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Tim Renner - Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!

Der Seminarreader

Autor Tim Renner
Titel Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm!
Verlag Campus
Seiten 300
Bewertung 6 von 9 Punkten

Tim Renner hat ein Buch geschrieben, das helfen möchte. Helfen zu verstehen, worin die Ursachen für die derzeitige Krise der Musikindustrie liegen. Dazu setzt sich Renner, unverkrampft wie ein Englischreferendar mit verwuscheltem Haar und verwaschenem Sex Pistols — Shirt auf den Lehrertisch und reiht in einer klaren, sachlichen Sprache Fakt an Fakt. Und das ist die eigentliche Überraschung des Buches: BWL statt Gossip. Trotz seiner ehemaligen Funktion als MOTOR Labelchef verzichtet Renner größtenteils auf süffisante Ankedoten und bleibt stattdessen bei einer distanzierten Haltung gegenüber dem Thema und der eigenen Arbeit.

Dieses Ausklammern seiner Rolle bzw. dem Beschränken darauf hinzuweisen, dass die Probleme schon früh erahnt aber zu spät bekämpft wurden, hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl. Als Leser positioniert man sich und kann den Autor nicht aus seiner Verantwortung entlassen, gerade weil er Teil eines Systems war, das er kritisiert.

Unterteilt ist das Buch in zwei größere Teile. In der ersten Hälfe unternimmt Renner eine Reise durch die Geschichte der Plattenindustrie, die ebenso die Entstehung technischer Standards wie Fallbeispiele ausgewählter Labelmacher (z.B. Alfred Hilsberg oder Richard Branson) schildert. Ausgangspunkt der Krise war Renners Meinung nach der zunehmende Einfluss des Kapitals auf die Plattenfirmen, die in den 90ziger zu Abteilungen globaler Entertainmentnetzwerke degradiert wurden. Als Folgen benennt er den Verzicht auf einen längerfristigen Künstleraufbau, der damit verbundenen Überproduktion von Kompilationen, respektiven OneHitWondern, ein börsenähnliches Quartalsdenken und die Unfähigkeit, auf technologische Neuerungen entsprechend zu reagieren.

Im „Neuen Testament“ schließlich schlägt Renner vor. Erklärt neue Geschäftsmodelle, verfolgt spekulative Gedankengänge und entwirft wirtschaftliche Szenarien. Leider verliert in diesem Teil des Buches der Musikenthusiast gegen den Marketingtheoretiker. So bleibt am Ende das Bild der 90er als ein Tanz auf dem Vulkan, während die Zukunft, in die Renner optimistisch blickt, längst noch nicht angebrochen ist.

Fazit: Ein Buch wie ein unterhaltsamer Seminarreader: „Aufstieg und Fall der Musikindustrie“. Keine sensationelle Internaplauderei, sondern eine größtenteils sachliche Auseinandersetzung mit einem Thema, was uns irgendwie alle betrifft.

Stefan Petermann



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