Figur muss funktionieren. Es gibt diesen alten Drehbuchautoren-Satz „wenn Du nicht mehr weiterweißt in der Handlung, dann nimm einfach Deine Figuren ernst, die erzählen dir schon, wie es weitergeht.“
Wie willst du definiert werden: als Schriftsteller, als Kabarettist, als Comedian?
Mir ist das eigentlich völlig egal. Die meisten schreiben mittlerweile „Komiker und Autor“ oder „Autor und Musiker“; Irgendwo stand „Country-Sänger“; das fand ich super. So ein Unsinn, aber fand ich total schön. Hab ich mir dann auch ausgeschnitten.
Man sieht dich immer mal wieder im Fernsehen… Gibt es TV-Formate, die du gut findest?
Es ist mittlerweile so, wenn du jetzt gar nicht im Fernsehen bist, dann kommt halt keine Sau. Es ist leider so. Ich mach die Sendungen, wo ich auch sagen darf, was ich will, das ist nach wie vor der Quatsch Comedy Club. Also Thomas Hermanns ist ein Pionier, und ein Freund, und der weiß auch, was er tut. Wir kennen uns seit zehn Jahren. Wenn ich da eingeladen werde, darf ich meinen Text sagen, und es kam auch schon vor, dass keiner gelacht hat. Also null. Oder Mitternachtsspitzen, Ottis Schlachthof,… Ich hab da auch keine Berührungsängste, ich finde Fernsehen nicht per se schlecht. Ich hab schon ganz schön schlechte Sachen mitgemacht, aber man lernt ja da auch nicht aus. Element of Crime gehen auch zu Stefan Raab.
Würdest du zu Stefan Raab gehen?
Wahrscheinlich schon.
Wenn du drei Tage Zeit hättest und unbegrenzt Geld, wo würde es hingehen, und was nimmst du mit?
Ich würde mit meinem Sohn auf den Fußballplatz gehen und das Geld in Eis anlegen. Aber ich muss jetzt eher gucken ob ich über die 7 oder über die 1 fahre.
Wir müssen Hamburg West auf jeden Fall.
Also über die 7.
Wir müssen ja durch den Elbtunnel durch.
Ja… Das nehmen wir alles ins Interview mit rein!
Er lacht, und ascht aus dem Autofenster in die vorüberziehende Nacht.
…Also von dem unbegrenzten Geld würde ich einen Haufen verschenken, einfach an Leute, die ich mag und an Leute, wo ich sag, die brauchen viel Kohle. Ich würde auch Sachen ausgeben. Ich würde mir noch mehr Gitarren kaufen.
Wie viele hast du schon?
Zu viele. Für meine Wohngemeinschaft und für meinen Proberaum zu viel. Aber man kann gar nicht genug Gitarren haben.
Gibt es etwas was du nie werden willst, oder wie du nie werden willst?
Am schlimmsten fände ich es glaub ich, wenn ich verbittert würde, so ein verbitterter Alki-Besserwisser-Kabarettist. Die gibt's ja auch. Also ich finde ja Zynismus ganz großartig; es gibt so viele Facetten von Zynismus; er darf halt nicht schal sein, oder hohl. Zynismus ist durchaus ne Haltung, aber wenn der so ins Verachtende reingeht, dann ist er nicht nur andere Menschen verachtend, sondern letztlich auch sich selbst. Der führt zu nichts und ist unproduktiv. Da ist mir die Ironie lieber, die angeblich so tote… find ich ne spitzen Haltung.
Der Satz aus deinem Buch „Man muss sich auch mal wehren“, meinst du den generell so?
Den würde ich jederzeit und immer unterschreiben. Ich bin jetzt halt auch in der nächsten Lebensphase… Man wird halt erwachsen. Aber wenn das Erwachsenwerden mit Küchendunst-Abzugshauben-Gesprächen und Schuhe-bei-den-Parties-Ausziehen zu tun hat, dann ist das nicht mein Erwachsenwerden; dann bin ich lieber kindisch. Dann wehre ich mich dagegen. Und dann ist das auch Stoff für die Bühne oder für ein Buch.
Letzte Frage: Ist Jess dein richtiger Name?
Ich heiße ganz genau so. Ich hab da lange drunter gelitten, da kommen dann die ganzen Yes und No-Witze…
Wir sind inzwischen im Freihafen-Gebiet. Unser Gespräch geht ebenso angeregt weiter, Jess raucht noch unzählige Zigaretten, und wir verfahren uns nur zweimal, bis wir im Schanzenviertel gelandet sind.
Katharina Litschauer
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