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Das Ende der Liebe.

Das Ende der Liebe.

Das Kribbeln im Bauch stirbt aus und wir sehen zu.

"Because the bigger the heart,
the harder that it falls in love."
Maritime

Als die Liebe für immer die Augen schloss, war das Fernsehen zwar live dabei, aber wie so oft nicht der Übeltäter, sondern nur der Berichterstatter. Es muss irgendwann passiert sein zwischen MTV Dismissed und Der Bachelor. Niemand protestierte, niemand verlangte nach Absetzung, niemand rief „Untergang des Abendlandes“. Jeder hatte selbst Blut an den Händen kleben, ohne es zu merken, und sich schon längst an die neue Definition von Liebe gewöhnt. So wie in Agatha Christies Mord im Orient Express jeder Fahrgast mit dem Dolch in das Opfer sticht, so taten wir es mit der Liebe. Gefühle und deren (öffentliche) Auslebung wurden zur Verfügungsmasse und deshalb entwertet. Mittlerweile ist ein Kuss so unverbindlich wie eine Umarmung oder ein Lächeln und lässt meist auch selten lange auf sich warten. Genau wie der Rest des Kennenlernprogramms, das mittlerweile im Zeitraffer abläuft. Das Motto ist nämlich ungefähr das: „Ich will ja nicht die Katze im Sack kaufen.“ Umtauschrecht unbegrenzt. Und der Spruch „Manchmal ist die Zunge schneller als der Verstand“ erhält eine andere, sexuelle, Bedeutung. So verlieren Gesten ihre Besonderheit, werden Alltag. Viele Beziehungen büßen mittlerweile nicht im Laufe ihres Bestandes am Bauchkribbeln ein, sie beginnen bereits ohne dieses. Oder aber man lässt sich auf eine Beziehung (oder das, was man Beziehung nennt) ein und hofft, dass das Kribbeln sich irgendwann einstellt.

Das, was heutzutage unter dem Begriff Liebe firmiert, hat ungefähr noch so viel Ähnlichkeit mit Liebe wie klassische Musik mit Rap. Für viele ist Liebe nur eine lose Verbindung, die jede Nacht bekräftigt werden muss, falls nötig auch mehrmals. Sprich: Nur noch aus drei Buchstaben besteht. Doch selbst das, nämlich Sex, hat den Charakter eines Versprechens (das Versprechen, länger zusammenzubleiben) verloren. Es ist etwas geworden, für das man sich anbietet, gar per SMS oder E-Mail: „Also du, wenn du willst, ich hätte nix dagegen.“
Doch zurück zur Liebe in Anführungsstrichen. Sie ist etwas, das nur stattfindet, wenn man den anderen sieht und sobald er wieder geht, ebenfalls verschwindet, etwas, das man fast wahllos verteilt wie Handzettel. Und es bedeutet, sich jeden Tag zu treffen, es bedeutet tonnenweise Pralinen, DVD-Player, Einladungen zum Italiener, Kino-Abende, monatliche Reisen nach Nizza oder Venedig. Bloß machen, machen, machen. Stillstand ist der Tod. Dabei stehen sie doch still, die Paare, doch rasen sie so schnell voran, dass sie ihn gar nicht bemerken, den Stillstand. Doch wenn sie innehalten, werden sie feststellen, dass alles erdenkliche sie zusammenhält, nur eben nicht Liebe.

Vermutlich ist es viel zu oft nur reine Geilheit, nichts Verwerfliches freilich, aber von Liebe weit entfernt, geht doch mit dieser Geilheit die Austauschbarkeit der Partner einher. „I'm a sex machine.“ Mit Betonung auf machine. Natürlich nimmt man da auch nicht jede/jeden, aber diese Entscheidung hat weniger mit Gefühlen als mit eine bestimmten Auffassung von Ästhetik zu tun. Oft ist es auch die Gewohnheit, die Liebe ersetzt. Man ist ein „eingespieltes Team“, der Umgang miteinander ist längst ritualisiert. Nicht zuletzt: Die Angst vor der Einsamkeit, die viele lähmt, einen Schlussstrich zu ziehen. Denn Einsamkeit bedeutet ein einziges langes Selbstgespräch mit ungewissem Ausgang. Also doch lieber ficken, ficken, ficken und sich einreden, dass es Liebe ist, weil es eben Liebe sein muss, weil man eben doch nichts anderes hat, wo man so viel bekommt für so wenig geben. „Your body is a wonderland.“ Warum auch nicht? Und wenn man sich trennt, dann immer nur für kurze Zeit, wie der Seifenoperndarsteller, der nach seinem Ausstieg doch nichts besseres gefunden hat. „Hallo, wie geht's denn dir so? Ich dachte, wir könnten noch mal…“

Es ist weniger Wut als vielmehr Traurigkeit, die einen erfüllt, wenn man sich diese Entwicklung betrachtet. Traurigkeit deshalb, weil man sich ständig selbst belügt und Traurigkeit deshalb, weil verloren gegangen ist, was Liebe mal bedeutet hat oder bedeuten sollte oder zumindest bedeuten könnte: Vor allem etwas, das von innen kommt und nicht ohne weiteres verschwindet, jedenfalls nicht aufgrund fehlender schweißtreibender Liebesbeweise. Das Gefühl, nicht alleine aufzuwachen, selbst wenn man alleine aufwacht. Sich nah fühlen, ohne sich nah sein zu müssen. Das Telefon beschwören, er/sie solle doch endlich anrufen. Nicht zuletzt: Die Fähigkeit zu warten. Wer stürmt, glaubt hingegen wohl kaum an eine lange Beziehung. Hier gibt es ihn noch, den WSV und das passende Verhalten dazu. Alles muss raus. Vor allem Körperflüssigkeiten und vor allem schnell. Solche Menschen sagen: „Es gibt sie doch sowieso nicht, die große Liebe.“ Diese angebliche Erkenntnis ist ihre Freikarte ins Körper-Abenteuerland. Wenn schon nicht eine große, dann wenigstens 1000 schlechte Lieben.

Man wird dem Autoren vorwerfen, aus ihm spreche der Neid des Einsamen, der Neid des Abgewiesenen, und er weiß, dass dieser Vorwurf schwer zu entkräften, aber dennoch falsch ist. Alleine deshalb weil auch Menschen in Beziehungen Ähnliches äußern. Der Autor hatte die Möglichkeit zur Beziehung, nicht oft, aber oft genug, um es kein Versehen zu nennen. Aber in seinem Bauch kribbelte es nicht und er wusste, dass es auch nach körperlichen Erkundungen nie kribbeln würde. Wäre das der Fall gewesen, wäre es allein der Reiz des Neuen gewesen. Und der kommt nicht aus dem Bauch.

Sebastian Dalkowski


Kommentare



nessy schrieb am 26.11.2005 um 22:49 Uhr:

Erstma..schöner Artikel. Mich hat er richtiggehend angesprochen.
Aber vorab: Können wir uns denn eigentlich beschweren? Wir dürfen uns noch verlieben und die/den dann heiraten..was die anderen machen kann uns egal sein…ich meinte damit allerdings den Lauf der Geschichte indem die Liebe stets anders interpretiert wurde, als sie es sollte. Gab es nicht stets jemanden der etwas gegen die „wahre Liebe“ einzuwenden hatte, würde es euch passen einfach verheiratet zu werden, nur damit die Politik reibungslos weiterläuft? Oder überhaupt dass man euch vorscheibt, wenn ihr zu lieben habt ? Können wir da nicht froh sein, diese Freiheit zu besitzen?
Doch die Liebe zu finden ist das schwierigste im Leben, ich würde sagen, im Leben eines JEDEN menschen. Woher wissen wir denn was die Liebe ist? Liebe begreift man doch erst, wenn man sie fühlt. Man denkt, man weiß, was Liebe sein sollte, hat eine Vorstellung. Bis man sie aber gefunden hat, gibt man sich diesen Vorstellungen hin, und unsere heutige weit verbreitete Vorstellung ist, dass man verliebt sein kann, wenns halt im Bett gut klappt. Das erinnert mich etwas an diese grundschul-Zettelchen: willst du mit mir gehen ja, ein oder vielleicht.
ein vielleicht ist ein ich-weiß-es-nicht-genau. Was bringt mir das? oder auch was kann es mir schaden? Entstehen nicht viele solche körperlichen Beziehungen gerade deswegen, weil man sich nicht verletzen lassen will, denn die schlimmsten Verletzungen sind die der Seele. Das ende einer wahren Beziehung kann sehr schmerzhaft sein, und wer fügt sich schon freiwillig gerne Schmerz zu? deshalb auf nummer sicher gehen und ersatz suchen.
unser heutiges Idealbild sieht Stärke vor, doch in der Liebe sind wir alle schwach. Frage: wer möchte schon gerne schwach sein? bedeutet schwach nicht hilflos sein, abhängig sein, ich komm doch auch alleine zurecht! Wer liebt und geliebt wird ist aber nicht hilflos, sondern hat jemanden auf den er vertrauen kann, jedoch nur, wenn der jeweils andere auch vertrauen[…]

Text wurde gekürzt. Vollen Eintrag anzeigen?
eMail: elocin_a_s@hotmail.com

susanne schrieb am 30.08.2005 um 14:16 Uhr:

dein artikel über die liebe und deren ende gibt genau das wieder, was unsere heutige bevölkerung ausmacht!!!
leider musste ich nach meiner scheidung feststellen, dass viele männer auf das große kribbeln im bauch warten bei einem date — der blitz sollte möglich einschlagen und die liebe ist da — aber !!! das ist ein großer irrglaube..
niemand oder zumindest die wenigsten sind bereit, sich auch bei sympathie erstmal näher kennenzulernen und zu sehen, wie eine beziehung sich entwickeln kann…denn das ist harte arbeit und wer will heutzutage noch groß investieren und sich um den anderen bemühen???
das ist der punkt…oder???

eMail: dragstar8@gmx.net
Antwort von Sebastian am 30.08.2005 um 14:26 Uhr:

An einer Beziehung kann man sicher arbeiten, aber an Liebe nicht, würde ich sagen.


shitzon schrieb am 25.12.2004 um 17:45 Uhr:

jaja…
bai den maisten menschen hoit zu tage is e slaida wirklich so
aba es gibt auch noch ne menge dies andas machen…
es is natürlich ziemlich dumm was manche aus dem begriff liebe machen aba er is doch sowieso für jeden andas definiert?!
außadem finde ich slange es ihnen spaß macht sollen sie doch ruhig oda etwa nich?
liebe is doch nich da damit man sich drüba straiten sondan das man froide dran hat…also läufts irgendwo auf das glaiche hinaus


corinna schrieb am 01.09.2004 um 13:06 Uhr:

wunderbar! du sprichst mir aus der seele…


Steffen schrieb am 28.08.2004 um 21:59 Uhr:

Erstmal ein großes Kompliment an die artikel über Liebe!!!!!
Aber ich hab noch eine Frage Was genau übersätzt bedeutet der „Headliner“ von das ende der Liebe.

Antwort von Sebastian am 29.08.2004 um 11:22 Uhr:

Also ich würde das wohl so übersetzen: „Je größer das Herz, desto seltener verliebt es sich.“ Also wenn man ein großes Herz hat, dann verschenkt man es nicht so einfach. Ist doch ein Trost für alle, die sich schon seit Ewigkeiten nicht mehr verliebt haben, oder?



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