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Bright Eyes - I'm Wide Awake, It's Morning

Die Schönheit des Scheiterns.

Band Bright Eyes
Album I'm Wide Awake, It's Morning
Plattenfirma Saddle Creek/Indigo
Bewertung 8 von 9 Punkten

In seinem Buch 31 Songs schreibt Nick Hornby in einem Kapitel über die Wirkung, die erschütternde Musikerbiografien auf Plattenrezensenten ausüben. „Der Gebrauch harter Drogen wird von Rockkritikern häufig als Lebenserfahrung missdeutet“, stellt er treffend fest und beschließt, nur noch aufmunternde Musik zu hören. Dieser Satz beschreibt exakt jenes Problem, das sich mit jeder neuen Veröffentlichung der Bright Eyes bei vielen zurückmeldet. Muss man also I'm Wide, Awake It's Morning, das zeitgleich mit Digital Ash In A Digital Urn erscheint, bereits deshalb gut, ja phänomenal finden, weil Sänger und Songschreiber Conor Oberst schon sehr häufig von Drogen Gebrauch gemacht hat und Gerüchten zufolge auch einem Selbstmord ziemlich nahe stand? Zumal er auch weiterhin in seinen Songs auf seine Abhängigkeit anspielt. So lässt sich Lua, im Vorjahr ganz oben in den amerikanischen Billboardcharts, als Geschichte eines Pärchen lesen, das sich jeden Abend mit Drogen in einen Rausch versetzt, nur um am nächsten Morgen ernüchtert aufzuwachen: „The love I sell you in the evening // By the morning won't exist (…) but what was normally in the evening // by the morning seems insane.“ In anderen Songs fallen ebenfalls Worte wie „liquid cure“ oder „drugs“.

In Anlehnung an Nick Hornby ließe sich jetzt all denen entgegenhalten, die Oberst mit Spott überschütten, dass Lebensalter von Rockkritikern häufig als Lebenserfahrung missdeutet wird. In der Tat macht es den Eindruck, als versuchten die älteren Jahrgänge das Leidensmonopol für sich zu beanspruchen. Mit 24 Jahren könne schließlich noch niemand vom Leben gezeichnet sein. Diese Degradierung Obersts macht jedoch immer mehr den Eindruck, nur der verzweifelte Versuch zu sein, die alten Helden von Dylan (der ebenfalls sehr früh Ruhm erlangte) bis Springsteen davor zu bewahren, von den Bright Eyes einfach überrollt zu werden. Denn es gibt keinen Zweifel: Conor Oberst ist zwar nicht die Stimme seiner Generation, aber gerade deshalb hat er so viel zu sagen und liefert unter Mitwirkung von mehr als einem Dutzend Musikern, darunter Emmylou Harris und Mitgliedern von Cursive, My Morning Jacket und Azure Ray, mit I'm Wide Awake, It's Morning ein Album ab, das den Vorgänger Lifted noch einmal deutlich übertrifft. Es ist das ruhigere der beiden zeitgleich veröffentlichten Platten, das Singer/Songwriter-Album, das Country/Folk-Album und für Bright Eyes-Verhältnisse geradezu unverschämt eingängig. Lo-Fi-Aufnahmen fallen weg, gleichwohl gibt es noch immer keine Refrains, keine schmissigen Melodien.

Trotzdem klingt Oberst in seinen Texten so bitter wie zuvor, nur klingt das eben nicht mehr so arrogant, sondern vielmehr mitfühlend, ja bisweilen sogar ein wenig tröstlich. I'm Wide Awake ist der todtraurigste Start ins Jahr, den man sich vorstellen kann, das steht schon nach dem Opener At The Bottom Of Everything fest, in dem er Zeilen wie diese rausjagt: „While my mother waters plants // My Father loads his guns // He says death will give us back to god“Am Ende stellt Oberst resigniert fest: „I'm happy, just because I found out I'm really no one.“

Und in diesem Ton geht es weiter. Drogen, Außenseitertum, gesellschaftliche Probleme und natürlich: Die amerikanische Außenpolitik. Doch Oberst ist klug genug, keine reinen Protestsongs zu schreiben, keine Songs, in denen die Worte oil und fascist regime auftauchen. Er streut die Sätze immer wieder ein, lässt sie nebenbei fallen: „And the whole world must watch the sad comic display // If you're still free start running away // Cause we're coming for you“ (Land Locked Blues). Richtig bitter wird es in Road Of Joy: „I have my drugs // I have my woman // They keep away my loneliness // My parents have their religion // but sleep in separate houses.“ Das klingt alles andere als nach einer Ode To Joy, mit dessen Versatzstücken der Song spielt. Es ist auch der einzige Song, in dem es richtig laut wird und sich Oberst' Stimme überschlägt wie in früheren Tagen (wobei das leichte Zittern der Stimme weiterhin überall zu hören ist). „Well I could have been a famous singer // If I had someone else's voice // But failure always sounded better // Let's fuck it up boys // Make some noise.“
Und es kommt noise, von Gitarren, Drums, Trompeten und Keyboards. Oberst kann noch das in diesem Kontext gallig daherkommende „I'm wide awake it's morning“ heraus schreien, dann stürzt alles ein.

Ein Song aber lässt die Wolkendecke immerhin für einen kurzen Moment aufreißen. First Day Of My Life ist der vielleicht anrührendste Liebessong, der je geschrieben wurde. „This Is The First Day Of My Life // I'm glad I didn't die before I met you“, gesteht Conor und ist dabei ganz allein mit seiner Akustikgitarre. Keine Mandoline, keine Drums, keine Steel Guitar. Und das ist das Einzigartige: Man hört diesem 24-jährigen Kerlchen zu, selbst wenn er Refrains beiseite schiebt und große Gesten meidet. Man hört ihm zu, auch weil man wissen will, was er da eigentlich singt. Und irgendwann stellt man fest: Verdammt, ist das gut!

Damit aber ist Conor Oberst noch lange nicht der neue Bob Dylan. Conor Oberst ist einfach der alte Conor Oberst in neu und I'm Wide Awake ist das beste Singer/Songwriter-Album, das je von einer Band eingespielt wurde.

Fazit: Und weg ist er… niemand wird Conor Oberst in den nächsten Jahren wieder einholen. Niemand. I'm Wide Awake, das sind 45 eindringliche Minuten voller Tränen, Schmerz, Trauer und ein bisschen Hoffnung.

Sebastian Dalkowski

Tourdates

Di, 22.02.2005 Köln, Stollwerck
Do, 24.02.2005 Hamburg, Fabrik
Fr, 25.02.2005 Bielefeld, Ringlokschuppen
Mi, 02.03.2005 Berlin, Postbahnhof
Do, 03.03.2005 München, Georg-Elser-Halle

Support: Rilo Kiley


Kommentare



omaha schrieb am 05.07.2005 um 15:41 Uhr:

the future is bright — flipping thoughts des mastermind oberst.
besser geht es nicht


conor schrieb am 05.07.2005 um 15:13 Uhr:

bright eyes forum: http://brighteyes.br.funpic.de

Homepage: brighteyes.br.funpic.de

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