 Against the Stimmbruch.
Conor Oberst spielte mal in einer Band, die heute keiner mehr kennt.
Im Jahr 1997 veröffentlichte eine Band mit dem seltsamen Namen Commander Venus ihr zweites Album The Uneventful Vacation. Der Sänger, ein 17-jähriger Brillenträger, hatte gerade erst den Stimmbruch abgeschlossen und noch Schwierigkeiten, die Töne zu treffen. Doch während diese Stimme noch als „unique“ bezeichnet wurde, galt die Musik unter Kritikern als weiterer, wenn auch durchaus hörbarer Versuch, Vorbilder zu kopieren. „Ich erwischte mich selbst dabei, wie ich mir wünschte, dass die Band mal weniger sichere Gewässer betreten sollte“, urteilte John Carson in seiner Rezension. Auch Commander Venus erkannten, dass zu dieser Zeit zu viele Gruppen diesen an Bands wie die Pixies und Superchunk angelehnten Sound spielten, und lösten sich noch im selben Jahr auf.
Vermutlich wäre diese Band aus Omaha auch in Vergessenheit geraten, wenn nicht einige der Mitglieder noch für Aufsehen gesorgt hätten und dies noch heute tun. Bassist Todd Baechle gründete The Faint, die dem New Wave neue Impulse verliehen. Tim Kasher rief Cursive ins Leben, eine Band, die mit Cello einen Ausweg aus der Sackgasse Emo aufzeigte. Gitarrist Robb Nansel schuf Saddle Creek Records und — richtig — Frontmann Conor Oberst, der einst 17-jährige Brillenträger, ist nun Kopf der Bright Eyes und von Desaparecidos und wird momentan von allen Seiten als Bob Dylan des dritten Jahrtausends gefeiert. Kurzum: Commander Venus waren ein Allstar-Team der Indie-Musik — aber eben nur im Nachhinein.
Conor Oberst war es auch, der 1994 mit 14 Jahren Commander Venus gründete. 1995 erschien bereits ihr Debütalbum Do you feel at home? auf Saddle Creek Records mit einer Auflage von 1000 Exemplaren. Saddle Creek Records war allerdings zu dieser Zeit noch kein offizielles Label, sondern nur von Conors Bruder gegründet worden, um dessen erste Kassetten zu veröffentlichen, die er schon mit zwölf, dreizehn Jahren aufgenommen hatte.
Die Songs auf Do you feel at home? trugen obskure Namen wie My Other Car Is A Spaceship oder When Two Vowels Go Walking; The First One Does The Talking und waren geprägt von wildem Punk-Grunge-Geknüppel, das nur durch das Alter der Bandmitglieder zu entschuldigen war. Derweil sang Conor mit einer unerträglich brüchigen Stimme, die sich auf dem Höhepunkt des Stimmbruchs befand, giftige Zeilen über das böse Weibsvolk. „You always lie to me, the bitch she lies to me“ oder einfach nur „Fuck you, fuck you, fuck you“. Fällt es heute noch vielen schwer, dem heute auch erst 23-jährigen Oberst seine Gebrochenheit abzunehmen, war das auf diesem Album sicher noch weniger möglich. 15-jährige können eigentlich noch gar nicht so oft und so bitter enttäuscht worden sein. Auch Robb Nansel hat mittlerweile Schwierigkeiten mit den früheren Aufnahmen. „Diese Platten waren für mich damals wichtig“, meint er, „aber heute haben sie nicht mehr viel Wert für mich. Ich denke, die Musik, die Conor heute macht, ist interessanter und wichtiger.“
The Uneventful Vacation, das eingangs erwähnte Zweitwerk, war dann doch nicht so gewöhnlich, wie viele Kritiker schrieben, im Vergleich zum Debüt hatte die Band sogar eine erstaunliche Entwicklung vollzogen. Musikalisch machten Commander Venus mindestens zwei Schritte weg vom Punk und näherten sich dem, was heute Emo heißt — was nicht die Musik meint, die Bands wie Dashboard Confessional oder Jimmy Eat World spielen. Die Band, aus der Tim Kasher mittlerweile ausgestiegen war, blieb laut, doch ließ sie in Songs wie Life as Expected auch ruhige Momente zu, um am Ende wieder gigantische Gitarrenbretter aufzufahren. Auch Conors Stimme war mittlerweile aus dem Gröbsten raus und präsentierte sich annähernd in dem Zustand, in dem sie sich heute befindet — was freilich noch immer viele nur schwer ertragen können. Die Texte wurden origineller, oberste Inspirationsquelle jedoch blieb die Liebe, vor allem die gescheiterte oder die nicht erreichte. „I'll cut my heart out and leave it here on the stage / And you can come pick it up after the show /And when you find out what I really meant you let me know“, gibt er in Dress to Please leidend von sich. Oder: „Nothing happens, I just can't go on /Tell me why we have to live like this“ (Jeans T.V. ). Vielleicht die schönste Zeile: „Only one of us is alone and it's not you.“ (Life as Expected). Natürlich ist das noch lange nicht der Conor, der fünf Jahre später mit Songs wie Let's Not Shit Ourselves Geschichten erzählt auf eine Weise, die den Hörer wünschen lässt, er möge schnell auch einen Roman veröffentlichen, aber mit 17 Jahren… da machen sich andere darüber Gedanken, ob das Auto eigentlich schon tief genug liegt.
Platten von Commander Venus zu ergattern dürfte übrigens zu einer schwierigen Angelegenheit werden, zu kaufen gibt es die zwei Alben offiziell zumindest nicht mehr. Aber es gibt da ja gewisse Alternativen, vermutlich sitzt Ihr gerade davor.
Sebastian Dalkowski
|