JUSTmag - morgen werden wir erwachsen... StartseiteSucheFreundeTeamNewsletterGästebuch
Wettlauf um die Weltveränderung.

Wettlauf um die Weltveränderung.

Wie Darwin fast nicht die Evolution entdeckt hätte.

Am 18. Juni 1858 hat Charles Darwin zwei Probleme. Eines davon trägt den Titel Über die Tendenz von Varietäten, sich unbeschränkt vom ursprünglichen Typus zu entfernen und beschreibt die Theorie, an der Darwin seit vielen Jahren forscht. Nur eben in den Worten von Alfred Wallace, einem jungen Forscher und Namensgeber der Wallace-Linie im Malayischen Archipel. Das zweite Problem ist der 1. Juli. Für diesen Tag hat die Linné-Gesellschaft in London eine Versammlung anberaumt, auf der Wallace' Hypothese vorgestellt werden soll. Die Linné-Gesellschaft ist die wichtigste naturforschende Gesellschaft im britischen Königreich. Was dort präsentiert wird, macht die Runde durch sämtliche wissenschaftlichen Instanzen. Ein Plagiat ist ausgeschlossen; Wallace und Darwin haben zur gleichen Zeit eine These entwickelt, welche die Welt verändern wird: die Theorie von der Veränderung der vererbbaren Merkmale einer Population von Lebewesen von Generation zu Generation, kurz die Evolutionstheorie. Die Frage wird nun sein, wem sie zugesprochen wird.

Seit über 14 Jahren verfolgt Charles Darwin seine Idee der Evolution. Sporadisch schreibt er Ergebnisse und Beobachtungen nieder. Seit zwei Jahren arbeitet er an einem Manuskript. Es soll erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. In der Evolutionstheorie ist kein Platz für einen Gott. Darwin weiß, wer das Wort der Bibel in Frage stellt, dem wird nicht mit wissenschaftlichen Argumenten geantwortet, sondern mit dem Begriff des Glaubens, der „höher ist denn alle Vernunft.“ Mit dem Establishment möchte sich Darwin nicht anlegen, er möchte nicht als Narr angesehen werden, der die Existenz von Gott in Frage stellt. Doch seine Forschungen kann er nicht aufgeben. Also forscht er im Stillen, teilt seine Betrachtungen nur einem überschaubaren Kreis von Kollegen mit. Bis ihm Wallace an diesem 18. Juni einen Auszug aus seinen Niederschriften zusendet und Darwin damit zwingt, sich noch zu Lebzeiten mit der Kirche anzulegen.

Die Kirche hat für Darwin schon immer eine große Rolle gespielt. Als er sein Medizinstudium abbricht, schreibt sein Vater ihn für ein Theologiestudium in Cambridge ein. Später soll Darwin einen ehrbaren Beruf ausüben und als Pfarrer eine Gemeinde auf dem Land betreuen. Doch Darwins eigentliche Leidenschaft gilt der Naturwissenschaft, besonders der Geologie und Botanik. 1831 erhält er das Angebot, als Wissenschaftler auf einer Weltreise mitzufahren. Darwin ist nur dritte Wahl, weil andere Gelehrte das Angebot ausschlagen. Charles Darwin fühlt sich als „unfertiger Naturforscher“ und lehnt das Angebot ab, um sich dem Wunsch seines Vaters gemäß auf seine Berufung als Pfarrer zu konzentrieren. Erst im letzten Moment entscheidet er sich, die zweijährige Reise anzutreten.

Aus zwei Jahren werden fünf. Regelmäßig schickt Darwin Tagebuchaufzeichnungen von der Beagle nach England. Sie werden in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. Seine Reiseberichte erfahren großen Zuspruch. Als Darwin zurückkehrt, gilt er als bekannter Forscher, seine als Buch gebundenen Tagebücher verkaufen sich oft. Während der kommenden Jahre veröffentlicht er geologische Fachbücher und eine Triologie über Rankenfüßer.

Von Anfang an ist Darwin, trotz aller Selbstzweifel und Schüchternheit, ein geschickter Networker. Einer, der ganz bewusst den Kontakt zu anderen Wissenschaftler sucht und sich nicht scheut, deren Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei wichtigen Veranstaltungen knüpft er Verbindungen. Später zieht er sich auf sein Landhaus, das Down House, zurück, wo er mit seiner Frau und seinen zehn Kindern lebt. Darwins Frau, seine Cousine Emma Wedgwood, ist zutiefst religiös. Sie heißt seine Theorie von der natürlichen Auslese nicht gut, in der ein Gott keinen Platz in der Schöpfungsgeschichte hat, unterstützt ihn dennoch und bestärkt ihn, seine Forschungen weiterzuführen.

Als die Gefahr droht, dass seine Erkenntnisse von einem anderen in Anspruch genommen werden, aktiviert Darwin sein Netzwerk. Ein Notfallplan wird entworfen. Es bleiben zwei Wochen, um aus den Aufzeichnungen und unfertigem Manuskript einen Vortrag zu entwerfen, der kritischen Fragen standhalten kann. Auf der Versammlung sollen Wallace und Darwins Schriften vorgestellt werden, wobei Darwin als der Ältere das Anrecht auf die erste Nennung hat. Darwin ist sich unsicher, nennt seine Situation eine „lächerliche Notlage“, ist hin- und hergerissen zwischen der Angst um den Verlust der „Ursprünglichkeit meiner Idee, ganz gleich, was sie wert ist“ und die Furcht, seine Theorie könne dem Argumenten der Gegenseite noch nicht gewachsen sein. Dennoch macht er sich gemeinsam mit seinen Kollegen Lyell und Hooker an die Arbeit.

Wenige Tage später stirbt Charles Darwin an Scharlach. Charles Waring Darwin ist Darwins jüngster, am Down-Syndrom erkrankter Sohn. Zwei Tage vor der Versammlung in London wird er beerdigt. Darwin fühlt sich außerstande, nach London zu reisen. Er legt die Präsentation und damit seine berufliche Zukunft in die Hände seines Kollegen und Freundes Joseph Hooker, ein Botaniker.

Ungeduldig erwartet Darwin Hookers Rückkehr. Am 2. Juli fährt der Botaniker mit der Kutsche im Down House vor. Bleich steigt er aus und erstattet Darwin Bericht vom Verlauf der Veranstaltung. Nachdem beide Theorien vorgetragen wurden, geschah — nichts. Kein hitziger Wortwechsel, kein erbittertes Streitgespräch, keine Verleumdung des Wissenschaftlers, nicht mal den Ansatz einer Diskussion gab es. Hooker meint, es war, als ob die französische Revolution stattgefunden und sich dabei keiner der Stammgäste der Pariser Cafes bemüßigt gefühlt hätte, von seinem Kaffee aufzublicken. Darwin ist erleichtert. Vermutlich hat die Tatsache, dass zwei Wissenschaftler unabhängig voneinander zum gleichen Schluss gekommen sind, potentiellen Gegnern die Sprache verschlagen.

Im Laufe der nächsten Jahre finden Darwins Gegner die Sprache wieder; andere Wissenschaftler kritisieren die angeblich ungenauen Beweisführungen, Geistliche wettern gegen die Blasphemie in den Schriften, selbst der Kapitän seines Forschungsschiff bricht mit Darwin. Doch mehr und mehr setzt sich die Idee der Evolution im allgemeinen Bewusstsein fest. Die Entstehung der Arten erscheint 1859 und erfährt viele Übersetzungen. Als Darwin 1871 Die Abstammung des Menschen veröffentlicht und darin den Menschen als Nachkommen des Affens bezeichnet, flammt für kurze Zeit erneut erbitterter Widerstand auf. Doch dies sind für lange Zeit die letzten Grabenkämpfe in der Frage, ob Wissenschaft und Religion zu trennen seien.


Weiterführende Literatur

  • Irving Stone, Der Schöpfung wunderbare Wege, Rowohlt Tb 1981
  • Charles Darwin, Die Abstammung des Menschen, Voltmedia 2005
  • Charles Darwin, Die Fahrt der Beagle , Marebuchverlag 2006

Stefan Petermann



XML (RSS/RDF)