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Platte des Monats in Ausgabe 06/2004
Wilco - A Ghost Is Born

It's OK To Not Know.

Band Wilco
Album A Ghost Is Born
Plattenfirma WEA
Bewertung 8 von 9 Punkten

Da ist ein Ei. Sonst nichts. Da ist nur dieses Ei. Irgendwas wird, irgendwas MUSS da gleich passieren. Auch im Hintergrund — nichts zu sehen. Wie auf einer Bühne steht es da, das Ei auf dem Cover der neuen (fünften) Wilco-CD A Ghost is born. Im Publikum wird es ruhig. Alles verstummt. . . . Stille. Nichts.
Was war das? Einige glauben, es knacken gehört zu haben…plötzlich irgendwo im Zuschauerraum ein Schrei. Jeder will sehen, was geschehen ist. Als sie sich zurück zur Bühne wenden, ist das Ei offen. Aber scheinbar ist nichts rausgekommen. Oder doch? Später werden einige wenige, die hingesehen haben, behaupten, sie hätten zwar etwas gesehen, aber könnten nicht genau sagen, was es war. Ein Geist ?

Zwei Jahre ist es her, seitdem uns Wilco ihr letztes Album Yankee Hotel Foxtrot zum Geschenk machten. Anders kann man es nicht sagen. Yankee war ein wahnsinns Geschenk. Das was Indie-Leute hören, wenn sie erwachsen werden. Es war effektiv und clever instrumentierter, relaxter Antrieb. Ohrwürmer einzigartiger Vielschichtigkeit. Jedes Lied trug eine Atmosphäre in sich, die die unbedingte Aufmerksamkeit des Hörers forderte. Und dieser Sound! Es gibt eine Fülle von Arten, wie man einen Akkord spielen kann, und noch viel mehr Möglichkeiten gibt es, einer Melodie zum Leben zu verhelfen. Genau das ist es was Wilco so grossartig macht — dieses Wissen um Wert und Notwendigkeit des Essentiellen. Dem sind sie grösstenteils treu geblieben, die Songs an sich haben sich jedoch etwas geändert. Jetzt wirkt alles gerader, gesetzter, mehr live und klassischer im Songwriting.
Jeff Tweedy, Kopf der Band, wollte es so. Die Lieder sollten mehr im Zeichen leidenschaftlicher Liveversionen stehen. Es wird — mit einigen Ausnahmen — weniger experimentiert und die tollen, mysteriösen Klangwelten von Yankee sind viel mehr in den Hintergrund gerückt. Das vermisse ich.

Es ist eine eher ruhige Platte geworden. Und auch der Opener At least that´s what you said beginnt mit erhabener Ruhe. Langsam und leise haucht uns Tweedy die ersten Sätze ins Ohr. Er gibt uns kleine Gedankensplitter und Augenblicke (s)eines Lebens, behält jedoch — über die Platte hinweg — die sinngebenden Zusammenhänge für sich. Dann nach zwei Minuten entsteht aus dieser Ruhe plötzlich ein Gewitter. Ein Abschied gleich am Anfang, denke ich mir. Es hört sich an wie ein Ringen ums Loslassen. Wie noch einmal durch die Hölle gehen zu müssen, mit dem Bewusstsein, dass man danach raus ist. Immer wieder stelle ich mir einen einsamen Läufer vor, der sich auf eine lange Läuterungsstrecke begibt, die ihm alles abverlangt und alle Kräfte und Sinne erfordert, die man sich vorstellen kann. Doch da ist dieser unerschütterliche Glaube daran, es am Ende zu schaffen…und obwohl seit der zweiten Minute nichts mehr gesungen wurde, sagst du dir am Songende: „Ja Jeff, genau so ist es!“ Der bedeutendste Song der Platte.
Dennoch: Alles was nach diesem ersten Stück kommt, ist großes, erfahrenes Songwriting mit Mut zur Lücke. Oft ist eine Liebe zum Blues hörbar, besonders im zweiten Stück Hell is Chrome, das scheinbar von Tweedys offensichtlich besiegter Medikamentensucht erzählt. Dann ist da Spiders(Kidsmoke), das auch gut auf Yankee gepasst hätte und dich langsam in seinen hypnotisch-monotonen Strudel zieht. Es lässt dich ganz schön warten…es macht dich völlig nervös und heiß darauf zu erfahren, was gleich passieren wird. Wie bei dem Ei. Du spürst nur noch diesen wahnsinnigen Drang, bis du dir fast nicht mehr wünschst, dass überhaupt noch eine wohlverdiente Auflösung auf dich wartet. Ob eine kommt, verrat ich aber nicht. Man könnte über jeden Song einen Aufsatz schreiben. Das macht gute Musik aus. Der Bass ist immer weich, aber er ist da; sanft eingebettet, als ob er schon immer dort gewesen wäre. Das kommt besonders beim ruhigen, verdammt wohltuendem Muzzle of Bees zum Tragen.

Es ist unter anderem Tweedys Stimme, die mich seit langem so begeistert an dieser Band. Als ob man den Mann einmal zerbrochen hätte und er sich selbst wieder zusammengesetzt hat. Er wirkt wie jemand, der die Höhen und Tiefen des Lebens kennt und die Wichtigkeit deren Zusammengehörigkeit zu schätzen weiß…Und dabei findet er es doch doof, wenn Leute wie ich meinen, ihn aufgrund seiner Songs einschätzen zu können.
Es ist eben nicht einfach nur, was er singt, sondern wie er es singt. So voller Traurigkeit, Weisheit und Größe. Er hat halt einfach den Blues — besser gesagt seit Jahren Depressionen. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, Lieder wie Hummingbird zu Tage zu fördern, das von Paul McCartney geschrieben sein könnte. Mit Theologians und den treibenden Gitarren sowie ideal eingesetztem zweistimmigen Gesang von I´m A Wheel bekommen wir sogar noch zwei tolle Songs für den Sommer mit auf den Weg.
Störend allerdings, wirkt der letzte Song The Late Greats — und dabei hätte Less Than You Think (der vorletzte Song) doch so super gepasst, um die Platte zu beenden.

Thematisch, meint Tweedy, ginge es auf A ghost is born mehr um die Suche nach seiner eigenen Identität. So etwas muss aber nicht zwingend eine bedenkliche oder gar traurige Angelegenheit sein — und so strahlt die Platte auch eine deutlich größere Bestimmtheit aus, als es damals bei Yankee der Fall war. Er kommt in einem Interview zu dem Schluss, dass es in Ordnung sei nicht zu wissen, mit welcher seiner Persönlichkeitsfacetten man sich identifizieren sollte. „IT'S OK TO NOT KNOW!“

Fazit: Das hier ist anders als Yankee Hotel Foxtrott und auch nicht so extrem herausragend! Aber Lieder, die so reduziert und effektiv sind wie Jesus etc. und dir auf den Punkt ins Herz fallen, schreibt man eben nur einmal im Leben. Trotzdem: Eine tolle Platte und sicher mit das Beste, was derzeit aus Amerika kommt! Wir sehen uns auf der Rheinkultur.

Mathias Bickel



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