 Steh zu deiner Band!
Es geht um alles. Die Band. Dein Leben. Was du mit beiden tust.
Es gibt grundsätzliche Fragen, deren Beantwortung Leben beeinflusst: Welche Leistungskurse belege ich? Für welchen Fußballklub entscheide ich mich (Und für welche empfinde ich im Umkehrschluss tiefste Verachtung)? Coca Cola oder Pepsi? Star Trek oder Star Wars?
Eine dieser Fragen ist die Frage nach der Band. Der einen Band, die einen begleiten könnte über einen langen, langen Zeitraum. Die Band, von der man sich alle fünfzehn Jahre die komplette Werkausgabe auf dem jeweils aktuellen Datenträger nachkauft. Die Band, für die man beginnt, ein Instrument spielen zu lernen. Die Band, an die, wenn deren Name fällt, alle deine Bekannten reflexartig an dich denken. 2/10 deiner Musiksammlung gehören ihr, du hast die Bandmitglieder mindestens dreimal persönlich getroffen, und das, obwohl du Personenkult als eine pubertäre Entbehrlichkeit ablehnst.
Die Band. Die Band ist keine Indieheadbefindlichkeit — „Die habe ich schon gehört, als es sie noch gar nicht gab.“ Es geht nicht um den Zeitpunkt. Sondern. Darum: Zu hören. Sie zu hören, wenn alle sie hören. Wenn niemand sie hört. Nach obskuren Coverversionen Tauschbörsen durchforsten. Verrauschte Bootlegmitschnitte zu überhöhten Preis dubiosen Geschäftemachern abschwatzen. Regelmäßig das Internetforum der offiziellen Fanseite besuchen. Irgendwie immer wissen, was die Band gerade macht. Sich für die Nebenprojekte der Mitglieder interessieren, gegebenenfalls auch käuflich erwerben. Den Wikipediaeintrag überarbeiten. Die VHS- Kassette mit dem selbst aufgenommenen Rockpalastauftritt nicht überspielen, obwohl dieses Konzert längst auf der, natürlich längst schon gekauften, DVD enthalten ist. Aufkleber an unmöglichen Stellen anbringen. Textzitate unauffällig in die Alltagssprache integrieren.
Die Band. Kostet Zeit. Du kannst nicht von heute auf morgen beschließen, dass sie es ist. Du musst Zeit mit ihr verbringen, ungezählte Stunden investieren, mit ihnen aufwachsen, in fremde Städte ziehen, Freunde kommen und gehen sehen und die Band muss dabei sein. Auf Tapes, in Urlaubsreisen, zum Frühstück, deine Eltern müssen ihren Namen kennen, deine Feinde. Sie schleicht sich von hinten an, die Band, hält deine Augen zu und wenn du die Welt wieder siehst, dann ist es…
Die Band. Sie muss dich begeistern, natürlich. Und enttäuschen. Vor allem das. Es wird ein Album geben, welches du furchtbar findest. Ein Tiefpunkt. Ein Tiefschlag. Musikalisch. Textlich. In jeder Hinsicht. Dennoch steht dieses Album in drei verschiedenen Editionen (exklusive dem japanischen Import) in deinem Plattenschrank. Eine Zeit lang hast du versucht, auf die Band zu verzichten. Mochtest plötzlich D'N'B, weil er so anonym ist. Hast Merzbow gehört. Oder 3 Doors Down. Was auch immer. Und dann kam der Punkt. Der Punkt, an dem sich entschied, ob deine Band nur eine Band war. Oder die eine. Du hast angefangen, ihre alten Sachen wieder zu hören. Die neuen Stücke haben dich angerührt, dich in Verzückung gestürzt, nicht weil die Band sie gemacht hat, sondern weil die Songs so waren. Großartig. Grandios. Das warst du nicht mehr gewohnt.
Die eine Band muss sich ändern. Weil du dich ja auch änderst. Du wirst den musikalischen Weg, den sie einschlagen, verteidigen, die neuen Promofotos schlicht, aber elegant finden, du wirst die Band vor alten Fans verteidigen („Sie haben vermehrt das elektronischen Element benutzt, um nicht zu stagnieren“). Und insgeheim wirst du stolz sein auf deine erwachsene Meinung.
So wie die Band, die mindestens einmal in ihrer Laufbahn vor einer Auflösung stand (sich aber dann entschlossen hat, lieber das namenlose Album mit dem schmucklosen Cover aufzunehmen, welches die Kritiker lieben, das aber auch in deinem Klub gespielt wird, ohne dass du dem DJ einen gefalteten Papierzettel zustecken musst), hast du dich entschieden. Dafür, dass die eine vor der Band in kursiv steht.
Irgendwann geht es auch nicht mehr um Gut oder Schlecht. Sondern nur noch um das Sein an sich. Um eine Art religiöse Beziehung; man stellt die Band nicht mehr in Frage, auch nicht die eigene Begeisterung dafür. Jeder weiterer Song ist nur ein Ausschlag auf einer nach rechts offenen x-Achse in einem Koordinatensystem, welches nicht weniger als dein Leben ist. Und das Koordinatensystem ist unverrückbar. Du vertraust deiner Band. Weißt, dass sie nicht im Stande ist, wirklich Schlechtes zu produzieren. Und falls doch, können sie es begründen. Mit Argumenten der Kunst, der persönlichen Weiterentwicklung, wie auch immer. Du wirst dir das wirklich Schlechte schönhören, es verstehen und irgendwann als das Beste bezeichnen, was sie jemals gemacht haben. Deine Band und du — es könnte eine Ehe sein, wenn es nicht so wichtig wäre.
Die Band, die sich aufdrängt, eine der einen Bands zu sein (so wie einst Bob Dylan, David Bowie, Peter Gabriel, Depeche Mode, Pet Shop Boys, The Bad Seeds, vielleicht auch Grönemeyer oder wie sie alle heißen mögen, die in Würde Leben begleiten, ohne in von Gottschalk moderierten Oldienächten aufzutreten), ist Radiohead. Von Creep zu There There, war, das spüren wir in jeder Sekunde, in der wir ihnen lauschen, der richtige Weg, der vielleicht einzige mögliche Weg durch ein Jahrzehnt. Nirvana. Auch so eine Band, abgefeiert auf spiegel.de und dennoch wichtig, weil es auch noch in Jahrzehnten Archivmaterial geben wird, was es wert ist zu veröffentlichen. Oasis. Flaming Lips. Jeder hat seine eigene Geschichte und das ist gut. Die eigene Geschichte. Die eigene eine Band. Zu der Band stehen heißt auch zu sich stehen.
Ich schreibe dies, während ich die neue Tocotronic Platte höre. Eine Platte, die mich vor die Frage stellt: Ist „Pure Vernunft darf niemals siegen“ der Punkt, an dem ich mich entscheiden muss? Oder habe ich diesen Punkt längst überschritten? Widme ich den Liedern, die mich nur in ausgewählten Momenten begeistern, eine unangebracht große Aufmerksamkeit? Nur weil es eben die Band ist? Oder ist mir die Qualität der Lieder mittlerweile gleich? Werde ich sie anstandslos verteidigen und mich beim nächsten Konzert freuen, dass sie nur die neuen Sachen spielen? Ich weiß es nicht. Ich höre, schwanke zwischen Enttäuschung und den Augenblicken, die…
Die eine Band. Ich werde sehen, wie lang die x-Achse ist.
Stefan Petermann
Kommentare
| fenchurch schrieb am 23.02.2005 um 22:43 Uhr: |
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Wieso weisst du alles von mir und Nick Cave? Komisch.
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| Nina schrieb am 17.01.2005 um 20:39 Uhr: |
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Ja, die eine band …
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| cursor schrieb am 01.01.2005 um 18:56 Uhr: |
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