 Der menschliche Makel.
Leben wir in einer Welt voller Lügner?
Machen wir uns nichts vor. Wir sind eine Nation der Lügner. Trotz des Umstandes (oder gerade deshalb), dass wir in einer Gesellschaft leben, die die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend ansieht, lügen wir, dass sich die Balken biegen oder bis wir eine lange Nase oder kurze Beine kriegen. Und das vermutlich an jedem verdammten einzelnen Tag unseres Lebens. Aus reiner Unwissenheit oder mit Kalkül. Obwohl uns die Gesellschaft lehrt, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, passiert es doch in fast jeder sich bietenden Gelegenheit. Und wie es das Schicksal nun mal so will, kommt häufig der geschickteste Lügner am weitesten im Leben. Die Wahrheit zu sagen bedeutet nämlich, auf Widerstände zu stoßen, die unbequem und oft auch grausam sind und obwohl jeder nach der Wahrheit verlangt, vertragen sie doch die wenigsten. Deswegen lügen wir. Bei Vorstellungsgesprächen, in Beziehungen, vor Gericht, auf Beerdigungen. Wir lügen mit Worten, Taten, Gestik, Mimik aber beispielsweise auch mit nicht ehrlich gemeinten Geschenken. Nicht immer lügen wir, um uns einen Vorteil zu verschaffen, manchmal bleibt die Wahrheit einfach besser ungesagt, um uns oder auch unser Umfeld zu schonen. In einigen Fällen ist es sogar unsere Pflicht die Unwahrheit zu sagen, zum Beispiel um das Leben eines Verfolgten zu retten.
Lügen statt leiden
Die Lüge existiert seit Anbeginn der Menschheit und steckt mindestens genauso lange in ihrem negativen Imageloch fest. Schon in der Bibel steht geschrieben: „Ihr sollt nicht stehlen noch lügen“ (3. Mose 19, 11) und spätestens seit Kirchenlehrer Augustinus gilt das Lügen als allgemein verwerflich. Unter den Philosophen und Schriftstellern ist das Phänomen Lüge umstritteten. Während Montaigne und Kant diese strikt ablehnen (Montaigne nannte die Lüge ein verfluchtes Laster), gibt es eine ganze Reihe Befürworter, die die Lüge wichtig, ja sogar als notwendig erachten. Platon sagte einst, ein geschickter Lügner, der die Wahrheit kenne, sei besser als ein ehrlicher Ignorant. Nietzsche sprach sogar davon, dass Lügen das Überleben der Menscheit sicherten und tatsächlich sprechen viele wissenschaftliche Theorien und Untersuchungen dafür. Der Mensch gibt sich der Selbsttäuschung hin um die Wirklichkeit überhaupt erst ertragen zu können. Der „Wille zum Schein“ (Nietzsche) wird somit lebensnotwendig. Auch Francis Bacon sah dies ähnlich: „Warum sei die Lüge so beliebt? Weil die Wahrheit oft beschwerlich sei — und weil die meisten Menschen das nackte Tageslicht der Wahrheit fürchteten […]“ Aktuellere Forschungen gehen sogar noch weiter. „Der Aufbau einer eigenen Identität wäre ohne die Schutzfunktion der Lüge gar nicht möglich“, schreibt die Philosophin Simone Dietz in Die Kunst des Lügens, „Wenn wir gezwungen wären, wirklich immer nur das zu sagen, was wir für wahr halten und über alles wahrhaftig sofort Auskunft zu geben, dann hätte der Fragende unbegrenzte Macht über uns.“ Schreckliche Vostellung. Wer möchte schon jedes Mal morgens beim Aufstehen zu hören bekommen, wie er wirklich aussieht…
Lügen lernen
Bereits im zarten Alter von vier Jahren beginnt der Mensch zu lügen, womit bewiesen wäre, dass die Fähigkeit des Lügens nicht angeboren ist. Die moralisch und menschlich verwerfliche Ausdrucksform wird von der Gesellschaft geächtet. Lediglich die Wissenschaft misst dem Akt des Lügens einige positive Seiten bei. Lügen kann nämlich nur derjenige, der die Fähigkeit besitzt, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen. Wenn Kinder sich also in das Denkverhalten ihrer Eltern hineinversetzen können („Der Hund hat die Schokolade gefressen!“), gilt das unter Forschern als Zeichen von sozialer Intelligenz. Schon Platon und Nietzsche lobten das schöpferisch-kreative Potential der Lüge. Ein guter Lügner besitzt zwangsläufig ein besseres Gedächtnis und eine größere Vorstellungskraft, damit seine Lügen in der Realität nicht aufdeckt werden. Nietzsche formulierte es besonders spitz; die Wahrheit zu sagen, sei demzufolge nur die Ohnmacht zu lügen. Und wer nie zu lügen lerne, könne demnach auch nicht die Glaubhaftigkeit und den Wahrheitsgehalt von Aussagen anderer richtig einschätzen und bewerten.
Im Laufe unseres Lebens steigert sich unser Lügenkonsum. Nach neuen Untersuchungen lügen wir bis zu 200 mal am Tag. Je nachdem, wie eng man den Begriff der Lüge fasst. Angeblich sollen Männer häufiger als Frauen lügen. Doch was genau versteht man überhaupt unter einer Lüge? Lügen wir nicht schon, wenn wir unserem Gegenüber einen „Guten Morgen“ wünschen? Und wann genau sind Lügen erlaubt oder gesellschaftlich gar legitimiert? Kann lügen beispielsweise auch strafbar sein?
Über den menschlichen Makel
Die Psychologin Jeanette Schmid sagt: „Lügen ist die Kommunikation einer subjektiven Unwahrheit mit dem Ziel, im Gegenüber einen falschen Eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten.“ Wikipedia meint: „Eine Lüge ist eine Äußerung, die nicht der Wahrheit entspricht, und die mit der Absicht zu täuschen gemacht wird. Die falsche Behauptung weicht dabei vom Wissensstand des Aussagenden ab.“ Wichtig bei beiden Aussagen bleibt, dass die objektive Wahrheit nicht ausschlaggebend ist. Es zählt, was dein Gegenüber glaubt.
Es existieren verschiedene Spielarten der Lüge in unendlich vielen Variationen. Die politische Lüge beispielsweise, ohne die kein Wahlkampf zu gewinnen wäre, die Existenzlüge, üble Nachrede und die sogenannten White Lies. Erlaubte Lügen, die häufig auch gesellschaftlich akzeptiert werden (Weihnachtsmannlüge). In diese Grauzone fällt auch die Etikette, wenn wir etwas sagen oder beschönigen, was wir nicht meinen, um die Gefühle eines Gastgebers oder Freundes nicht zu verletzen. In Mengen beschönigt wird wohl auch in der größten Grauzone der Welt: der Werbung. Obwohl das Lügen grundsätzlich nicht strafbar ist, kann man in einigen Fällen dennoch eine Straftat begehen (exemplarisch dafür: der Meineid), die den Betreffenden teuer zu Schulden kommen kann. Nicht umsonst heißt ein altes Sprichwort: „Wer sich keinen guten Anwalt leisten kann, sollte lieber gleich die Wahrheit sagen.“
Katja Peglow
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