Ist da jemand?
Auf der Suche nach dem einsamsten Ort der Welt.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, auf dem Nordpol zu wohnen. Man muss sehr einsam sein da, denke ich mir. Doch dann tauchen Bilder auf vor meinem inneren Auge, wie man sie aus Kinderbüchern und BBC-Dokumentationen kennt: Schlitten mit unzähligen Huskies, die Eskimo-Großfamilie in einem Iglu zusammengedrängt, Lachen, Vertrautheit, wie sie nur innerhalb einer Familie entstehen kann. Keiner fällt durch den sozialen Rost des Großstadtlebens. Anonymität gibt es nicht. Wer alleine sein will, streift durch das Eis, sieht vielleicht stundenlang keinen Menschen, doch das tägliche Leben spielt sich in der Gemeinschaft ab, enger als bei uns.
Ich stelle mir vor, wie es wäre, in der Wüste zu leben. Ein ähnlicher Film spult vor meinem inneren Auge ab, diesmal mit Menschengruppen an einer Oase, sonnengebräuntes Lächeln, Kamelherden, Zelte. Den einsamen Nomaden aus dem Alchemisten, den gibt es doch meistens nur in erfundenen Geschichten. Und wenn, dann ist er ja freiwillig alleine. Einsam, das heißt doch unfreiwillig alleine, und dass einem jemand fehlt.
Dann müssen wohl die einsam sein, die gezwungen sind, alleine zu sein. Leuchtturmwärter vielleicht. Ganz bestimmt gibt es da diese Stunden, in denen sie sich nach Nähe sehnen, die nicht davon kommt, dass der andere Leuchtturmwärter auf den selben zehn Quadratmetern wohnt. Und was machen die da, wenn keine Schiffe vorbeikommen, wenn sie nicht arbeiten müssen? Wieder ein innerer Film, der sofort ungefragt beginnt: zwei bärtige, seewindgegerbte Gesichter vor einem Tisch mit einem Kartenspiel und einer Flasche Whisky. Welch ein Klischee aus vergangenen Tagen! Die heutigen Leuchtturmwärter sitzen wahrscheinlich vor ihren PCs, lesen E-Mails von ihren Freunden oder telefonieren, und sind dabei genauso wenig einsam wie ich hier alleine in meiner Wohnung.
Und ich erinnere mich an Momente, Stunden, Tage, die ich ohne andere Menschen verbracht habe, und ich erinnere mich nicht an Einsamkeit. Gedanken an die, die mir nahe waren, wärmten manchmal mehr als die körperliche Anwesenheit anderer Menschen. In diesen Augenblicken, in denen ich fern war von allen, die wichtig sind, fühlte ich sie in meiner Seele; sie konnten mir folgen in die tiefste Dunkelheit des Nachtwaldes, in fremde Länder, an die leeren Strände, in die weiten Felder, in die verlassenen Straßen der Vorstadt, in die sich kein Mensch verirrt.
Und doch kenne ich sie, die Einsamkeit. Die Erkenntnis, auf sich gestellt zu sein, die Angst, niemand würde den Weg zu meinem Inneren finden, das Gefühl, alleine gelassen zu sein. Die Bilder, die ich in diesen Momenten sehe, passen nicht zu den klassischen und klischeehaften Szenarien der Einsamkeit, sei es nun Wüste, Arktis oder der oft zitierte Großstadt-Dschungel. Ich fühlte die Einsamkeit in Gesellschaft von vielen Leuten, auf Parties zu später Stunde, als alle betrunken waren und im Rausch vereint, außer mir, der die Oberflächlichkeit des Alkohols schon nach einer Stunde keinen Spaß mehr gemacht hatte. Ich fühlte sie im Gespräch mit einem Menschen, der mir einmal sehr nahe gestanden hatte, und der jetzt in seine eigene Welt verschwunden war, in die ich ihm nicht folgen konnte. Ich spürte sie in der scheinbar innigen Umarmung einer Freundin, die mir zu verstehen gegeben hatte, wie ersetzbar ich für sie war, sobald ich mich nur ein klein wenig entfernt hatte. Ich fühlte sie beim Ausgehen, in einem Lokal voller Leute, die um mich feierten und nicht merkten, welchen Kloß ich im Hals hatte, weil mich dieses Lied eben an jemanden erinnert hatte, den ich verloren hatte. Ich spürte sie im Gespräch mit einem Menschen, der mir alle Türen verschlossen hatte, und mich vergeblich versuchen ließ, an ihn heranzukommen. Ich fühlte sie, als ich in einem Moment der Verzweiflung feststellte, dass es niemanden gab, der mich jetzt wirklich verstehen konnte. In all diesen Augenblicken war ich nicht alleine, aber ich war einsam.
So einfach ist das eben nicht, „man ist alleine, man ist einsam“. Was ist mit all den alten Menschen in ihren Wohnungen und Heimzimmern, um die sich keiner kümmert, fragt die Stimme des Gewissens. Sie sind doch einsam, weil sie alleine sind. Aber nicht, weil in ihrem Haus kein anderer wohnt, sondern weil in ihrer Seele keiner wohnt außer denen, die sie verlassen haben. Mit Schaudern denke ich an den Bericht der Seelsorgerin, die erzählte, dass die einsamsten Alten die sind, die eine große Familie haben. Bloß ist von denen keiner da. Und da sein hieße gar nicht, jeden Tag vorbeizukommen, sondern an jemanden zu denken, mal anzurufen, Momente zu teilen. Einsam sind die, die verlassen wurden, und sich nach Berührung sehnen, von einer Hand, einem Gedanken, einem Lächeln, einem Herzen.
Die Einsamkeit kommt nicht von einem leeren Zimmer. Sie kommt von innen, und lässt sich da nieder, wo Menschen Abschied genommen haben, oder einfach gegangen sind.
Katharina Litschauer
Kommentare
| der_boheme schrieb am 19.01.2006 um 12:44 Uhr: |
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der 5.absatz macht gänsehaut … n bisschen zumindest … weiter so :]
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| Artkan schrieb am 12.10.2005 um 13:59 Uhr: |
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Großartig.
Unglaublich, bin erst gestern auf diese Site gestolpert und jetzt sitze ich scho seit 2 Tagen hierdran und lese alles durch… Das beste was mir im Net begegnet ist, und das seit langer Zeit
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| Meezy schrieb am 04.10.2005 um 01:06 Uhr: |
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Wunderschöner Text, der grade meine Gefühlslage ganz gut widerspiegelt, ich hab neulich ne Kurzgeschichte zu genau diesem Thema geschrieben. Schön, dass man mal sieht, dass man nicht allein mit solchen Gedanken ist…
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| Askhari schrieb am 02.10.2005 um 19:34 Uhr: |
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Der sensible mensch leidet nicht aus diesem oder jenem grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser welt seine sehnsucht stillen kann. [jean paul sartre]
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| Melina schrieb am 02.10.2005 um 12:28 Uhr: |
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herbstdepression?! mir erstaunen stelle ich fest, das viele im newsletter angegebenen artikel unfassbar dunkel, traurig und negativ rüber kommen…
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