 Sing To Me.
Warum Popmusik und Einsamkeit untrennbar miteinander verbunden sind.
Es gab eine Zeit, da war Popmusik das Wichtigste in meinem Leben. Ich war vierzehn, es war Sommer, ich war verliebt. So wie alle Anderen aus meiner Klasse. Doch das Leben bot uns verschiedene Dinge; schon damals gab es die Anderen, und es gab uns. Die Anderen hatten was mit Alex aus der 5c. Wir hatten was mit dem Gitarrensolo in Track 7. Die Anderen kauften sich Zigaretten und Lipgloss, wir kauften uns die neue CD von Blur. Die Anderen tanzten mit Thomas, Michi, Isabella und Tanja, wir tanzten mit Bon Jovi, Pulp, George Michael und Nirvana. Die Anderen schrieben Liebesbriefe, wir schrieben Songtexte.
Da war niemand, der unser pubertär verliebtes Herz wollte (oder wir waren zu dumm, die zu erkennen, die es wollten, weil wir ja alle in die selben drei Superbeliebten verknallt waren), und so schenkten wir unsere Liebe den Songs. Und was für geniale Liebhaber waren gute Popsongs! Sie waren immer da, wenn wir sie brauchten, um uns zu berühren, zu trösten, zu wärmen, zu erregen, zu erfüllen, zu verstehen. Wir konnten uns unbeschwert in sie verlieben; sie waren niemals eifersüchtig auf andere Lieder. Wir konnten uns für jede Lebenssituation einen Song aussuchen, und uns darauf verlassen, dass das gute Gefühl in Gegenwart der Musik abrufbar immer wiederkam.
Oft hörten wir Popsongs, weil wir alleine waren. Doch wir waren nicht mehr alleine, wenn wir Popsongs hörten. Es gab schon immer Texter, die es verstanden, so zu schreiben, dass man meinte „der Song ist nur für mich; niemand versteht mich so gut wie dieser Song“. Manchmal führte das zu schwärmerischer Verliebtheit in die Band oder den Sänger, und das ist mit vierzehn ohnehin das Höchste der Gefühle, zumindest für verträumte Mädchen, wie ich eines war.
Doch wir wurden älter, und Menschen wurden wichtiger als Musik. Und dennoch waren sie immer da, und sind es bis heute: Lieder über Sehnsucht, Lieder über Einsamkeit, Lieder, die da waren, wenn sonst keiner da war. Wir schenkten unsere Herzen nun denen, die wir liebten, doch spätestens wenn wir verlassen wurden und alleine unsere Wunden leckten, war das Gefühl wieder da: Ich brauche jetzt diesen einen Song… Und die Einsamkeit bekam sofort den passenden Soundtrack. „Pain like a cutter's knife…never been lonelier in my life“ sang Neil Tennant, und ich dachte das selbe wie damals mit vierzehn: Er versteht mich, ich bin nicht alleine.
In Augenblicken des Schmerzes berührt zu werden, geht einem näher als das begeisterte Mithüpfen zum momentan angesagten Partyhit. Daher hinterlassen die Lieder übers Alleinsein das stärkere Gefühl in der Seele. Natürlich macht es irre Spaß, mit der Clique zum neuen Song von Franz Ferdinand abzutanzen, aber das Gefühl, das ein sehnsüchtiger, emotional aufwühlender Song auf Kopfhörern im Dunklen alleine auslöst, ist meistens berührender, aufregender, erfüllender.
Dazu kommt, dass es relativ wenigen Bands gelingt, bewegend über Zweisamkeit, Glück und Zufriedenheit zu singen; „to want“ ist eben spannender als „to have“. Man könnte Bücher füllen mit Zitaten aus Popsongs, in denen sich alles ums Alleinsein dreht. All die großen Bands, so überschäumend, mitreißend und tanzbar sie oft sind, veröffentlichen früher oder später diesen einen Song, in dem jemand herzerweichend alleine ist, und es wird immer ein Hit. Manche Musiker füllen damit ganze Alben. Zumindest denen, die nicht schon mit vierzehn zu den immer glücklich Verliebten gezählt hatten, sind diese Platten dann die liebsten. Und die, die noch nie alleine in ihrer Einsamkeit gebadet haben, und wissen wie schön es sein kann, sich von traurigen Liedern trösten zu lassen, gucken uns dann seltsam an, wenn wir zum hundertsten Mal Maximilian Hecker zuhören wie er singt „I walk around alone inside, I walk around alone at night“.
Einsamkeit und gute Popsongs treten oft, gerne und erfolgreich zusammen auf. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Die besten Lieder entstehen immer dann, wenn der, der sie schreibt, alleine ist. Das erklärt auch, warum Männer meistens die besseren Songwriter sind, wenn es um die Kategorie Lieder über Einsamkeit geht: Frauen rufen in emotional aufgewühlten Situationen die beste Freundin an, und damit ist das Mitteilungsbedürfnis oft schon gestillt. Männer suchen sich ein anderes Ventil, und bei den sprachbegabten unter ihnen führt dies zu guten Songtexten. Es ist wie mit Gedichten: Songtexte, sofern sie nicht zur Sorte „I love you so, I want you to know“ gehören, sind Lyrik. Und Dichter sind immer alleine, so schreibt es das Klischee vor, und manche Klischees stimmen einfach immer. Die Lieder übers Alleinsein, die entstehen nicht in vergnügter Runde bei einer Kiste Bier. Sie entstehen in Momenten der Einsamkeit, in manchen Fällen vielleicht bei einer Flasche Wein.
So kommt es, dass Hochzeitsglocken für viele Künstler nicht nur den Beginn der Ehe, sondern auch das Ende des guten Songwritings einläuten. Zumindest vorübergehend. Bestes Beispiel dafür ist ein Vergleich der prä- und post-maritalen Songs von Richie Sambora: erstere pulsierend, aufwühlend, fetzig und sinnlich, letztere nett, friedlich, langweilig und austauschbar. Obwohl man seiner Lieblingsband ja eigentlich nur Gutes wünscht, liest man die Schlagzeilen über die Heirat des Sängers mit Beunruhigung, und hat Angst davor, die Songs könnten jetzt bald klingen wie zuckersüße Balladen von Enrique Iglesias. Doch Gott sei Dank gibt es genug einsame Leute auf dieser Welt, und so wird die Quelle guter Popsongs wohl nie versiegen. Und wir werden immer ein verständnisvolles Lied finden, das uns tröstend zuflüstert: „Lonely people tumble downwards… my heart opens up for you.“
Katharina Litschauer
|