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Die Glaubwürdigkeitsmaschine.

Die Glaubwürdigkeitsmaschine.

Alle müssen Madsen lieben.

Als Juli und Silbermond im Sommer 2004 in kurzem Abstand ihr Debütalbum veröffentlichten, fielen sie damit in der so genannten Szene durch. Das freilich lag größtenteils in der Musik begründet, auch jedoch in der Öffentlichkeitsarbeit der Plattenfirmen, die die beiden Bands nie in den Indie-Kontext zu rücken versuchten. Juli und Silbermond fanden überall dort statt, wo Intro-Leser sich in Abgrenzung üben: Top Of The Pops, TV Total, Bravo

Wenn Madsen am 30. Mai ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichen, versucht sich die Plattenfirma Universal an einem Spagat, der bisher noch keinem gelang: Eine Band gleichzeitig im Mainstream und in der Szene zu etablieren. Sänger Sebastian Madsen streitet diese Tatsache im Interview mit JUSTmag gar nicht ab: „Das ist mir schon bewusst, dass Universal das versucht.“ Im Moment mache es ihnen aber noch nichts aus.
Natürlich haben einstige Independent-Bands wie Tocotronic und die Sportfreunde Stiller längst den Sprung in die Top 10 geschafft, doch benötigten sie dafür Jahre. Auch Wir sind Helden waren bereits bekannt, bevor Plattenfirmen ihnen eine größere Verbreitung ermöglichten, wenngleich ihr Aufstieg wie im Zeitraffer zu verlief. Madsen sollen sofort berühmt werden — und doch glaubwürdig bleiben. Während das bei Juli und Silbermond nicht klappen konnte, scheint der Plan bei Madsen tatsächlich aufzugehen.

Den Mainstream zu erreichen, ist da noch die leichteste Aufgabe. Die Videos laufen regelmäßig auf den großen Musiksendern und haben genau den sauberen Street-Charme, den der gemeine Musikfan noch nicht zu dreckig findet, sie spielen auf großen Festivals wie Rock am Ring und Hurricane, Die Perfektion, die erste Single der Band tut niemandem weh. Poptones bietet den Song als Realtone an. „Davon wusste ich überhaupt gar nichts“, zeigt sich Sebastian Madsen überrascht „Realtones finde ich aber im Gegensatz zu Klingeltönen noch okay.“ Wenige Minuten zuvor hatte er noch erklärt: „Wir gucken schon darauf, dass wir bei allen Entscheidungen ein Mitspracherecht haben, was bisher auch gut klappt.“

Im Normalfall macht der Untergrund dicht, wenn nur der Verdacht des Ausverkaufs besteht und in der Tat taucht in Foren über Madsen eben dieser Vorwurf häufiger auf, dominiert aber keineswegs.

Warum?

Es geht damit los, dass Madsen mit den eingangs erwähnten Bands erstmal nur die deutsche Sprache gemeinsam haben, der Ansatz der Musik ist jedoch ein anderer. Während sich Juli und Silbermond an eingängigem Poprock versuchen, haben Madsen ihre Wurzeln im Alternative/Grunge-Rock. Davon zeugt auch der gelegentliche Schreigesang von Sänger Sebastian Madsen, wenngleich auch ihr Sound sicherlich niemanden vor große Herausforderungen stellt. Vielleicht lässt sich das Debütalbum so beschreiben: Es ist die Platte, zu der viele Menschen im Sommer zum ersten Mal vom Zehn-Meter-Turm springen werden.

Es geht damit weiter, dass Madsen beim diesjährigen Immergut auftreten, ein Festival, das gleichsam jede auftretende Band mit dem Stempel der Glaubwürdigkeit versieht. Universal überließ nichts dem Zufall. Im Herbst 2004 steckte ein Mitarbeiter der Plattenfirma Daniel Kemper, dem Booker des Immergut, ein Demo von Madsen zu. Von Musik und Konzert begeistert, buchte er sie für 2005. „Sie haben Ecken und Kanten und jede Menge Energie“, meint Kemper, „Madsen würden auch ohne die 'neueste deutsche Welle' funktionieren.“

Den größten Dienst erwies der Band aber Thees Uhlmann, Sänger von Tomte, als er die Platteninfo zum Debütalbum verfasste. In gewohnt blumigen Worten schwärmt er von der „besten Debüt-LP seitdem ich über Musik schreibe“. Auch das kein Zufall. Gerne Poets, der Manager von Tomte, hat sich der Jungs von Madsen angenommen und: „Ich bin mit Madsen sehr freundschaftlich verbandelt“, erklärt Uhlmann. Weshalb die euphorische Platten-Info weniger von der Qualität der Musik als von der Verbundenheit zur Band zeugen dürfte, auch wenn Sebastian klarstellt, dass Thees Uhlmann die Platte sofort super gefunden habe.

Sonderbar ist jedoch nicht so sehr der gehäufte Gebrauch von Superlativen sondern die Abwesenheit jeglicher Informationen über die Vergangenheit der Band. Auf der eigenen Homepage sowie auf ihrer Universal-Seite finden sich neben Uhlmanns Text keine weiteren Details zu Madsen, abgesehen von ein paar dürren Steckbriefen der Fünf. Universal weiß den Lobgesang des Tomte-Sängers auf die Band zu nutzen. Wenn andere Informationen fehlen, muss jeder, der diese Band medial aufbereitet, auf die Superlative zurückgreifen. Folglich sind die Info-Texte von Musiksendern bis Musikklubs, in denen Madsen auftreten, durchsetzt mit Zitaten von Uhlmann.
Zudem suggeriert der Verzicht der Plattenfirma auf Hintergrundinformationen die Absicht, die Band als Newcomer zu inszenieren, quasi den Entdecker einer neuen Rockhoffnung zu mimen. Im Universal-Rock Magazin wurden sie genau als das tituliert: Als Newcomer. Auch MTV macht mit und verkündet: „Die Newcomer von Madsen sind ab Mai auf großer Tour, präsentiert von MTV!“ Sebastian gesteht, dass ihn die fehlenden Informationen gestört hätten. „Ich habe noch eine andere Bandinfo geschrieben, die sollte eigentlich bald online gestellt werden.“

Denn: Die Mitglieder von Madsen sind keine Newcomer. Zwar hat die Band in der Tat noch kein Album veröffentlicht, doch hat jeder der fünf Musiker bereits Erfahrungen in anderen Formationen gesammelt. Unter anderem in jener Band, die erst im vergangenen Jahr in Madsen umbenannt wurde.

Im Mittelpunkt stehen die Gebrüder Madsen aus einem kleinen Dorf im Wendland: Sänger und Gitarrist Sebastian, Gitarrist Johannes und Schlagzeuger Sascha. Auch sie haben, wie Juli und Silbermond, eine englischsprachige Bandvergangenheit.
1996 gründeten Sebastian, zu diesem Zeitpunkt 15, und Sascha mit Niko Maurer, heutiger Madsen-Bassist, und Elvis Schulze Trio Infernale, eine Grungerock-Band, nannten sich aber bald in Alices Gun um und gewannen 1997 Local Heroes, einen bundesweiten Bandwettbewerb. Bis 2002 veröffentlichten sie drei Alben. Nebenbei spielten einige von ihnen bei Spaßprojekten wie den Trash Maniacs, eine Band, die eine Mischung aus Rap und Hardcore spielte, und den Fucking Punk Losers, einer ziemlich gradlinigen Melody-Punk-Band.

Erste Aufmerksamkeit außerhalb der Region gewannen sie allerdings mit Hoerstuatz, dem direkten Vorgänger von Madsen. Mitglieder der Band neben den drei Madsen-Brüdern waren Elvis Schulze, Niko Maurer und ein Keyboarder, der die Band jedoch bald wieder verlassen sollte. Sebastian sang zum ersten Mal deutsch, bessergesagt: Er rappte. Hoerstuatz bedienten jenen Sound, der unter der Bezeichnung Crossover längst ausgestorben ist, Johannes stand an den Plattentellern. Die ziemlich holprig anmutende Debüt-EP Komm Raus (erschienen 2001 bei Plattenmeister) verkaufte sich zwar nur knapp 500 Mal, allerdings hatte Lautstark, ein Sublabel von BMG, die Band für ein Album unter Vertrag genommen, eine Tour als Vorband von Die Happy bescherte ihnen neue Fans.
Als die Platte fertig war, ging Lautstark pleite, Gespräche mit anderen Majors scheiterten.
„Wir mussten es leider als Label mehrmals erleben, dass man etwas entdeckt hat, dann bricht eine mittelschwere Euphorie aus, dann kommt der Tonträger auf den Markt und es dauert nicht lange, und die Band löst sich auf“, erklärt Klaus Gebauer von Plattenmeister frustriert. Da das kleine norddeutsche Label nicht die finanziellen Möglichkeiten besaß, strich es die Veröffentlichung der Platte. Sebastian und Sascha konzentrierten sich wieder mehr auf die englischsprachigen Alices Gun. Im selben Jahr erschien das dritte Album, die Band spielte viele Konzerte, unter anderem mit Subway To Sally.

Dann kam das Jahr 2004 und Universal stellte mit Juli fest, dass deutsche Musik sich selbst ohne jahrelange Aufbauarbeit mehr als gut verkaufte. Steigern ließ sich der Erfolg aber nur noch, wenn nicht nur der Mainstream steil ging. Zur gleichen Zeit planten Alices Gun ein neues Album. Zwei Lokalblätter erwähnten im Juni eine Veröffentlichung des vierten Albums im Oktober, Sebastian hatte bereits im Sommer 2003 in einem Alices Gun-Forum von einer neuen Platte gesprochen und wenig später seine kritische Einstellung gegenüber Major-Labels betont: „Die große Plattenindustrie in Deutschland hat wirklich nicht viel zu bieten. (…) Immer mehr kleine Bands gründen irgendwann selber Labels. (…) Wir denken auch darüber nach, das zu machen.“

Diese reservierte Haltung warf er über Bord, als im Sommer 2004 Universal während ihrer Suche nach neuer deutscher Rockmusik auf Hoerstuatz aufmerksam wurden, die sich mittlerweile in Madsen umbenannt hatten. „Wir wollten eigentlich ungern zu einem Major, aber bei Universal fing das ganz anders an“, erläutert Sebastian, „die haben sich direkt um uns gekümmert.“
Crossover war da schon lange vorbei, Johannes hatte die Gitarre übernommen, der Keyboarder Folkert Jahnke war hinzugekommen.

Alices Gun spielten am 10.7. 2004 ihr vorerst letztes Konzert, die Band verschob die Veröffentlichung des Albums, von da an galt die Konzentration Madsen. Elvis Schulze ging noch mit ihnen ins Studio, stieg aber nach den Aufnahmen aus.
Zogen die Madsen-Brüder etwa das Projekt, das mehr Erfolg versprach, dem Projekt vor, das ihnen mehr Spaß machte? Christian Lehnecke, Gründer des Fanclubs von Alices Gun/Hoerstuatz, sieht das anders: „Klar, 2002 und 2003 haben sich alle nur auf Alices Gun konzentriert, aber deutschsprachige Musik haben sie ununterbrochen weiter gemacht.“
Noch entscheidender: „Fünf Songs sind schon vor dem Vertrag entstanden“, erklärt Sebastian, „nach dem Vertragsschluss war ich dann so angestachelt, dass ich in kurzer Zeit noch ziemlich viel geschrieben habe.“ Dennoch gestand er Anfang des Jahres gegenüber Szenepunkt.de: „Sicher hatten wir Glück, dass wir zur richtigen Zeit da waren und sicher ist Universal auf Profit aus.“ Er wirkt fast genervt, als er hinzufügt: „Ach, ich will da nicht drüber reden, das ist nicht meine Aufgabe.“

Seine Aufgabe und die der Band ist es jetzt, auf eine lange Tour zu gehen. Madsen werden mit Wir Sind Helden spielen und mit Tomte, sie haben bereits mit The Used und Virginia Jetzt! gespielt. Sie treten auf dem Immergut, beim Hurricane und Rock am Ring auf. Ein Angebot, mit Juli zu touren, hat die Band abgelehnt, weil die zu sehr nach Charts riechen. Die Plattenfirma wird das freuen. Nicht nach Charts zu riechen ist eine gute Strategie.

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Sebastian Dalkowski


Kommentare



Vapour Trail schrieb am 09.06.2005 um 12:39 Uhr:

ja sebastian hätte größe bewiesen, wenn er noch eine schicke album rezension geschrieben hätte. aber dafür reichte wohl das geld nicht aus.

(der letzte satz darf bei mittelmäßiger grundstimmung gestrichen werden)

laut.de hat ihn jedoch noch überboten. und wie ich hörte geht das sogar justmag möhre kuttner gegen den zeiger.

madsen pansen hoho


Daniel R. schrieb am 07.06.2005 um 23:52 Uhr:

Leute, das ist ein echt guter Artikel. Informativ und auf den Punkt gebracht. Und ein Verriss klingt anders… das sollte eigentlich jeder wissen. Es ist Tatasache, dass die Helden „glaubwürdig“ sind — im Gegensatz zu Juli oder Silbermond. Madsen ist eine Band, die sich durch Musik definiert. Gepaart mit dem riesigen Werbeaufwand und der Unterstützung einiger williger Medien kann das eigentlich nur was werden. Und dass díe Musikwelt in Schubladen denkt, ist leider nicht zu bestreiten. Madsen haben einen langen Weg hinter sich. Sei es Ihnen gegönnt.
Toller Artikel. Danke!

eMail: daniel.rauschenberger@t-online.de

fish schrieb am 05.06.2005 um 13:40 Uhr:

albern, diese Verschwörungstheorien, mir geht's darum ob ich eine Platte gut finde oder nicht. madsen album finde ich gut, hat für mich relevanz, der artikel nicht. kleiner möchte gern wallraff.


Vapour Trail schrieb am 17.05.2005 um 20:40 Uhr:

Böse diese indies die nun geld verdienen.

ich verkaufe btw. unter WWW.hiergibtesbuttonsfüralternative.de auch merchandising für diejenigen, die nun selbst tocotronic nicht mehr verstehen aber irgendwie keine eier für erdmöbel haben. traurige kutten

Antwort von Sebastian am 21.05.2005 um 16:23 Uhr:

Ach Benny, für einen Verriss hätte ich wohl kaum so viel Recherchearbeit investiert… wenn du den Artikel aufmerksam gelesen hättest, hättest du festgestellt, dass ich nichts dagegen habe, dass Madsen Geld verdienen, sondern wie sie es verdienen oder besser wie Universal es verdient.


Vapour Trail schrieb am 17.05.2005 um 20:35 Uhr:

wow sebastian! und bock auf nen richtig dicken verriss?

musst doch true bleiben, oder?


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