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Kerstin Grether - Zuckerbabys

Pop zum Erbrechen.

Autor Kerstin Grether
Titel Zuckerbabys
Verlag Ventil Verlag
Seiten 192
Bewertung 6 von 9 Punkten

Wer hin und wieder einmal einen Artikel der hier zu Rezensierenden aufmerksam gelesen hat, die hauptberuflich als Journalistin für z.B. das Intro Magazin schreibt, dürfte das Frauenbild Kerstin Grethers zur Genüge kennen gelernt haben. Mokierte sie sich doch in der aktuellen Ausgabe (Nr. 116) äußerst negativ über PJ Harveys Erscheinungsbild und „[…] dass sie nicht thematisiert, dass sie magersüchtig ist“. Man muss kein Hellseher sein, um sich Grethers Idealbild der Frau vorzustellen, die nach eigenen Angaben den Frauentypus aus der Grunge-Bewegung bevorzugt, da jene noch den Gestus des Sich-gehen-Lassens propagierten. Das Gegenteil ist heute der Fall. Wer kommerziellen Erfolg anstrebt, muss sich zwangsläufig anpassen, den gängigen Normen folgen. Veränderungen sind nur im Rahmen der eng gesteckten Grenzen erwünscht. Bei Frauen beschränken sich diese häufig auf die Konfektionsgrößen 32/34/36.

Dass zuviel Zucker ungesund ist, weiß auch Sonja, die Protagonistin in Kerstin Grethers erstem Roman. Die gelernte Medien-Designerin steht noch ganz am Anfang ihrer Magersucht und kann vom Eintritt in das schillernde Pop-Biz allenfalls träumen, obwohl sie insgeheim schon wollen würde. Genauso wie ihre drei verrückten Freundinnen Ricky, Kicky und Micky aus der Riot Girl- Band Museabuse, die ebenfalls auf den großen Durchbruch hoffen. Während sich die eine Partei feministische Parolen auf das T-Shirt pinseln lässt, verfällt Sonja Schritt für Schritt der Idee des ihr selbst auferlegten Ideals. Denn wer will schon kein Zuckerbaby sein? Blöd nur, dass Zuckerbabys eben nicht zu viel vom Zucker naschen dürfen, da sie sonst „zu groß und unniedlich“ (Judith Holofernes) werden.

Grether schreibt unklischeehaft über eine der populärsten Krankheiten der Gegenwart, ohne dabei in die böse Mainstream/gute Underground Falle zu tappen. Vollkommen wertfrei ist Zuckerbabys natürlich trotzdem nicht geblieben, was aber super ist, denn sonst würde dem Leser z.B. die herrliche Persiflage auf die Killer Barbies (im Buch, Bourbon Barbies) entgehen. Überhaupt machen die ganzen Pop Verweise in Bezug auf die Gender Trouble-Debatte die große Stärke des Romans aus.


Fazit: Nur böse Zungen würden behaupten, dass Kerstin Grether die Alice Schwarzer des Intro Magazins ist. Nichtsdestotrotz muss man der Autorin ein gewisses Einfühlungsvermögen für ihre Figuren attestieren und überhaupt ist Zuckerbabys der vielleicht erste unpeinliche Roman, der sich mit der heiklen Thematik Magersucht so reflektiert auseinandersetzt.

Katja Peglow



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