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Fake Plastic Jeans.

Fake Plastic Jeans.

Stonewashed Jeans sind mindestens das Ende des Rock'n'Rolls.

Wenn Beine bei falscher Hosenwahl schreien könnten, wäre die (Dorf-)disco die startende Boeing unter den Samstagabend-Ausgeh-Zielen. Jetzt, wo jeder Rock'n'Roll sein will, ohne sich schmutzig machen zu müssen, hat sich aus der Hölle der Geschmacklosigkeit eine Hose aufgemacht, jeden Deppen wie einen noch größeren Deppen aussehen zu lassen: Die Stonewashed-Jeans.

Seit mehr als zwei Jahren drängt sich dieser Schnellschuss der Bekleidungsindustrie in die Regale der C&As und H&Ms und hat die klassische Jeans fast vollkommen ausgeschaltet. Vorbei die Zeiten, als man in eine ausgeleierte Jeans noch vieles investieren musste und vor allem Zeit. Auf Bolzplätzen, vor der Waschmaschine, auf dem Skateboard… Heute investiert man nur noch Geld. Menschen, die Jeans früher bei jedem Anzeichen von Abnutzung der Knie eine neue gekauft haben, könnten heute gar nicht genug helle Streifen haben zwischen Knie und Hosenbund — nur weil sie eben künstlich sind — und das wäre auch schon das, was einfach angeprangert werden muss: Stone-washed-Jeans sind die Casting-Band unter den Hosen. Nicht echt, nicht Seele, nicht Arbeit, nicht Schweiß, nicht gut. Wie Schwimmen ohne nass werden, wie Video gucken und bis zum Schluss vorspulen. Man muss mit der Hose all die Dinge mitgemacht haben, die sie zu dem machten, was sie jetzt ist. Und wer fährt schon nach Taiwan oder Thailand, um sich in einen Bottich voller Bleichmittel oder Steine zu setzen? Eine Jeans entwickelt sich wie ein Kind und das kann man schließlich auch nur richtig ins Herz schließen, wenn man es von Anfang an begleitet hat.

Aber es solle bitte niemand meinen, eine Jeans im Second-Hand-Laden zu kaufen, sei hingegen moralisch vertretbar. Eigentlich übertrifft es die Stonewashed-Jeans noch an Verwerflichkeit, denn während ein Träger dieser immerhin zugibt, für echten Verschleiß nicht die Zeit und den Bodenkontakt zu haben, versucht der Träger einer Second-Hand-Jeans ja genau das vorzugeben.

Vielleicht wäre die Stonewashed-Jeans auch noch recht erträglich, wenn nicht überwiegend ziemliche Idioten dieses Teil tragen würden. Denn die haben sich es direkt zur Aufgabe gemacht, ihr Aussehen rundum zu überholen und sich nicht nur einen leichten Ziegenbart wachsen lassen (Hat je eine Frau Sympathie für dieses Kinngestrüpp angedeutet?), unter der Sonnenbank gebräunt und einen mit sieben Kilogramm Gel in Form gebrachten Kurzhaarschnitt zugelegt, sondern auch diese seltsamen Schuhe gekauft, die entweder so aussehen, wie Michael Schumachers Rennfahrertreter oder diese Puma-Fußball-Schuhe mit abgesägten Stollen. Und dann sagen sie solche Sätze wie „Ähm… krchz… also… ey, cool… die schlepp' ich heut Abend ab.“

Meine Jeans sieht nicht nur alt aus, sie ist es auch. Denn sie ist mehr als stonewashed. Sie ist life-washed und wenn Beine bei falscher Hosenwahl schreien könnten, sie würden es auch bei mir nicht tun. Denn nach vier Jahren ist mir das Teil einfach viel zu eng.

Sebastian Dalkowski


Kommentare



Romy schrieb am 01.09.2004 um 20:16 Uhr:

da hat aber jemand mein bewusstsein geschärft.
sehr amüsant zu lesen , aber vor allem sehr wahr .


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