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Interview mit Stefan Reichmann

„Wir haben den Mythos nicht gemacht.“

Das Haldern Open Air (in diesem Jahr vom 6. bis 7. August, www.haldern-pop.de) am Niederrhein ist der wohl beliebteste und populärste Gegenentwurf zu hektischen Massenveranstaltungen a la Rock am Ring/ Rock im Park. Die JUSTmag-Redakteure Sebastian und Katja trafen sich mit dem Veranstalter Stefan Reichmann, umgeben vom heimischen Gemüse, in seinem Garten (wo denn sonst?) und sprachen mit ihm über den Haldern-Mythos, das Fehlen deutscher Bands im Line-Up, die Durchstarter des Festivals und das frisch ins Leben gerufene Label Haldern Pop-Recordings.

Das Immergut-Festival liegt ja jetzt knapp vier Wochen zurück, warum lohnt es sich trotzdem noch, nach Haldern zu kommen, wo ja auf dem Immergut schon alles gespielt hat?

Ja, alles hat da ja nicht gespielt. Ich meine, wenn man Adam Green — Fan ist, muss man nicht nach Haldern kommen, der hat ja schon auf dem Immergut gespielt. Aber es haben ja einige Bands nicht auf dem Immergut gespielt.

Während das Immergut mittlerweile eine Mischung aus deutschen und internationalen Bands gefunden hat, werden es in Haldern immer weniger deutsche Bands, in diesem Jahr überhaupt keine, was ja gerade beim Aufschwung deutscher Bands verwundert. Warum? Immerhin lautet das Motto: Das diesjährige Haldern Pop Festival widmen wir dem heimischen Obst und Gemüse.

Nun ja, Bands sind ja kein Gemüse und so wie wir das mit dem Gemüse sagen, so meinen wir das auch. Ich meine, das wird ja immer verklärt, aber Haldern ist ja ein Ort wie jeder andere auch. Aber das Charmante an der Sache ist ja, dass wir den Spargel und die Erdbeeren genießen, jede Jahreszeit hat einen bestimmten Genuss. Und einmal im Jahr kommen dann Musiker hier hin, die man sonst nicht so oft trifft, aber grundsätzlich versucht man schon, die beiden Dinge miteinander zu verbinden. Wir müssen nicht jeden Tag ein Open Air haben, nur dass sich das im Jahr summiert. Natürlich könnte das Festival auch irgendwo anders stattfinden, nur wenn es zum Beispiel in Süddeutschland stattfindet, sollten die Leute so clever sein und da Weißwurst und Bier anzubieten. Man sollte das Regionale nicht verlieren. Es sollte so sein, dass es eine Mischung aus dem Regionalen und Urbanen ist.

Warum ist denn dann dieses Jahr keine deutsche Band dabei?

Das hat überhaupt keine Bewandtnis. Also wenn Kante dazu stehen sollten, ein neues Album herauszubringen, kann ich mir vorstellen, dass die nächstes Jahr wieder in Haldern spielen und andersherum ist es ja auf dem Immergut schon immer Prinzip gewesen, sich mit deutschen Bands zu beschäftigen, und bei uns ist das nicht so wichtig. Wir buchen nicht länderspezifisch. Eine Affinität haben wir aber ganz bestimmt, das ist Belgien.

Aber die Tendenz geht ja schon dahin, dass in den letzten Jahren in Haldern immer weniger deutsche Bands gebucht wurden?

Ja klar, was soll ich dazu sagen? Vielleicht trifft der deutsche Markt halt nicht unseren Geschmack.

Also wird eine Band wie Tomte nie in Haldern spielen?

Das will ich nicht sagen, aber Tomte… äh…Tocotronic hat schon zweimal hier gespielt, Blumfeld hat schon zweimal hier gespielt und der Agent von Blumfeld wollte, dass sie auch dieses Jahr wieder in Haldern spielen, aber als ich gesagt habe, dass wir die schon zweimal da hatten, hatte der direkt ein Problem damit, weil der dachte, wenn wir Blumfeld angeboten bekommen, müssten wir sofort draufspringen. Aber wir haben nix gegen deutsche Musik. Das hat sich so ergeben. Ich sag mal, so Bands, die hier groß werden, wie Winson und Wir sind Helden oder Fury in the slaughterhouse früher, das war nicht unbedingt unser Ding. Wir waren Jeremy Days Fans und Element of Crime Fans, nur da wollen wir warten, bis ein neues Album kommt und dann werden Element of Crime auch noch ein viertes Mal in Haldern spielen.

Aber hätte es im letzten Jahr nicht spannendere deutsche Bands gegeben als Frank Popp?

Wer denn?

Virginia Jetzt! zum Beispiel.

Finde ich gar nicht. Also Virginia Jetzt! ist eine Band, da kann ich gar nicht viel mit tun. Sportfreunde Stiller haben alles erreicht, finde ich eine große Band, die haben hier schon zwei Mal gespielt und man darf nicht vergessen, dass hier schon viele deutsche Bands gespielt haben. Slut haben hier gespielt, Readymade haben hier gespielt. Auch da wollen wir uns nicht wiederholen. Es gibt in Deutschland wunderbare Musik, aber die beste deutsche Band ist für mich Element of Crime. Da bleibe ich bei. Das ist unsere persönliche Meinung. Und es ist viel reizvoller, hier eine belgische Band zu präsentieren, die keiner kennt, als eine deutsche Band, die ständig tourt.

Also ist es Euch schon wichtig, die Leute zu überraschen?

Ja, auf jeden Fall. Es ist wichtig, dass wir immer wieder ein paar Künstler dabei haben, wo wir wissen, dass die Leute das gut finden, wenn die das einmal hören. Das ist ja das wichtigste, was das Festival in den letzten 20 Jahren erreicht hat, dass sich das Publikum fast alles anhört. Letztes Jahr da hatte ich großen Respekt. Es hat zwar nicht geregnet, aber es war 40 Grad im Schatten und die Leute stehen bei Koufax und Isolation Years vor der Bühne, da war ich schon stolz auf das Publikum.

Du hast ja grade gesagt, dass Ihr euch nicht wiederholen wollt. Nun ist es aber so, dass fünf Bands schon mal in Haldern waren (dEUS, Starsailor, Divine Comedy, Paul Weller, Amphibic).

Das sind ja ganz andere Situationen. Ich sag mal, Paul Weller, den werden wir immer nehmen… ich sag mal, das ist ja was spezielles. Der Typ ist ja sehr schwierig zu kriegen auf der einen Seite, auf der anderen Seite ist es ja so, dass viele Veranstalter nicht mit ihm zusammenarbeiten wollen, weil er zwar gut ist, aber nicht für Konsum sorgt. Er ist zwar in England ein großer Star, aber sobald er die Insel verlässt, wird's schwierig.
Und Divine Comedy treten ja jetzt in einer ganz anderen Besetzung an, nämlich mit Orchester und bei dEUS, die wollten wir immer schon mal wieder haben. Aber das ist für uns eine andere Qualität als Tomte. Es ist ja völlig subjektiv, wie wir unser Festival angehen. Wir haben auch überhaupt keine intro-ide oder spexlastige Verpflichtungen. Wir sind Helden sind uns im letzten Jahr auch angeboten worden, aber wir haben nicht geglaubt, dass das so richtig passte. Und Frank Popp hat gepasst, weil… also es gab zwar sicher bessere deutsche Bands, aber der Tag war schon so schwerlastig mit Aqualung und getrageneren Acts, da sollte Frank Popp versuchen, das Tanzbein zu schwingen und das ist gänzlich in die Hose gegangen. Das Konzert war sicherlich nicht gut.

Geht es bei Haldern nicht viel zu wenig um die Musik? Leute, die von Haldern sprechen, sagen immer: „Ich komme wegen der Atmosphäre.“

Nö, das ist doch rein subjektiv betrachtet. Ich schätze mal, das ganze viele Leute hier hin kommen, um die Musik zu hören. Ich hab ja schon gesagt, dass die Leute bei Isolation Years und Koufax bei brüllender Hitze vor der Bühne standen und ich hab schon Queens of the stone age gesehen, da standen nur 60 Leute da. Koufax war die erste Band, da standen aber tausend Leute vor der Bühne.

Nervt dich dieser Mythos, angefangen mit den Messdienern etc., nicht allmählich? Das wird ja jedes Jahr regelrecht zelebriert von Intro und Co.

Viele Sachen nerven einen. Das ist schon klar. Damals war es die Aktiengeschichte, dann packen sie die Messdiener aus. Sie werden sich die Geschichten immer rauspicken, weil wir sie halt aufgeschrieben haben. Was heißt nerven? Das wäre das gleiche, als wenn du Boris Becker fragen würdest, ob es ihn nerven würde, dass er damals Wimbledon gewonnen hat. Weil ihn die Leute dann nur noch mit Tennis konfrontiert haben. Wenn die Leute darüber positiv schreiben, sollen sie das tun. Vom Mythos haben wir nie gesprochen, den Mythos machen andere Leute. Den Mythos machen die Leute, die auch genau darauf achten, wenn was schief läuft, wenn sich geschlagen wird usw. Dann werden die Überschriften schnell genau anders aussehen. Von dem Mythos reden wir nicht. Wir erzählen ganz simpel unsere Geschichte, wie wir sie aufgeschrieben haben, aber in den Pressemitteilungen versuchen wir, das eigentlich rauszuhalten.

Wieviel ist überhaupt noch dran am Mythos? Dass zum Beispiel alles von zu hause mitgebracht wird, Kabeltrommeln und so weiter.

Also das hat sich reduziert. Natürlich, es gibt immer noch die Minuten, wo der eine noch schnell einen Besen zu hause holt und der andere eine Kabeltrommel, aber es ist nicht so, dass grundsätzlich noch überwiegend mit geliehenem Zeug hantiert wird. Aber wenn man Sonntag zum Gelände kommt, sieht man überall Zeugs mit irgendwelchen Namensschildchen drauf. Das ist aber längst nicht mehr so extrem.

Also musste es auch professioneller werden?

Professionell insofern, dass Kabeltrommeln natürlich auch kaputt gehen und wenn wir dann die Chance haben, neue zu kaufen, dann nutzen wir das auch, um erstmal eine Entlastung zu haben.

Nach welchen Aspekten werden die Bands ausgesucht und wer sucht sie aus?

Also ich höre mir die Sachen an und stell die vor und dann reden wir darüber.

Und wie kommst du auf neue Bands?

Ja, das ist in den letzten Jahren so passiert. Wenn man ein paar neue Sachen ausprobiert hat und das hat dann geklappt, dann ist das Bewusstsein auch in England mittlerweile sehr groß, neue Bands hier zu plazieren. Im übrigen kriegt man Sachen schon sehr früh zugeschickt und man redet mit vielen Leuten über Musik. Das Netzwerk hat sich natürlich erweitert. Man redet mit den Leuten vom Atomic Café, man redet mit Agenten, die Sachen ein halbes Jahr früher hören.

Es gibt ja mittlerweile eine Reihe fast bestätigter großer Bands wie Beck und Oasis, die dann aber doch nicht in Haldern aufgetreten sind. Welcher Star ist in diesem Jahr dazugekommen?

Also die Gerüchte von Beck und Oasis, die sind nie von uns gestreut worden. Von Agenten zum Beispiel. Das Oasis — Gerücht ist aus England gekommen, aber niemals von uns. Wir haben die Band nicht angefragt. Aber Beck steht bei uns nach wie vor hoch im Kurs, aber er ist dieses Jahr Vater geworden und wollte dieses Jahr gar keine Festivals spielen.

Und an welchen Bands wart Ihr in diesem Jahr dran, die Ihr nicht bekommen habt?

[zögert] Das ist eine Flasche halb leer — Diskussion. Das sag ich nicht.

Wart Ihr in diesem Jahr wieder an Sigur Rós dran?

Ne.

Gar nicht mehr?

[leicht verärgert] Klar, man kann immer mit der Band reden, wir werden die aber auf kein Plakat mehr drucken. Also die können hier spielen, aber die werden nicht mehr genannt.

Würdest du einige Bands wie die Guano Apes und H-Blockx heute noch einladen?

Also wir sind hier nicht die musikalische Moral. Klar, die Guano Apes würden wir sicher nicht mehr einladen, aber wir stehen dazu, dass wir sie eingeladen haben. Über das Konzert kann man sich streiten. Auch bei den H-Blockx. Das war ganz interessant, weil danach Element of Crime gespielt haben und es so schien, als mussten die H-Blockx vorher erstmal ein reinigendes Gewitter spielen. Guano Apes war sicherlich keine interessante Erfahrung. Die Band selber war sehr nett. Aber das Umfeld war halt ging so. Das hat man bei deutschen Bands aber öfter.

Hast du es schon öfter bereut, deutsche Bands eingeladen zu haben?

Ja, die deutschen Bands haben eine andere Mentalität. Das wird jetzt ein bisschen kompliziert. Aber Paul Weller zum Beispiel hat 25 Leute und da weiß jeder, was er zu tun hat. Da ist der LKW-Fahrer LKW-Fahrer und der hat großen Respekt vor Paul Weller, aber Paul Weller hat auch großen Respekt vorm LKW-Fahrer. Das ist ein in sich sozialer geschlossener Kreislauf. Es gibt bestimme deutsche Bands, die denken, sie seien zwar Musiker, aber eben nichts besseres als der LKW-Fahrer. Die sagen das zwar die ganze Zeit, aber bei der Show klappt dann letztlich nicht und dann werden die Techniker dafür zur Verantwortung gezogen. Nach außen hin verkaufen die aber so ein sauberes soziales Denken. Das erlebt man bei Amerikanern und Engländern überhaupt nicht.

Und welche Bands hättest du jetzt rückblickend nicht mehr eingeladen?

Das möchte ich nicht sagen. Was soll ich da erzählen?

Letztes Jahr war das Festival ja nicht ausverkauft. Womit rechnet Ihr in diesem Jahr?

Wir hoffen, wir sind ja Messdiener.

Wie heißen die Bands in diesem Jahr, von denen man noch hören wird?

Keane ist klar. Die sind ja schon durchgestartet. Divine Comedy wird es leider nicht schaffen, weil die musikalisch viel zu exquisit sind. Die Schnellliebigkeit der Gesellschaft lässt ja manche gute Musik gar nicht mehr zu.
Wer überraschen, aber nicht musikalisch durchstarten wird, sind Ghinzu, dann HAL, Nicolai Dunger.

Ist Nicolai Dunger derjenige, der den letzten freien Platz einnehmen wird?

Nein, der spielt im Zelt. Es wird ein belgisches Zelt geben. Durchstarten werden auch Gisli und Patrick Wolf. Die Bees werden musikalisch überraschen, weil die sehr krachen. Und Adam Green und Starsailor sind ja schon durchgestartet. Und der special guest wird noch überraschen.

Wer wird das sein?

Das wird kein großer Name sein, aber das ist eine gute Band.

Also gibt es keinen „gleichwertigen“ Ersatz für Cooper Temple Clause vom Bekanntheitsgrad her?

Du redest wie die Charts. Meinst du finanziell? Also finanziell wird die Band genauso teuer sein wie Cooper Temple Clause. Aber die wird nicht den Bekanntheitsgrad haben.

Auf wen freust du dich am meisten?

Das kann ich nicht sagen. Ich freu mich fast auf alle. Auf dEUS freue ich mich tierisch. Klar.

Nun habt ihr ja auch ein Label gegründet. Wie läuft das?

Zufriedenstellend. Sehr gut. Und in diesem Jahr werden auf jeden Fall noch zwei Platten kommen, vielleicht sogar drei. Amphibic wird dieses Jahr noch veröffentlicht und mit zwei Sachen wird noch verhandelt.

Sind das Bands, die schon mal in Haldern gespielt haben?

Eine Band hat schon mal hier im Club gespielt, die dürfte aber keiner von euch kennen.

Ist das nicht ein großes Risiko?

Ja, alles ist ein Wagnis. Aber mit dem Festival kann man definitiv kein Geld verdienen. Das Festival kann ein Image transferieren, aber kein Geld verdienen. Es gibt natürlich Leute, die finden das Festival super scheiße, aber das ist eine sehr überschaubare Zahl. Beim Plattenlabel haben wir gesagt, dass wir nach fünf Jahren mal einen Strich ziehen und gucken, ob man da was machen kann oder nicht.


Das Haldern Open Air findet vom 6. bis 7. August in Haldern — Rees statt. Auftreten werden unter anderem Adam Green, dEUS, Starsailor, Keane, Soundtrack Of Our Lives, Paul Weller und die Kings Of Leon. Weitere Informationen, Line-Up, regionale Kochrezepte und Karten zum Haldern Open Air gibt es unter www.haldern-pop.de

Sebastian Dalkowski und Katja Peglow


Kommentare



Der Kritiker schrieb am 17.06.2005 um 00:12 Uhr:

Manoman. Ihr habt es ja echt drauf! Kritisiert in Euren Fragen die Lücke an deutschen Bands in Haldern aber anderseits berichtet ihr nicht darüber. Von mir aus könnt ihr gerne mit justmag.de aufhöhren und lieber eine Ausbildung machen. Sehr traurig, dass Ihr so verbissen und aggressiv auf Eure Interviewpartner reagieren müsst um von Euren eigenen Schwächen abzulenken.

Gute Besserung!

Euer Kritiker.

Antwort von Sebastian am 17.06.2005 um 13:53 Uhr:

Och, wir haben schon so ein bisschen was über deutsche Bands gebracht. Sieh dir doch einfach mal den Überblick bei „Ansprechbar“ an, da hatten wir z.B. Interviews mit Kettcar, Wir sind Helden, Virginia Jetzt, Olli Schulz, Spillsbury, Maximilian Hecker, Tele, Beatsteaks, Roman Fischer, Monta und Joachim Deutschland.

Bei CD-Rezensionen sieht es ähnlich aus. Dass wir natürlich nicht alles abdecken können (und wollen), ist natürlich klar.

Und nenn mir doch mal ein Beispiel für eine aggressive Frage.


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