 Engel des Universums.
Sie war ein Traum. Für genau einen Urlaub.
Wenn ich an jenen Urlaub im Sommer 1989 in einem Ort namens Gerden denke, fallen mir nur drei Dinge ein.
- Da war eine Gruppe von Behinderten und vor denen hatte ich immer Angst, weil ich dachte, sie würden mich umbringen oder mir zumindest irreparable Schäden zufügen. Schließlich tickten sie ja nicht mehr ganz richtig. Damals war ich gerade sechs Jahre alt.
- Das Hotel war ein großes Schloss, Schloss Gerden, und unser Zimmer lag im ersten Stock am Ende eines langen Flures. Immer wenn ich da alleine entlangging, fürchtete ich, dass eine Hexe auftauchen und mich auffressen würde.
Doch diese Todesfurcht trat schnell in den Hintergrund. Denn da war sie:
- Ruth, meine erste Liebe. Ruth war ein Jahr jünger als ich. Sie trug langes braunes Haar und blaue Karottenjeans. Außerdem war sie das süßeste Mädchen auf der Welt. Das Problem ist nur, dass ich mich nicht mehr besonders daran erinnern kann, was wir in diesem Urlaub zusammen erlebt haben. Aber ihr lachendes Gesicht kann ich noch genau vor mir sehen.
Ich weiß zumindest, dass wir plötzlich auf der Treppe im ersten Stock des Schlosses saßen und mein Bruder, damals vielleicht drei Jahre alt, war ebenfalls dabei. Doch meine Mutter wusste wohl, was sich da anbahnte, und sie sagte meinem Bruder, dass er ins Bett gehen solle. Ich hingegen dürfe noch ein wenig aufbleiben, ich sei ja schließlich älter. Und dann saßen wir plötzlich alleine nebeneinander auf der Treppe. Ruth und ich. Ich weiß nicht, ob wir uns an diesem Abend geküsst haben, aber ich weiß nur noch, dass ich damals zum ersten Mal spürte, dass es etwas anderes war, seine Mutter zu mögen oder seinen Vater oder seine Oma als ein fremdes Mädchen. Vielleicht denke ich das aber auch nur im Rückblick.
Als der Urlaub vorbei war und wir wieder zu hause waren, telefonierte ich mit ihr und es wurde mein erstes Telefongespräch, das länger dauerte als zehn Minuten. Ich glaube, es dauerte sogar ziemlich lange, zwei Stunden vielleicht und es war das einzige Mal, dass sich meine Mutter nicht über die Telefonkosten beschwerte.
Leider sah ich Ruth nur noch einmal wieder und das einzige, was ich da tat, war hinter ihr herzulaufen und sie abzuknutschen. Sie kicherte dann immer und tat so, als würde ihr das peinlich sein. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie das genauso aufregend fand wie ich. Das Wort „geil“ gab es damals noch nicht. Jedenfalls nicht in meiner Kinderwelt. Ich weiß nicht mehr so genau, warum ich sie nicht mehr wiedersah. Vermutlich, weil sie in einer anderen Stadt wohnte und deshalb auch auf eine andere Schule kam. Eigentlich trennten uns nur zehn Kilometer, aber zehn Kilometer waren damals eine unüberwindbare Hürde.
Manchmal denke ich darüber nach, sie zu suchen. Und es wäre sicherlich kein Problem, sie zu finden. Aber ich frage mich, ob ich das wirklich will. Vielleicht ist das so wie mit diesen Menschen, die in einem Autounfall sterben und dann in allen Einzelteilen auf der Straße liegen. Da ist es besser, nicht mehr in die Leichenhalle zu gehen, sondern sie so in Erinnerung zu behalten, wie sie vor dem Unfall waren. Auf jeden Fall weiß ich, dass sich jede Frau verdammt anstrengen muss, um ihr das Wasser zu reichen: Ruth, dem Mädchen, mit den langen braunen Haaren und den blauen Karottenjeans.
Meine Mutter erzählte mir neulich, dass es im selben Urlaub noch ein Mädchen auf mich abgesehen hatte. Ich habe sie allerdings kaum beachtet und deshalb war sie ziemlich eifersüchtig.
Sebastian Dalkowski
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