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Als ich mal wieder kein Held war.

Als ich mal wieder kein Held war.

Wenn die Kirmes in der Provinz gastiert, rüstet sich die Jugend.

Aus der Serie Aus dem Arschloch der Provinz:

Kapitel I: Das ist die Sonne, die untergeht

Meine erste Erinnerung an Kirmes ist: Meine Beine sind zu kurz fürs Gaspedal im Autoscooter.
Meine zweite Erinnerung an Kirmes ist: Meine Beine sind zu kurz fürs Gaspedal im Autoscooter.
Meine dritte Erinnerung an Kirmes ist: Wenn dieser verdammte Jugoslawe mir noch einmal meine Freundin wegschnappt, weil seinem Vater der Musikexpress gehört und er Fahrchips an alle gutaussehenden Mädchen verteilt, dann… dann… damals war die Zeit von „Rock against Racism“ und „Mein Freund ist ein Ausländer“, also wagte ich damals nicht, meinen Gedanken fortzuführen.

Wenn ich nun alle Erinnerungen zusammenfasse, die mit Kirmes zusammenhängen, dann würde ich gerne gepflegt in mein Bettlaken heulen: Es war eine Zeit der Demütigung, der Vergewisserung, dass ich nicht dazu gehörte. Immer war ich entweder zu klein oder zu jung oder zu hässlich. Oder, was am schlimmsten war: Zu uncool. Die Helden des Rummelplatzes, das waren immer die anderen.

Kapitel II: Die Idee ist scheiße, aber…

Wenn die Kirmes in die Provinz zieht, wagt es kaum jemand, diesem Spektakel fernzubleiben. Wer in aller Öffentlichkeit bekennt, er gehe nicht zur Kirmes, der könnte ebensogut in einer NSDAP-Uniform durch St. Pauli laufen und laut aus „Mein Kampf“ vorlesen. Beide Male stehen die Chancen ziemlich schlecht, das Ganze zu überleben. Deshalb fahren die Kirmes-Verweigerer auch in dieser Zeit an die Nordsee oder zu Verwandten ins Sauerland. Denn wer kann sich schon diese Gerüchte erlauben: „Gerade bin ich bei Familie X vorbeigekommen. Durchs Fenster habe ich gesehen, dass sie im Wohnzimmer saßen und sich die ungeschnittene Version von 'Der mit dem Wolf tanzt' anguckten und keiner von ihnen hatte ein Lebkuchen um den Hals hängen und nicht ein Paradiesapfel weit und breit. Also ich glaub, DIE GEHEN NICHT ZUR KIRMES.“ Wer wegfährt, kann immerhin noch behaupten, da gewesen zu sein, nur sei man sich eben leider nicht über den Weg gelaufen.

Obwohl: Diese Erklärung hinkt gewaltig, denn die nun ja… Übersichtlichkeit der Kirmes bedingt es, dass man jeden trifft und die, die man nicht treffen will, selbstverständlich am häufigsten („Jetzt steht der Müller schon zum siebten Mal am gleichen Bierstand wie wir. Was für ein Säufer! Kein Wunder, dass seine Frau ihn verlassen hat.“). Auf der Kirmes in der Provinz gibt es nämlich nur folgende „Attraktionen“:

  1. Der Autoscooter. Dieser eignet sich nicht einmal dazu, an einem Feind Rache zu nehmen, es sei denn, dieser hielte seine Hand direkt auf die dicke Gummi-Umrandung. Das höchste der Gefühle ist eine Nackenverspannung. Geschichten von gebrochenen Armen und Genickbrüchen sind nichts als Legenden, um den Kleinen einen Schrecken einzujagen.
  1. Der Musikexpress. Von Nostalgikern auch Raupe genannt. Dieser dient lediglich dazu, das Selbstbewusstsein der Adoleszenz zu stärken und sich an heiße Weiber ranzuschmeißen. Der Grad an Action ist eher gering, die Sirene, die in der Mitte der Fahrt ertönt, soll nur Schallgeschwindigkeit vortäuschen.
  1. Zwei Karussells, eines davon mit funktionierenden Autohupen. Sonntags kauft eine Armee von Patenonkeln und — tanten da immer 300 Chips für die Kleinen und lässt sie fahren, bis diesen kotzschlecht wird. Und jedesmal winken diese und die Erwachsenen müssen zurück winken, während sie sich mit anderen Paten unterhalten. Wer älter als acht ist und von seinen Klassenkameraden auch nur in der Nähe der Karussells entdeckt wird, gilt als nicht mehr zurechnungsfähig und wird fortan gemieden. Die Ausrede „Ich musste nur auf meinen kleinen Bruder aufpassen“ zählt mittlerweile nicht mehr.
  1. Ein Flugzeugkarussell. Das unterteilt bereits die jüngsten in „hochbegabt“ und „struntedoof“. Die Hochbegabten drücken den Steuerhebel immer nach unten, die Struntedoofen nach oben und kurven deshalb die ganze Fahrt auf dem Boden herum. Anschließend müssen die Eltern den Nachwuchs dann trösten und die Mutter sagt: „Das hast du toll gemacht. Oben ist es sowieso viel zu gefährlich.“ Und der Vater beißt sich auf die Zunge und denkt: „Wie peinlich. Das passiert doch nur Idioten.“
  1. Schießbuden. Das Problem dabei ist, dass aus unerklärlichen Gründen viele erst Lust aufs Schießen haben, wenn sie längst sturzbesoffen sind. Und natürlich gehen da unendlich viele Teenager-Beziehungen auseinander, weil der Liebste immer nur den Schlüsselanhänger mit dem Fußball dran trifft, nicht aber die Rose aus Plastik.
  1. Fressbuden, Bierstände: Hier darf sich jeder benehmen, wie er/sie es zuhause nicht darf. Außerdem landet der fettige Bratfisch grundsätzlich auf dem neuen weißen Hemd. Selbst ein halber Döner ist einfacher zu verdrücken. Aber mal ehrlich: Wo hat man sonst die Gelegenheit, Bier aus Plastikbechern zu saufen außer auf dem Sommerfest der SPD?

Es sollte klar geworden sein, dass eine Kirmes in der Provinz alles andere als spektakulär ist. Vor allem junge Menschen bis 20 scheinen das jedoch nicht einzusehen und geben jenes Geld in vollen Zügen aus, das sie eigentlich für ein neues Mofa oder einen neuen Roller angespart hatten durch monatelanges Austragen der Kirchenzeitung. Da stellt sich doch die Frage: Warum?

Kapitel III: Der Gewinner nimmt dann mal alles

Die Jugend hat sich schweigend darauf verständigt, die Kirmes als die olympischen Spiele der Provinz zu begreifen. Freilich mit geringen Abweichungen zum Original. Nicht „Höher, schneller, weiter“, sondern „cooler, lässiger, stylischer“. Nicht „Dabei sein ist alles“, sondern „Dazugehören ist alles.“ Denn worum es letztlich geht, ist folgendes: Dieses Heer an pubertierenden Teenagern in Gewinner und Verlierer zu unterteilen, in cool und uncool, in angesagt und total out. Es ist der Traum eines jeden, zur ersten Gruppe zu gehören, doch es ist wie bei den Olympischen Spielen: Wer das Jahr zuvor nicht eifrig trainiert hat, fliegt bereits in der Qualifikation raus. Das sind dann genau solche Leute wie dieser 100 Meter — Läufer von den Samoa-Inseln oder dieser Stabhochspringer von den Virgin-Islands. Die schon froh sind, wenn sie überhaupt ihr Trikot richtig herum anziehen.

Cool sind grundsätzlich alle Leute mit Helly Hansen — Jacke, es sei denn, dass man für dieses Kleidungsstück viel zu klein ist und eher aussieht wie ein Luftballon. Außerdem gelten Baggys dort noch immer als Ausweis von Geschmack, vermutlich auch noch in hundert Jahren. Und ganz wichtig: Die Schuhe bloß nicht mit einer Schleife zubinden, sondern die Schnürsenkel in die Schuhe stopfen, auch wenn man dann alle zwei Minuten den Vorgang wiederholen muss. Fast ebenso wichtig: Nicht den Schwamm hinter der Zunge vergessen. Es gibt Menschen, die sind schon verprügelt worden, weil sie daran nicht gedacht haben. Die Mädchen können grundsätzlich auf die selbe Kleidung zurückgreifen, bis auf die Hose, die muss natürlich von Miss Sixty sein. Und bloß keine Socken dazu anziehen, die nicht weiß sind. Solche avantgardistischen Anwandlungen führen leicht zum Ausschluss aus dem Wettbewerb.

Neben der Kleidung ist aber auch das Verhalten an den Wettkampfstätten entscheidend, das heißt am Musikexpress und am Autoscooter, die einzigen akzeptablen Aufenthaltsorte für die Jugend. Und dieses Verhalten soll vorrangig gar nicht nach einem Verhalten aussehen, sondern nur: Die pure Lässigkeit ausstrahlen. Es ist lässig, sich im Tunnel aufzuhalten, obwohl der Zutritt verboten ist. Es ist lässig, sich immer falsch herum in den Musikexpress zu setzen und noch lässiger ist es, dabei auch noch lässig zu gucken. Es ist lässig, mit dem Auto-Scooter rückwärts zu fahren, indem man das Lenkrad ganz schnell mindestens tausend Mal herumdreht, am besten einhändig, weil man mit dem anderen Arm die bildhübsche Beifahrerin umarmt. Es ist lässig, den Chip erst in den Schlitz zu stecken, wenn die Hupe zur nächsten Fahrt ertönt und es ist lässig, wenn die Kumpel nachher sagen: „Das war echt verdammt lässig, Alter.“ Das allerlässigste ist es übrigens, auf Bierfässer zu schießen, während man gleichzeitig mit dem Besitzer spricht. Das signalisiert, dass man sich kennt.

Das ist es, was man sein muss: Cool, lässig, gelangweilt. Bloß nicht andeuten, als sei das Geschehen ansatzweise interessant und um Gottes Willen nicht sagen: „Mann, war das geil. Echt aufregend.“ Denn das sagen nur Anfänger. Die Kirmes ist nicht aufregend. Essen ist übrigens streng untersagt, erst recht nicht diese fettigen Reibekuchen, die es immer in dieser Bude gibt, in der grundsätzlich alte Leute arbeiten und die waren auch schon alt, als sie vor 50 Jahren zum ersten Mal da standen. Und drum herum versammeln sich Menschen, die auch schon alt sind, so 30 und älter. In Ausnahmefällen sind kleine Snacks wie Hamburger oder Pommes zugelassen, dann aber mit viel Ketchup und die Plastikgabel ignoriert man am besten sofort. Ein frisch Gezapftes aus dem Plastikbecher ist natürlich Pflicht, seit neuestem auch Alcopops.

Wenn man diesen Verhaltenskodex penibel einhält, darf man zumindest damit rechnen, in den erleuchten Kreis der Gewinner aufgenommen zu werden. Doch leider verstoßen die meisten gegen fast jede dieser Regeln.

Kapitel IV: I'm a loser, Baby!

Der Wettkampfs eines Verlierers verläuft meist in etwa so: Erstmal rennt er jegliche Kleidungsnormen über den Haufen. Er trägt einen ziemlich dicken Wollpullover oder einer, auf dem irgendwelche verblichenen Tiermotive zu sehen sind (Ganz übel: Disney). Seine Jeans sind hellblau, enden zirka zehn Zentimeter über dem Knöchel und stammen vom großen Bruder. Auf seinem Kopf hat er eine Wollmütze mit einem riesigen Bommel. Seine Jacke sieht aus wie die von seinem Vater und hat zwar tausend nützliche Taschen, ist aber flach wie ein Brett. Und: Sie ist grau oder braun. Wenn er Glück hat, durfte er sich von den gefütterten Winterschuhen (unsere Kirmes findet immer im Oktober statt) verabschieden, die mit den drei Klettverschlüssen, und trägt jetzt gefütterte Winterschuhe mit Schnürsenkeln. In seinen Mundwinkeln klebt noch Nutella vom Abendbrot und das erste, was der Verlierer macht, ist es, sich die größte Zuckerwatte auf dem Platz zu holen. Die klebt spätestens nach zwei Minuten in seinem Gesicht, auf seiner Jacke, auf seiner Hose, in seinen Haaren. Zwar braucht er ab einem gewissen Alter nicht mehr mit seinem Patenonkel auf dem Musikexpress fahren, dennoch aber wagt er es nicht, sich falsch herumzusetzen, weil beim letzten Mal seine Beine so um den Metallbügel geknotet waren, dass er nicht mehr alleine aussteigen konnte. Selbstverständlich stellt sich der Typ, der die Fahrchips einsammelt, für die gesamte Fahrt immer zum Verlierer und sollte der es wagen, sich doch mal falsch herumzusetzen, gibt es böse Blicke und ein barsches „Versuch das nicht noch mal!“. Meistens aber ergattert der Verlierer sowieso keinen Platz mehr, weil alle schneller, stärker und cooler sind. Sonntag Morgens stehen seine Chancen ganz ordentlich, aber Abends kann man genau beobachten, wie sein Blick immer mehr gen Boden schleicht.

Auch auf dem Autoscooter macht der Verlierer eine katastrophale Figur, denn er nimmt die Sache ziemlich ernst, gleichwohl er versucht, lässig zu wirken. Natürlich will er sich immer an den Frauenhelden aus der Klasse rächen und verwendet seine ganze Energie darauf, sie frontal zu rammen. Gleichzeitig hofft er, damit die weibliche Beifahrerin zu beeindrucken, die mit den Frauenhelden fahren. Den Helden wird das aber schnell zu bunt, sie nehmen ihn den Verlierer in die Zange und schütteln ihn furchtbar durch. Wenn sich mal ein Mädchen zu ihm ins Auto verirrt, dann nur, weil sonst niemand da ist, sie kein Geld mehr hat, aber noch mal Lust hat, zu fahren. Selbstverständlich spendiert er ihr auch nachher noch eine Tüte Popcorn und fühlt sich schon fast so, als könne der Abend doch noch erfolgreich verlaufen. Dann aber taucht doch noch einer ihrer Freunde auf und sie verschwindet, ohne dass er es überhaupt bemerkt. Als er es dann aber doch bemerkt, knallt er seinen Paradiesapfel wütend auf den Boden und trottet mit hängendem Kopf nach Hause.

Das einzige, was der Verlierer also auf der Kirmes erreicht, ist es, das Gespött der ganzen Klasse und unfassbar arm zu werden. Erst wenn seine Mitschülerinnen 30 sind und „was solides“ suchen, werden sie ihm endlich die Aufmerksamkeit schenken, die er verdient hat. Erst dann merken sie, dass er ja so übel gar nicht ist. Die letzten beiden Sätze habe ich mir übrigens nur ausgedacht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Sebastian Dalkowski


Kommentare



Jessica aus Rees schrieb am 25.12.2006 um 18:30 Uhr:

Genauso isset! :-)


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