 Als ich froh war, gelogen zu haben.
Lügen haben manchmal eben doch lange Beine.
Prüfungsschwindel (Katharina)
Im Lauf von sieben Jahren Studium der Theaterwissenschaft habe ich die Kunst perfektioniert, bei mündlichen Prüfungen mit Bravour zu bestehen, und das verdanke ich zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil meiner Bereitschaft zur enthusiastischen Übertreibung, von anderen schlicht Lüge genannt. Es war ja so einfach. Man musste nur die Schwächen des Professors kennen und vorgeben, sie zu teilen. Das setzte nicht allzu viel Vorbereitung voraus. Ich lernte z.B. ein paar Eckdaten aus Nestroys Leben, merkte mir zwei Anekdoten und Zitate, las schnell in ein paar Stücke hinein, und war bei der Prüfung „fasziniert von diesem Sprachwitz, besonders in seinem Spätwerk; das Talent, solche zeitlosen Pointen… das zeigt sich ja auch in seiner privaten Korrespondenz…“ (und bitte frag mich nicht, wie das Stück ausgeht!) Oder ich überflog 10 Seiten Skriptum „Das Hörspiel im Wandel der Zeit“ und jammerte dann im Examen fleißig mit der Professorin mit: „ja, solche Produktionen werden heute viel zu selten gesendet; das hat sich in den letzten Jahren schon verändert, nicht?“ (Nicht, dass ich je ein Hörspiel im Radio gehört hätte.) So wurde ich zum Verdi-Freak, Brecht-Freund, Shaw-Fan und Expressionismus-Fanatiker — für die 15 Minuten der Prüfung. „Sehr gut“ abkassiert, ins Fäustchen gelacht, dann die Rolle wieder abgelegt. …und wer war nochmal Nestroy?
Das Indie-Schwein (Rafael)
Als ich das Glitzern in ihren Augen sah, als wir endlich wieder befreundet waren, nach einem langen, bissigen Streit. Sie hatte ihren MP3- Player dabei, sie wusste, dass mich Musik interessiert. Der Scroller blieb bei „M“ wie „Matchbox 20“ stehen, und sie lobpreiste deren Musik. Ich — als elitäres Indie-Schwein — hätte ihr eigentlich gerne arrogant ins Gesicht gesagt, was ich von Rob Thomas und seiner Truppe halte. Nämlich nicht viel. Aber ich wollte menschlich sein, ich wollte nett sein. Eine Lüge musste herhalten: "Gefällt mir gut, coole Gitarrenriffs, ja, doch, scheint 'ne gute Band zu sein, wie heißen die noch mal?". Währenddem ich log, sah ich sie an, und fühlte mich nicht mal schlecht.
Die Party des Jahres (Linda)
Die „Party des Jahres“ stand vor der Tür. Die Singleparty für junge Landwirte, die jedes Jahr im Nachbarort stattfand. Ein verzweifelter Versuch, nicht mehr ganz so frische Jungbauern unter die Haube zu bringen und somit ein Fortbestehen ihres Hofes zu ermöglichen. Ich war nicht dabei. Ich wollte nicht mit den Worten: „Ich bin Gerd. 150 Hektar Land, drei Deutz-Traktoren, 1A Rinderzucht. Was sagst du?“ auf eine Runde Disco-Fox eingeladen werden. Also log ich, meine Freundinnen hätten es sonst bestimmt wieder geschafft, mich zu überreden. Ich murmelte irgendwas von „noch was für die Schule lernen“ und warf mich gemütlich vor den Fernseher. Am nächsten Tag erreichte mich ein ganz aufgeregter Anruf meiner Freundin. Wie die Party gewesen sei? Mehrere Alkoholvergiftungen, Massen-Prügeleien, es seien sogar angeblich Messer gezückt worden und die Polizei sei auch noch da gewesen. Wer den Streit angefangen hätte? Keine Ahnung, keine Leute von hier. Es sei wohl Eifersucht im Spiel gewesen. Die Party wurde also vorzeitig beendet, meine Freundinnen hatten wirklich Angst gehabt. Ich müsste also froh sein, gelogen zu haben. Vielleicht habe ich aber auch tatsächlich die Party des Jahres verpasst.
Geschlossene Station (Fabian)
Nachdem ich brav den Wehrdienst verweigerte und mir zum Ziel setzte, KEIN Essen auszufahren oder einen ähnlich langweiligen Zivijob auszuüben, bewarb ich mich kurzerhand in einer akuten Aufnahmepsychiatrie. Geschlossene Abteilung.
Ich verstand mich innerhalb kürzester Zeit mit Patienten und Kollegen gut, und begann, den Job richtig zu mögen. Mit einigen Insassen freundet man sich mit der Zeit regelrecht an. Mit Barbara zum Beispiel. Diese 45jährige, psychisch kranke Frau wog sicherlich an die 100 Kilo und lachte den meisten Teil des Tages. Sie malte mir Bilder, die ich immer noch aufbewahre. Sie hat für mich gesungen und wollte mich heiraten. „Den Zivi!“ In der anderen Hälfte musste sie mit tiefen Angstzuständen und grässlichen Psychosen kämpfen. Sie wollte nichts essen, konnte nicht schlafen und hatte große Angst. Jedes Mal, wenn man sie zu Bett brachte, fragte sie voller Furcht: „Mussich sterb'n?“ Diese Frage war immer ernst gemeint. Man erwiderte also: „Nein, Barbara, du musst nicht sterben.“ Erst danach konnte sie einigermaßen schlafen. Wir logen, obwohl wir um ihren Gesundheitszustand wussten… Wir machten es ihr leichter, keine Angst mehr zu fühlen. Zwei Wochen, nachdem mein Zivildienst vorbei war, starb Barbara, nachdem ihr ein Pfleger kurz zuvor noch sagte: „Nein, Barbara, du musst nicht sterben.“ Ich bin froh über diese Lüge, denn sie konnte wenigstens gut schlafen.
Oma zweiter Wahl (Sebastian)
Wie so ziemlich jeder habe ich eine Lieblingsoma und eine Nicht-So-Lieblingsoma. Meine Nicht-So-Lieblingsoma wohnt glücklicherweise zehn Kilometer entfernt, so blieb schon als Kind die Zahl der Besuche übersichtlich. Neulich traf ich sie auf einer Familienfeier und meine Mutter nötigte mich dazu, sie wenigstens zu begrüßen. Kaum war ich in Reichweite, da erdrückte sie mich fast vor lauter Freude. „Setz dich doch.“ (Verdammt!) „Ich hab leider mein Portemonnaie nicht dabei…“ (Verdammt!) „…aber wenn du mal vorbei kommst, da kriegst du was.“ (Verdammt!) „Ja… ähm… Uni-Stress… sooo wenig Zeit… ich würd ja gerne…“ Puh, geschafft. In diesem Moment konnte ich ihr einfach nicht die Wahrheit sagen. Dass ich nämlich Zeit hatte, aber bestimmt nicht für sie. Alten Menschen sollte man ihr Glück lassen und wenn es auch nur eine Illusion ist. Sie kommen ja sowieso nicht mehr dahinter.
Nach dem Quarkkuchen das Kriegspferd (Jasamin)
Da gibt es diese Nachmittage bei Kaffee und Kuchen. Brav isst mein Opa das Stück Kuchen auf, welches ihm meine Oma liebevoll serviert: „Wo du doch den Quarkkuchen so gerne magst, Hans…“ Und dann kommt die Zeit der Geschichten. „Damals, im Krieg…“ Ja, wie war das damals im Krieg? Eigentlich kenne ich die Geschichten in- und auswendig. Zum Beispiel die Geschichte, als der Vorgesetzte meines Opas dessen Pferd haben wollte, und dieses sich aber nur von meinem Opa reiten ließ. „Weißt du, was dann passiert ist?“ — Nein, was denn? Das Pferd hat den Vorgesetzten aus dem Sattel katapultiert, und dieser musste einsehen, dass nur mein Opa es reiten konnte. Oder die Geschichte vom Schiff in der Ostsee. „Weißt du, was da passiert ist?“ — Nein, was denn? Kurz vor der Küste erlitt man Schiffbruch, und die Soldaten sprangen ins Wasser, konnten jedoch trotz der Kälte größtenteils gerettet werden. Jedes Mal kenne ich die Geschichte, und jedes Mal natürlich auch das überraschende Ende. Aber jedes Mal spiele ich wieder die Unwissenheit und lausche gebannt, was damals im Krieg passierte. Und dann freue ich mich, wenn mein Opa sich freut, dass ich mich so über das überraschende Ende der Geschichte freue.
JUSTmag-Redaktion
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