 „Mir sind Menschen nicht geheuer, die eine Schulform absolut präferieren oder eine strikt ablehnen.“
Wie frei darf eine Schule sein — Lernen ohen Regeln?
Zwei umstrittene Schulformen sind Summerhill und Sudbury, da sie sehr frei sind und die Regeln fast ausschließlich von den Kindern aufgestellt werden. Es gibt Urteile darüber, ob ein Kind die Schulpflicht noch erfüllt, wenn es zwar an der Schule ist, aber nur spielt oder bastelt. Es gibt einige Fälle, in denen Kinder von der Schule abgingen und nicht Lesen und Schreiben konnten. Im Gespräch mit www.justmag.net sagt der Erzeihungswissenschaftler Dr. Jens Borchert, ob diese Schulformen tatsächlich zurecht umstritten sind.
In den Medien geistern verschiedene Begriffe im Zusammenhang mit alternativen Schulkonzepten: Alternative Schulen, Freie Schulen und Private Schulen. Wo genau ist denn der Unterschied zwischen den drei Arten?
Private Schulen sind das Gegenstück zu staatlichen Schulen und unterscheiden sich in der Trägerschaft: Träger von privaten Schulen sind Organisationen, Vereine oder Kirchen zum Beispiel. Es sind Schulen in freier Trägerschaft. Träger von staatlichen Schulen ist der Staat. Freie Alternativschulen legen einen anderen Erziehungsbegriff als Regelschulen zugrunde. Oft verzichten sie auf feste Lehrpläne und feste Unterrichtszeiten, zugunsten von demokratischer Mitbestimmung der Schüler und freier Entfaltung der Kinder.
Wenn es in den alternativen Schulen keine festen Lehrpläne gibt, wie kann ein Kind dann dort die Schulpflicht erfüllen?
Zum Beispiel betont die freie alternative Schule am Lindenhof in Leipzig Freiarbeit, also freie Lern- und Arbeitszeiten sehr stark. Dafür stellt sie die Vorbereitung auf einen Abschluss weit hinten an. Es geht darum, spielerisch zu lernen. Natürlich müssen in Deutschland die Kinder in die Schule gehen. Die Frage der Schulpflicht wird an alternativen Schulen oft anders gehandhabt, nämlich hinsichtlich der Frage: Erfülle ich als Kind die Schulpflicht, wenn ich in der Klasse im Unterricht sitze oder erfülle ich die Schulpflicht schon dann, wenn ich mich auf dem Gelände der Einrichtung befinde. Das ist natürlich umstritten.
Man muss sich ja fragen, was ein Kind überhaupt lernen kann, wenn kein Lehrplan vorgegeben ist und das Kind einfach nur da ist.
Das ist aber auch der Unterschied: die etablierten Montessori- oder Waldorfschulen sind oft freier als viele Regelschulen. Sie haben aber dennoch einen festen Unterrichtsgang und Unterrichtsziele. Die freien Alternativschulen sind gar nicht so häufig in Deutschland. Die verfolgen dann einen radikaleren Ansatz und lehnen oft jede Form der Vorgabe und Einmischung durch den Lehrer ab.
Und das wird von den Schulämtern bewilligt?
Vor allem die freien Alternativschulen haben es da sehr schwer. Da versucht der Staat seine Intentionen und seinen Erziehungsauftrag durchzusetzen und auch die Schulen in die Pflicht zu nehmen, dass bestimmte Regeln doch durchgesetzt werden. Die Schulen haben zeitweise sehr lange Kämpfe um die Bewilligung ausgestanden. Denn diese ganz radikale Ablehnung im herkömmlichen Sinne kann man ja durchaus auch als Kritik an der Gesellschaft verstehen. Und da ist die Frage, ob es die Gesellschaft zulässt, dass ihr Nachwuchs in Kritik zu ihr selbst erzogen wird.
Worin genau besteht denn die Gesellschaftskritik?
Oftmals ist es eine Schulkritik und von der kommt man schnell zu einer Gesellschaftskritik. Eine etwas in Vergessenheit geratene Schulkritik stammt von Ivan Illich, einem ehemaligen Priester. Er hat versucht nachzuweisen, dass die Schule immer einen bestimmten heimlichen Lehrplan mitverwirklicht neben dem eigentlichen Curriculum. Dieser „heimliche Lehrplan“ beinhaltet die von der Gesellschaft vorgegebenen Ziele und Werte wie Pünktlichkeit, Gehorsam, Unterordnung, die die Schule en passant mitverwirklicht.
Und dagegen richten sich die alternativen Schulen?
Der Schulbegriff lässt sich ja nicht ohne einen Erziehungsbegriff verstehen. Und lange Zeit hat man Kinder in der Erziehung als kleine Erwachsene gesehen, ohne bestimmte Bedürfnisse. Das änderte sich mit der Industrialisierung. Da ist ein sehr bürgerliches Bild entstanden. Die neue Schulkritik hatte sich gegen diese Bürgerlichkeit und damit auch gegen den Kapitalismus in all seinen Ausprägungen gewendet. Illichs Kritik enthält also nicht nur eine Schulkritik, sondern auch eine Kritik an der Institution und der Gesellschaft mit ihrem schnellen Wachstum, das er schon vor 40 Jahren diagnostiziert hat.
Und was war seine Antwort auf dieses Wachstum und die Missstände?
Im Grunde meint Illich, dass eigentlich jeder Experte für irgend etwas ist und er wollte System durchbrechen, dass in der Schule ein Experte, der Lehrer, Nicht-Experten etwas erklärt und dadurch eine gewisse Machtstellung hat. Er betrachtet auch das Wissen, das außerhalb des Lehrplans existiert, als Wissen und will es in den Unterricht einbeziehen.
Das bringt mich zu einer fast philosophischen Frage: „Wie kann man Wissen messen?“ beziehungsweise feststellen, ob ein Schüler „genug“ weiß. Oft wird als Argument gegen Alternativschulen angeführt, dass Schüler nicht das lernen, was sie wissen müssen.
Die Regelschulen nutzen ein numerisches Bewertungssystem, das höchst fragwürdig ist. Da gibt es immer einen subjektiven Faktor, der in die Bewertung reinspielt. Es gibt Effekte, die ausschlaggebend dafür sind, dass ein Kind aus einer sozial schwächeren Schicht für die gleiche Leistung eine schlechtere Note bekommt als ein anderes Kind. Die Schule versucht einen Teil des immens großen Wissens, das wir haben, zu vermitteln. Sie versucht, bestimmte Kulturtechniken, bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, so dass nach 9, 10 oder 12 Jahren die Kinder ein möglichst vergleichbares Wissen haben. Das ist aber unterschiedlich, was man aber ja schon daran sieht, dass sich die Anforderungen von Bundesland zu Bundesland unterscheiden. Und innerhalb der Länder haben wir wieder hunderte Schulen, wo Schulleiter nach eigener Meinung Projekte oder Arbeitsgemeinschaften befördern, so dass es sehr schwer ist, in einer Stadt zwei Schulen zu finden, in der die Anforderungen identisch sind.
Das Wissen lässt sich also nicht vergleichen und messen?
Nein, zumindestens nicht immer objektiv. Wissen und Schule ist auch ein Thema, bei dem jeder mitreden kann, weil jeder durch die Schulpflicht selber Erfahrungen gemacht hat und durch Berichte von den eigenen Kindern etwas mitnimmt. So hat jeder seine eigene Idee davon, was ein Kind wissen muss. Was aber staatlich durch den Lehrplan vorgegeben ist, ist, wenn man so will, die Idee der Mächtigen. Das ist auch so eine Frage der Schulkritik: Schule ist immer auch ein Machtinstrument der Herrschenden, denn Schule vermittelt auch immer das, was die Herrschenden als wichtig anerkennen. In der DDR war das zum Beispiel Wehrerziehung. Da spielt dann der heimliche Lehrplan wieder eine Rolle.
Was lernt denn ein Kind an einer freien Schule?
Die Idee, die hinter den freien Schulen steckt, ist, dass sich das Kind in einer sich permanent wandelnden Umwelt zurechtfinden muss. Und das kann es nur alleine tun. Irgendwann ist es achtzehn und volljährig und man erwartet, dass es Verantwortung übernimmt, und das lernt es oft an einer Regelschule nicht. Da konsumiert es nur: Es geht in die Räume, die vorgegeben sind, es bereitet sich gedanklich auf Sport oder auf Deutsch und das alles in einem 45-Minuten-Rhythmus und innerhalb der Schulzeit. Wenn man sagt, dass Kind soll Eigenständigkeit und Verantwortung lernen, dann kann man das auch so weit denken, dass es das in der Schule auch anwenden muss. Da kann es auch sein, dass ein Kind nicht im klassischen Sinne lernt, oder das, was wir unter Lernen verstehen. Da kann es sein, dass ein Kind aus so einer Schule nach ein paar Jahren abgeht und nicht lesen und schreiben kann. Alexander Neill, der Gründer von Summerhill, hat so einen Fall beschrieben. Der Schüler hat aber nach ein paar Jahren gemerkt, er muss Lesen und Schreiben können und hat das auch noch gelernt. Er hat aber auch diese Selbsteinschätzung gelernt, was er braucht und können muss.
Wenn den Kindern in der Schule aber zu wenig vorgegeben wird, sie zu wenige Regeln haben, kann ihnen das schaden? Man hat ja auch festgestellt, dass gerade bei Sudbury, das wohl liberalste Konzept, bei dem die Kinder über fast alles selber entscheiden sich immer wieder Phasen abwechseln, in denen es viele Regeln gibt, mit Phasen abwechseln, in denen fast gar keine Regeln gibt.
Das erinnert mich an viele andere Formen der Organisation, wie Vereine oder Unternehmen, in denen sich in Zeiten von „Krisen“ genau das gleiche beobachten lässt: Erst wenn die Mitglieder unzufrieden sind, ändern sie etwas und wollen entweder sehr viele oder fast gar keine Regeln. Und es gibt wohl es auch an alternativen Schulen, dass das Zuviel oder das Zuwenig an Regeln als Krise empfunden wird. Und so fordern Kinder nach einer Phase ohne viele Regeln oft auch Unterricht oder Regeln ein.
Es scheint also immer einen Ausgleich zwischen Phasen mit vielen und wenigen Regeln zu geben. Das nehmen wenige Kritiker wahr. Sie gehen von einer permanenten Regellosigkeit aus. Würde die schaden oder was bewirken denn die Regeln?
Das Ziel einer Erziehung ist ja, dass Kinder ein eigenes Ich entwickeln. Und wir gehen davon aus, dass sie das nur können, wenn sie sich an ihrer Umwelt, z.B ihren Eltern orientieren, das aber nicht eins zu eins übernehmen. Deswegen gehen wir davon aus, dass es sinnvoll ist, nicht völlig regellos zu sein, da das Kind ansonsten keine Orientierung hat.
Was bewirkt denn das Gegenteil, zu viele Regeln?
Das ist ja das, was wir an Regelschulen oftmals haben. Die Situation ist häufig, dass ein autoritärer Lehrer vorne steht und die Kinder 45 Minuten lang passiv sind und nur konsumieren. Und kaum dreht sich der Lehrer um, explodiert die Situation und die Kinder gehen über Bänke und es kommt zu allen möglichen Handlungen. Nach den 45 Minuten kann der Lehrer ins Lehrerzimmer gehen und sagen: „So, meine Stunde ist um.“ Die Frage dabei ist, was Kinder so lernen. Sie lernen, dass Regeln etwas fremd Vorgegebenes sind. Solange der Regelgeber da ist, muss ich mich daran halten, sonst wird mein Verhalten sanktioniert.
Sie sagen also, dass es an den Regelschulen zu viele Regeln gibt. Sie heißen ja auch schon Regelschulen.
Das ist natürlich nicht so hundertprozentig richtig, weil es ja auch an den Regelschulen ganz unterschiedliche Lehrer gibt und am Ende ist ja jeder Lehrer eine eigene Persönlichkeit. Ich empfehle mal einen Selbstversuch: Einfach mal über den Schulhof einer normalen staatlichen Schule zu gehen und über den Schulhof einer freien Alternativschule. Meine Erfahrung ist, dass es bei den staatlichen Schule oftmals Situationen gibt, die unangenehm sind. Man wird möglicherweise blöd angesprochen und fühlt sich irgendwie unwohl. Im Vergleich dazu die Alternativschulen. Da ist das Schulklima ein anderes: die Kinder habe ich immer sehr freundlich erlebt. Da wurde mir sofort etwas Selbstgebasteltes angeboten, für 2 Cent für die Klassenkasse. Wir Besucher wurden eingeladen mitzuspielen und es gab überhaupt keine Berührungsängste.
Ist das vielleicht der Unterschied zwischen Regel- und Alternativschulen? Bei vergleichenden Wissenstests ließ sich jedenfalls nicht feststellen, dass die Kinder an Alternativschulen mehr lernen. Es ließ sich kein Unterschied zu Regelschulen feststellen. Was kann denn ein Kind also an einer Alternativschule lernen, was an einer Regelschule nicht lernt?
Eigenverantwortung. Möglicherweise Demokratie. Es ist ja ein riesiger Unterschied, ob eine Behörde Lehrer einstellt und auf Lebenszeit verbeamtet oder ob die Kinder darüber entscheiden, ob ein Lehrer auch im nächsten Jahr weiter an der Schule bleibt. Das ist in Sudbury so und deswegen ist diese Schulform auch so umstritten. Aber wie sollen denn Kinder Demokratie lernen, wenn sie nur einmal in der Woche eine Stunde Politikerzeihung, oder wie auch immer das Fach heißen mag, haben und vielleicht diese Stunde noch uninteressiert im Dämmerzustand über sich ergehen lassen. Wenn man Demokratieerziehung ernst nimmt, kann man sich auch überlegen, wie man Schule demokratisieren kann und den Kindern Verantwortung übertragen kann. Aber das hat auch wieder etwas mit dem Menschenbild zu tun, dass man Kinder oft als Mängelwesen betrachtet, denen man alles Mögliche zutraut, nur nicht ernsthafte Meinungsfindungsprozesse.
Aber kann man denn einem 12 jährigen Kind zutrauen, über zum Beispiel das Budget der Schule mit zu entscheiden?
Da muss man sehen, dass man Kinder nicht überfordert. Aber man kann heute auch einen Zwölftklässler einer normalen Regelschule vor so eine Entscheidung stellen und würde ihn wahrscheinlich überfordern. Wenn aber Kinder in so einen Entscheidungsprozess hineinwachsen und lernen: Was ist denn ein Etat und wer hat denn das Geld und wenn sie das tatsächlich erfahren, dann können Kinder auch ziemlich abstrakte Sachen lösen.
Und was lernen Kinder im Gegenzug an einer Regelschule, was sie an einer Alternativschule nicht lernen?
Sie werden an einer Regelschule meistens besser auf die Enttäuschungen und die vielen Anforderungen des Lebens vorbereitet. Sei lernen, dass sie sich vergleichen lassen müssen. Das ist ja auch ein Vorwurf, den man Alternativschulen oft macht, dass die Kinder hinterher im Leben nicht so richtig zurecht kommen würden. Kinder an Regelschulen lernen, Dinge auszuhalten und zu machen, auch wenn sie gerade keine Lust dazu haben. Ich glaube, es spricht für beide Schulformen etwas.
Muss man denn wirklich befürchten, dass sich die Kinder nach der Schule nicht richtig in der Welt zurecht finden oder dass es dem Zufall überlassen ist?
Es gibt Kinder, die ab einem bestimmten Alter sagen, sie möchten mehr Regeln und Unterricht, wenn sie zum Beispiel Freunde und Freundinnen an der Regelschule haben und dann die Alternativschule verlassen. Dass Kinder, die das nicht tun und auf der Alternativschule bleiben, sich nicht im Leben zurecht finden, möchte ich nicht sagen. Das ist eher ein Vorwurf, der den Alternativschulen oft gemacht wird.
Auf welche Schule werden Sie denn Ihre Kinder schicken?
Vermutlich auf eine staatliche. Die Schuleignungsprüfung steht bei meinem Älteren unmittelbar bevor und ich habe riesige Bauchschmerzen, weil staatliche Schulen, vor allem dann nach der Grundschule, eine riesige Anforderung für die kleinen Leute bedeuten. Und wenn ich dann an die unangenehmen Dinge wie in der Rütlischule und dabei an meine kleinen Söhne denke, dann wird mir angst und bange. Aber dieses Thema der Gewalt und die Realität, damit müssen Kinder umzugehen lernen. Zudem gibt es auch Regelschulen, an denen ein respektvoller Umgang herrscht. Und ganz praktisch befindet sich keine andere Schule in unserer Nähe. Mir sind auch Leute nicht geheuer, die eine Schulform absolut präferieren und eine strikt ablehnen. Es gibt kein Allheilmittel.
Kerstin Petermann
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